Freitag, Jänner 28, 2022
Nachhaltigkeit - ein Muss

Die Verpackungsindustrie hat die Pandemie deutlich besser als andere Branchen überstanden und kann sehr optimistisch in die Zukunft blicken. Der Markt befindet sich jedoch im Umbruch: Veränderte Kundenanforderungen, technologischer Fortschritt und Margendruck führen zu einem Umdenken bei Materialien und Herstellungsprozessen.

Die Pandemie verstärkte und beschleunigte Entwicklungen, die sich zuvor bereits abzeichneten. Zu den Gewinnern gehört auch die Verpackungsbranche, die vom anhaltenden Trend zum Online-Handel unmittelbar profitiert. Was in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist: Heimische Verpackungsunternehmen zählen aus wirtschaftlicher und technologischer Sicht zu den großen Playern des globalen Marktes. Konzerne wie Mayr-Melnhof, Mondi, Greiner, Schur Flexibles oder Alpla genießen Weltruf.

Trotz guter Auftragslage ist die Situation bei den Unternehmen derzeit angespannt. Neben steigenden Rohstoff- und Energiepreisen bringen Probleme bei der Beschaffung des Rohmaterials die Betriebe unter Zeit- und Kostendruck. »Die Lieferketten funktionieren noch nicht wie früher. Das führt zu Zeitverzögerungen«, erklärt Georg Dieter Fischer, Obmann des Fachverbandes der Papier und Karton verarbeitenden Industrie (Propak).



Georg Dieter Fischer, Propak: »Die Lieferketten funktionieren noch nicht wie früher.«


»So paradox es klingt: Die Auftragsbücher sind vielfach voll, aber gleichzeitig kämpfen die Betriebe um die Wertschöpfung.« Die Materialknappheit treibt die Preise in die Höhe. Bei Rohpapieren für Transportverpackungen sind Preissprünge von bis zu 70 Prozent zu verzeichnen – eine historische Marke. Propak-Obmann Fischer rechnet erst im Laufe des kommenden Jahres mit Entspannung.


Lebenszyklus betrachten 

Untätig auf den Wachstumsboom zu vertrauen, könnte ohnehin fatal enden. Der Verpackungsmarkt steht vor tiefgreifenden Veränderungen, wie die Studie »Die europäische Verpackungsindustrie 2025« der Unternehmensberatung Horváth & Partners konstatiert. Ohne Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit werden es Unternehmen künftig schwer haben, sich im internationalen Wettbewerb behaupten zu können.

»Die zunehmende Bedeutung der Kreislaufwirtschaft, vermehrte Regulatorik und die generelle Anforderung der Klimaneutralität an die produzierende Industrie werden die weitere Entwicklung in der Verpackungsindustrie erheblich beeinflussen«, betont Studienleiter Christoph Kopp.

Dazu trägt auch das geänderte Konsumverhalten bei. Die Akzeptanz von E-Commerce ist hoch wie nie und wird sich auch nicht mehr zurückentwickeln. Bei den Konsumgütern geht die Tendenz zu kleineren Verpackungsgrößen – umweltfreundliche Verpackungslösungen sind Pflicht. »Nachhaltigkeit wird sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich zur Selbstverständlichkeit«, meint Kopp.

Im Sinne der Kreislaufwirtschaft müssen Hersteller den gesamten Lebenszyklus einer Verpackung betrachten. Das beginnt beim Verpackungsdesign, bei dem bereits Ressourcenschonung mitgedacht wird, und endet bei der Trennung und Wiederverwertung der Rohstoffe.



Recycelter Kunststoff ist auf dem Markt noch nicht in ausreichender Menge verfügbar. Einige Unternehmen investieren in eigene Aufbereitungsanlagen.

Materialkompetenz und Ressourceneffizienz sind die Schlüssel zur Differenzierung im Wettbewerb. Innovationen zielen vorwiegend auf die Entwicklung nachhaltiger Verpackungslösungen ab. Insbesondere an recycelten, nachwachsenden und kompostierbaren Rohstoffen wird intensiv geforscht. Verpackungen aus mehreren Materialien, die nur schwer recycelbar sind, sollen durch Mono-Verpackungen abgelöst werden. Besonders schwierig gestaltet sich der Ersatz von Kunststoffanteilen, etwa Folien.

Papier- und faserbasierte Verpackungen müssen ähnlich gute Barriereeigenschaften aufweisen, um den Hygiene- und Schutzanforderungen zu entsprechen. »Wichtig ist dabei, dass durch einen veränderten Ressourceneinsatz die ursprünglichen Eigenschaften der Verpackung nicht zum Nachteil der Schutz- und Haltbarkeitsfunktion geändert werden, was signifikante Anstrengungen in der Produktentwicklung erfordert«, erläutert Horváth-Partner Kopp. Besondere Bedeutung gewinnen in diesem Zusammenhang Biokunststoffe, die eine höhere Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen ermöglichen und eine verbesserte Umweltbilanz aufweisen.


Technologieführerschaft 

Auch der Gebrauch der Verpackung – Transport, Lagerung, Schutz und Haltbarkeit des Produkts – wird im ökologischen Fußabdruck abgebildet. Konsument*innen bevorzugen zunehmend Produkte, die in Papier oder Karton verpackt sind, lassen dabei aber einen wichtigen Faktor außer Acht: Das verpackte Produkt weist in der Regel eine zehn- bis 200-fach höhere CO2-Bilanz auf als die Verpackung selbst.



In der Gesamtbilanz schneidet die Industrie durchwegs besser ab als der Konsumgüterbereich. Während in der Industrie in erster Linie recycelbare Stoffe zum Einsatz kommen, sind es bei Konsumverpackungen, die 60 Prozent des gesamten Verpackungsvolumens ausmachen, vorwiegend (Verbund-)Kunststoffe. Drei Viertel des weltweiten Verpackungsumsatzes werden mit Papier, Pappe und Karton (36 %) sowie Kunststoffverpackungen (41 %) erzielt, der Rest entfällt auf Metall (12 %), Glas (7 %) und sonstige Materialien (4 %).

Karton gilt als die nachhaltigste Verpackung schlechthin. Der Rohstoff Holz ist erneuerbar und wird in der europäischen Industrie aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern bezogen. Gebrauchte Verpackungen können mehrfach verwendet und wiederverwertet werden und haben mit 85 Prozent die höchste Recyclingrate aller Verpackungsmaterialien. Gelangen papierbasierte Verpackungen in die Umwelt, lösen sie sich innerhalb weniger Wochen ohne Rückstände auf. Vor allem in der energieintensiven Produktion gibt es dennoch einigen Spielraum bei der Erreichung der Klimaziele.

Die Mayr-Melnhof-Gruppe hat sich der weltweiten Initiative »Business Ambition for 1.5°C« angeschlossen und verpflichtet sich zur Setzung wissenschaftsbasierter Ziele. Diese sehen bis spätestens 2050 Netto-Null-Emissionen in der gesamten Wertschöpfungskette vor. CEO Peter Oswald positioniert die MM-Gruppe als »Nachhaltigkeitsunternehmen, das mit innovativen rezyklierbaren Verpackungen an der Spitze der Vermeidung von Plastikmüll steht«: »Zusätzlich ist die Reduktion von Treibhausgas­emissionen ein integrierter und fester Bestandteil unserer Unternehmensstrategie.«




Peter Oswald, CEO bei Mayr-Melnhof: »Integrierter Bestandteil unserer Unternehmensstrategie«.


Bis 2022 investiert das Unternehmen über 100 Millionen Euro in die umfassende Erneuerung des Stammwerks Frohnleiten, Europas größtem Recyclingkartonwerk. Volldigitalisierte Prozesse werden die Effizienz in der Altpapieraufbereitung deutlich erhöhen und gleichzeitig den Verbrauch von Energie und Wasser senken. »Technologieführerschaft und Nachhaltigkeit sind ein wesentlicher Teil unseres langfristigen Erfolgskonzepts«, betont Oswald.

»Umweltfreundliche Verpackungslösungen stehen im Trend – durch die umfangreichen technologischen Neuerungen sichern wir die nachhaltige Abdeckung des wachsenden Bedarfs mit attraktiver Wertschöpfung für den Standort und die Region.« Er sieht die Steigerung von Produktqualität und Kapazitäten als Voraussetzung für weitere Einsatzmöglichkeiten von Recyclingkarton, beispielsweise als Ersatz für Plastikverpackungen.


Klimafreundlicher Kunststoff 

Bei Kunststoff gestaltet sich der Kreislauf aufgrund der komplexeren Zusammensetzung ungleich schwieriger. Recycelter Kunststoff ist zudem auf dem Markt noch nicht in ausreichender Menge verfügbar. Große Unternehmen trachten danach, ihren Bedarf zumindest teilweise über eigene Recyclinganlagen zu decken.

Das Vorarlberger Familienunternehmen Alpla produziert Kunststoffverpackungen, vor allem Flaschen, Tuben und Verschlüsse, für unterschiedlichste Branchen an 180 Standorten rund um den Globus. Seit 2021 führt Philipp Lehner in dritter Generation den Konzern und steckt sich ambitionierte Ziele:

Bis 2025 will man 25 Prozent recyceltes Material verwenden, 50 Millionen Euro fließen jährlich in den Ausbau der Recyclingaktivitäten. Kreislaufwirtschaft und Recycling sind seit langem Teil der Erfolgsstory. Bereits vor 15 Jahren eröffnete Alpla mit Coca-Cola in Mexiko das erste Recyclingwerk, Ende 2022 werden es elf Standorte auf drei Kontinenten sein.



Philipp Lehner, Alpla: »Ich sehe uns in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.«

Gemeinsam mit einem schwedischen Unternehmen wird an der Entwicklung einer biobasierten, recyclingfähigen Papierflasche geforscht – eine Markteinführung bis 2023 scheint möglich. Trotz dieser Innovationen hält Lehner am Kerngeschäft fest: »Es gibt keinen klimafreundlicheren Verpackungswerkstoff als Kunststoff.« Unter der Marke Blue Circle Packaging bietet Alpla künftig Verpackungslösungen an, die biologisch abbaubar sind. Die Basis bilden Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Das erste Produkt aus diesem Sortiment sind Kaffeekapseln, die zu Hause kompostierbar sind.


Besser als die anderen

Die Marktkonsolidierung schreitet voran. Kleinere Anbieter können aufgrund fehlender Investitionen in neue Technologien und effizientere Prozesse auf lange Sicht nicht wettbewerbsfähig bleiben. Die zahlreichen Mergers & Acquisitions der letzten Jahre werden sich weiter fortsetzen, sind die Experten von Horváth & Partners überzeugt. Sie sehen in der Branche einen enormen Entwicklungsdruck. Um noch Effizienzsteigerungen erreichen zu können, sind weitgehend automatisierte Abläufe – in der Produktion wie auch in der Administration – unumgänglich.



Der künftige Erfolg der Verpackungsunternehmen wird zweifellos davon abhängen, wie gut sie das Thema Nachhaltigkeit abdecken und Lösungen entwickeln, die den Kundennutzen sichtbar erhöhen. Mit der hauseigenen Kompetenz haben Player, die Innovationen gezielt forcieren, das entscheidende Ass im Talon. 


Die Studie

Für die Studie »Die europäische Verpackungsindustrie 2025 – Trends, Perspektiven und Erfolgsfaktoren in einem kompetitiven Marktumfeld« befragten die Expert*innen von Horváth & Partners zahlreiche Top-Manager*innen der Verpackungsbranche. Zudem flossen die Erfahrungen aus einer Vielzahl an Projekten ein, die von der Unternehmensberatung in den vergangenen Jahren begleitet wurden.

Die Studie erschien im Herbst 2021 und steht unter folgendem Link: www.horvath-partners.com zum Download zur Verfügung.

Log in or Sign up