Freitag, Jänner 21, 2022

Nur Krämerseelen wollen immer alles ganz genau wissen - und i-Tüpferlreiterei ist eines  großen Geistes unwürdig.

Haaaach, diese Brise! Riechen Sie’s? Dieses salzige, unverkennbare Aroma des mächtigen Meeres? Und schauen Sie, dort drüben, backbords – da an der Küste, gleich neben dieser Hotelruine, genau – da hab ich grad einen Delfin gesehen! Jaja, das Mittelmeer, ein Juwel. Und wenn man sein eigener Kapitän ist – das ist das Leben! Wenn die Segel knattern und die Planken in der Frühlingssonne glitzern! Da weiß man gar nicht mehr, warum man wieder zurück soll ins kalte österreichische Wintergrau!

Dabei ist das Leben so ungewiss! Ja, sicher ist nur der Tod, sag ich immer! Aber glauben Sie, die Krämerseelen zuhause wollen das akzeptieren? Immer müssen Sie’s genau wissen! Bis auf die fuffzigste Nachkommastelle! Wo bleibt da die Großzügigkeit, frage ich? Ist diese I-Tüpferlreiterei nicht eines großen Geistes unwürdig?

Früher, ja, da hat das Leben als Banker noch Spaß gemacht. Das waren noch Zeiten! Für richtige Männer! Wo ein Handschlag noch was gegolten hat! Ich sag Ihnen was, nie vergesse ich SEIN schelmisches Grinsen, wie er den Taschenrechner genau von dieser Reling ins Meer gepfeffert hat! »Wird scho passen!« Der Bärentaler, also, DAS war noch ein Politiker mit Format. Aber was sage ich, wenn die Sonne vom Himmel gefallen ist, leben die Hinterbliebenen in dunklen Zeiten. »Unser Geld für unsere Leut«, naja, aber es ist trotzdem nicht mehr dasselbe. ER fehlt uns.

Da! Schon wieder ein Delfin! So eine Yacht ist was Feines, sag ich Ihnen, da erinnert man sich doch dunkel, warum man sich das alles antut mit den Meetings, den Geschäftsessen, den Vieraugengesprächen, den Bierzeltkonferenzen, den Aufsichtsratssitzungen, den eidesstattlichen Vernehmungen … »Da fehlt aber was in Ihrer Bilanz!« »Die Risikoberechnung geht sich nicht aus!« Ja, Herrschaftszeiten, will man da oft schreien, was glauben S’ denn, warum das »Verrechnung« heißt?!? Und alles wegen der paar läppischen Millionen …! Keine Großzügigkeit im Denken, ich sag Ihnen, es ödet mich an. Ein paar Dutzend Millionen! Dabei würden manche Freunde aus dem Ausland liebend gern für den österreichischen Pass und ein hübsches Platzerl für eine Luxus-Datscha am Wörthersee ein paar Milliönchen …  Aber wenn dann bei der Bank irgendwo ein paar hundert Millionen abgehen – frage nicht!

Aber so ist das in unserer kleingeistigen Heimat. Kaum fehlt wo eine mickrige Milliarde oder zwei, tun alle so, als wüssten sie’s besser! Dabei kann das jedem passieren! So vier, fünf Milliarden sind ja nix in dieser Wirtschaftskrise! Ja, mein Gott, oder dann sollen's halt meinetwegen auch sechs oder sieben gewesen sein, aber es gibt durchaus auch Assets, die diese Bank hat! Diese Yacht zum Beispiel – die ist doch tadellos, oder? Und im Ernst: Was sind schon zehn, zwölf oder 19 Milliarden im Angesicht der majestätischen See? Ja, ich sag Ihnen: Geld verdirbt den Charakter. Ehrlich: Ich hab gute Lust, überhaupt nicht mehr anzulegen.

Im Hafen, mein ich.

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