Mittwoch, Dezember 08, 2021
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Energie – in der Gemeinschaft erzeugt  und verbraucht

Sie beflügeln die Fantasie im Klimaschutz, der Immobilienwirtschaft und Stadtentwicklung gleichermaßen: Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz wird das europaweite Konzept der Energiegemeinschaften im österreichischen Markt umgesetzt. Ein Publikumsgespräch des Report Verlag informierte am 22. September zu den Potenzialen, rechtlichen Herausforderungen und der Wirtschaftlichkeit des neuen Gemeinschaftsmodells rund um erneuerbare Energie.

Die Diskutantinnen:
- Lorena Škiljan, Gründerin und Managing Partner Nobilegroup
- Bernhard Zimmermann, Director Business Development Zühlke Österreich
- Martin Schiefer, Partner Schiefer Rechtsanwälte
- Franz Fertl, geschäftsführender Gemeinderat Marktgemeinde Tulbing
- Martin Szelgrad, Chefredakteur Energie Report

Kurzvideo mit den besten Statements: https://www.youtube.com/watch?v=QAFIo3r1H2w

Hintergrund: Was sind Energiegemeinschaften?
Mit dem im Juli beschlossenen Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) gibt es weitere Möglichkeiten für Bürger*innen und Unternehmer*innen, an der Energiewende teilnehmen zu können. So wird mit »Energiegemeinschaften« die gemeinschaftliche Erzeugung, die Lieferung und der Verbrauch direkt zwischen Teilnehmer*innen unterstützt. Bei einer »Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft« ist die lokale Eingrenzung der Teilnehmer*innen wesentlich. Sie müssen sich im selben Netzgebiet befinden, dafür werden Netztarife reduziert. Eine »Bürger­energiegemeinschaft« wiederum kann auch über die Grenzen eines Netzbereichs hinaus umgesetzt werden. Sie betrifft nur elektrische Energie, die auch nicht ausschließlich aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden muss. Hierbei fallen die üblichen Netzentgelte an.

Report: Wer sind die Zielgruppen für Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften? Wen sprechen Sie an?

Lorena Škiljan: Bereits bei der Gründung unseres Unternehmens war uns klar, dass Energiegemeinschaften das zentrale Thema sind, mit dem wir uns beschäftigen wollen. Aufgrund der Regulative der Europäischen Union war die Umsetzung lokaler Energiesysteme auch in Österreich nur eine Frage der Zeit. Wir haben uns in dieser Zeit intensiv mit Akteur*innen in anderen Ländern ausgetauscht, die bereits Energiegemeinschaften umgesetzt hatten. Jetzt haben wir mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz in Österreich die Grundlage für dieses Geschäftsmodell. Unser Ziel ist, kleinteilige erneuerbare Energiesysteme zu ermöglichen – mit dem Engagement einer »Bottom up«-Bewegung in der Bevölkerung und bei Kleinunternehmer*innen. Wir unterstützen Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften beim energiewirtschaftlichen Engineering, beraten und betreuen diese.



Bild: Lorena Škiljan sieht neue Chancen für die Wirtschaft und das Erreichen der Klimaziele gleichermaßen.

Report: Welchen wirtschaftlichen Nutzen haben die Teilnehmer*innen von Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften?

Škiljan:
Prinzipiell erspart man sich die Netzgebühren für überregionale Infrastruktur, da nur für jene lokalen Netzebenen, die weiterhin benötigt werden, Kosten anfallen. Teilnehmer*innen können zumindest eine Ersparnis zwischen 40 und 60 Prozent bei jenem Drittel der Stromrechnung, das Netzgebühren betrifft, erwarten. Aber auch bei den Steuern und Abgaben gibt es eine wesentliche Erleichterung, da die Elektrizitätsabgabe gänzlich wegfällt, ebenso die Ökostrompauschale. Damit werden auch Photovoltaikanlagen grundsätzlich rentabler werden – vielleicht gehen sich für Betreiber*innen damit punktuell sogar Investitionen in Speichersysteme aus. Auf jeden Fall sehe ich mit den Energiegemeinschaften endlich die Chance auf ein Ende des üblichen Herumgezerres bei der Wirtschaftlichkeitsfrage bei Erneuerbaren. Das Ganze wird jetzt schmackhaft und es macht Freude.

Report: Was ist Ihr Appell an den Markt?

Škiljan:
Technologie, Innovation und neue Geschäftsmodelle helfen nicht nur dem Klima, sondern fördern auch das Wirtschaftswachstum. Wir sind davon überzeugt, dass das bestehende Energiesystem und die neuen Systeme gut koexistieren werden – und dies im Hinblick auf die Klimaziele Europas und Österreichs auch müssen. Es ist höchste Zeit für Veränderungen, die wir alle – egal wo wir stehen – anstreben sollten. Ich bin überzeugt, dass es künftig nur mit einem bidirektionalen Energiesystem funktionieren kann. Deswegen werden wir auch weiterhin Übertragungsnetze und die großen Kraftwerke der Energieversorger benötigen. Haben wir doch alle – Haushalte, Betriebe und Gemeinden – Spaß an diesen neuen Möglichkeiten. Nehmen wir den Menschen die Ängste und packen wir es gemeinsam an.




Bild: Bernhard Zimmermann empfiehlt Communitys auch Informationsaustausch untereinander.

Report: Welche Chancen und auch Hürden sehen Sie bei der Vernetzung von Geräten und Systemen?

Bernhard Zimmermann:
Wenn wir zukünftig unsere Energie smarter in den Gemeinschaften verteilen wollen, brauchen wir dafür möglichst intelligente Geräte in den Haushalten. Die einzelnen Komponenten müssen dazu energiewirtschaftlich ganzheitlich betrachtet werden. Wir haben als Innovationsdienstleister dazu unterschiedlichste technologische Lösungen mit verschiedenen Reifegraden. Letztendlich geht es immer darum, wie wir den Kund*innen den größten Mehrwert bringen können. Eines unserer Steckenpferde sind smarte Geräte, die wir seit Jahren für den Haushaltsbereich entwickeln. Wichtig dabei sind die richtigen Schnittstellen, um diese neuen Geräte zu vernetzen. Technologie ermöglicht neue Maßnahmen für Nachhaltigkeit – auch wenn gerade das Thema Energiegemeinschaften Herausforderungen auf mehreren Ebenen bringt.

Report: Welche Herausforderungen kommen auf die Planung und den Betrieb von Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften zu?

Zimmermann:
Wir müssen in der Planung von Projekten lernen, wie sich die Gemeinschaft in der Lastverteilung verhält. Gerade bei Biogasanlagen könnte es praktisch werden, diese lastabhängig zuzuschalten, wenn etwa gerade die Sonne untergeht und Photovoltaik weniger produziert oder einmal weniger Wind weht. Im »Micro Grid« geht es um die Zusammenarbeit all dieser Komponenten und eine ganzheitliche Betrachtung auch in Richtung Smart Home und Smart Building. Denn wenn jede*r nur seine eigene Insellösung bauen und betreiben würde, wäre das denkbar schlecht. Idealerweise werden künftig nicht lokale Systeme einzeln optimiert, stattdessen bildet sich eine große Community aus unterschiedlichsten, vernetzten Energiegemeinschaften für den Wissensaustausch und das Finden des besten Betriebsmodus. In diese Themenbreiten fallen dann auch Energiespeicher für die kurz- und mittelfristige Speicherung von überschüssiger Energie hinein oder langfristige Speicherung wie etwa über synthetische Gaserzeugung.

Report: Wie kann die Bevölkerung für diese Themen gewonnen werden?

Zimmermann:
Themen rund um erneuerbare Energieerzeugung waren früher etwas für Idealist*innen und technikaffine Personen. Jetzt aber können viele Bürger*innen erreicht werden – wenn die Lösungen tatsächlich Plug-and-play-fähig sind. Die Einfachheit wird für den Erfolg essentiell sein. Viele Menschen wollen Energie so konsumieren, dass sie möglichst nachhaltig agieren. Ich denke, wir haben mit dem Thema der Energiegemeinschaften auch einen gewissen Bildungsauftrag dazu. Gerade mit digitalen Plattformen können hier entscheidende Vorteile gemeinsam mit Energiemanagementsystemen erzielt werden, vielleicht auch mit einer Anbindung an Open Data wie etwa Wetterdaten, die natürlich einen Einfluss auf die Erzeugung und den Verbrauch haben. Das alles zusammenzufassen, mit künstlicher Intelligenz angereichert, ist die Herausforderung, die wir noch gemeinsam angehen müssen. Der Startschuss ist gefallen. Die technischen Komponenten gibt es. Sie müssen nun möglichst intelligent und zum Nutzen der Bürger*innen zusammengeführt werden.





Bild: Rechtsanwalt Martin Schiefer ortet vielfache Herausforderungen in der Umsetzung.

Report: Warum sind die neuen Energiegemeinschaften auch für den kommunalen Bereich spannend?

Martin Schiefer:
Ich beschäftigte mich seit längerem mit vergaberechtlichen Themen im Energiesektor rund um den Rollout der Smart Meter oder neuen Geschäftsfeldern im Bereich IoT, dem Internet of Things. Als Berater der öffentlichen Hand sieht man, dass Länder, Gemeinden und ausgelagerte Rechtsträger wie Krankenhäuser an den Themen Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie wie eigene PV-Anlagen nicht vorbeikommen. Öffentliche Auftraggeber stehen oft im politischen Spannungsfeld und können von den neuen basisdemokratischen Möglichkeiten profitieren.

Report: Worauf sollte bei einer Gründung einer EEG geachtet werden?

Schiefer:
Eine Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft zu gründen, klingt relativ einfach. Doch die Tücke liegt im Detail und es kommt stets ein Konglomerat aus Gesellschaftsrecht, Energierecht und Vergaberecht zusammen. Gründer können vor allem einmal natürliche Personen, aber auch kleine und mittlere Unternehmen und Gemeinden sein. Etwas Gewinn darf eine Gemeinschaft auch machen, prinzipiell sollte sie aber ›gemeinnützig‹ sein.

Ist man als Genossenschaft oder GmbH aufgestellt, wie sieht es mit der persönlichen Haftung aus und kann ich auch eine Personengesellschaft gründen? All das gibt das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz nicht vor und ist zu entscheiden. Dann, praktisch gesehen: Wie gehen wir mit Eintritten und mit Austritten von Gesellschaftern in der Energiegemeinschaft um? Jeder, der schon einmal einen Gesellschafterstreit erlebt hat, weiß wie schnell das wegen Kleinigkeiten eskalieren kann. Weiters haben wir auch das Verhältnis der Energiegemeinschaft zum Netzbetreiber zu beachten. Hier reicht es nicht, den Gründungsakt gesellschaftsrechtlich gut zu formulieren, es braucht auch die Details gemäß ElWOG, dem Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz, ausgearbeitet.

Report: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Umsetzung und im Betrieb?

Schiefer:
Ist eine Gemeinde die Betreiberin, gibt es in jedem Bundesland unterschiedliche Anforderungen zu Beteiligungsmöglichkeiten und Genehmigungsanforderungen durch die Aufsichtsbehörde. Wenn man nun etwas größer denken will, gehören auch Themen wie etwa die Verantwortung, sich mit weiteren Energiegemeinschaften zu vernetzen oder gar zusammenzuschließen, beachtet. Eine Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft ist nichts für Anfänger und muss entsprechend professionell aufgestellt werden. Gerade auch für Gemeinden bedeutet das vergaberechtliche Anforderungen, sobald diese ab einer bestimmten Größe mit privaten Partnern kooperieren. Ich bin überzeugt, dass auch der Rechnungshof diese Kooperationen prüfen wird.

Wir haben hier sehr viele Themen, die wir bearbeiten können: energierechtliche, gesellschaftsrechtliche, vergaberechtliche und natürlich auch viel Zwischenmenschliches. Eine Energiegemeinschaft kann nur funktionieren, wenn die Organe und Vertreter gut aufgestellt sind und es kooperative Elemente in den Verträgen gibt. Wenn man sich an die Profis hält und wenn man eine ambitionierte Community hat, wird etwas Gutes daraus entstehen.





Bild: Franz Fertl scharrt in den Startlöchern für die Umsetzung einer EEG in Tulbing.

Report: Warum ist Ihnen das Thema erneuerbare Energien wichtig? Was ist dazu bisher in der Gemeinde Tulbing geschehen?

Franz Fertl:
Auch wenn wir eine relativ kleine Gemeinde mit wenigen tausend Haupt- und Zweitwohnsitzen sind, beschäftigen wir uns seit einem Jahr intensiv mit diesem Thema. Die dezentrale Versorgung ermöglicht, wichtige Umweltthemen zu adressieren und wir wollen das natürlich auch als Gemeinde unterstützen. Im privaten Bereich sehen wir seit Jahren enormen Ausbau mit Photovoltaik und wir haben 2017 auf unserer neuen Volksschule eine PV-Anlage mit über 40 kWp realisiert, jetzt Anfang des Jahres auch bei einem Wasserwerk, um die Bevölkerung in der Marktgemeinde Tulbing verlässlich mit dem hochqualitativen Lebensmittel Wasser versorgen zu können. Wir schauen uns die Möglichkeiten der Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften genau an, lassen uns beraten und sind dazu auch mit anderen Gemeinden im Austausch. Bürger*innenbeteiligung ist für uns eines der Schlüsselthemen, um den Ausbau der Erneuerbaren in Österreich mittels Investitionen möglichst umsetzen zu können. Als Kommune haben wir den Vorteil, dass wir nicht gewinnorientiert agieren müssen. Am Ende des Tages muss eine Energiegemeinschaft aber so aufgesetzt werden, dass sie auch sinnvoll und effizient betrieben werden kann. Wir haben dieses Projekt konkret im Sommer gestartet und sehen nun einer Umsetzung entgegen.

Report: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie für Planung, Umsetzung und Betrieb einer EEG in Tulbing?

Fertl:
Alle diese rechtlichen Fragen bereiten uns die eine oder andere Sorge: Wie gestaltet man die Energiegemeinschaften bestmöglich? Was ist der richtige Weg? Strom ist neben den Grundlagen der Ernährung und der Wasserversorgung das Wesentliche in unserem Leben heute. Dieser muss auch weiterhin verlässlich und ausfallsicher funktionieren. Ich sehe schon die Herausforderung im Zusammenspiel der vielen Verbraucher*innen, die sich netzseitig auch hinter verschiedenen Trafostationen befinden – allein in unserer Ortschaft haben wir eine zweistellige Trafoanzahl. Wir überlegen auch ein mögliches gemeinsames Wirken mit Nachbargemeinden, was wieder entsprechende Organisation benötigt. Wenn in unserem Sportverein einmal etwas nicht gleich hundertprozentig funktioniert, ist das kein Problem. Wenn aber der Strom nicht da ist, haben wir alle Sorge.

Dann braucht es natürlich auch die technischen Voraussetzungen für Energiegemeinschaften: Der Netzbetreiber Netz Niederösterreich hat im September den Smart-Meter-Rollout in Tulbing gestartet. Es ist einer von vielen Bausteinen am Weg zu einer EEG.

Report: Welche ökonomischen Vorteile erwarten Sie durch eine Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft?


Fertl:
Wir erwarten etwa im Bereich des Einkaufs von PV-Systemen gewisse Skalierungseffekte und den einen oder anderen Hunderter für die Nutzer*innen.


Hintergrund: Koordinationsstelle gestartet
Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz wurde die Möglichkeit geschaffen, Energiegemeinschaften zu gründen und sich damit aktiv an der Energiewende zu beteiligen. Um die Umsetzung rasch voranzutreiben, wurde die Österreichische Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften ins Leben gerufen. Sie steht in engem Austausch mit dem Klimaschutzministerium und E-Control und ist Schnittstelle zu allen Stakeholdern, wie bundesweiten Interessenvertretungen, innovativen Dienstleistern, der angewandten Forschung, sowie zu lokalen und regionalen Akteur*innen. Vier Millionen Euro Förderbudget stehen ab sofort zur Verfügung.
energiegemeinschaften.gv.at

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