Samstag, September 25, 2021
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Geschäftsmodell Kreislaufwirtschaft

Effizienter Ressourceneinsatz und geschlossene Materialkreisläufe schonen nicht nur die Umwelt, sondern eröffnen auch Chancen für Unternehmen. Die Ideen reichen von innovativen Recyclingkonzepten bis zur Entwicklung neuartiger Werkstoffe.

Weltweit werden jährlich rund 90 Milliarden Tonnen Ressourcen verbraucht. Auf jeden Menschen entfallen somit pro Jahr durchschnittlich etwa zwölf Tonnen – Biomasse, Baustoffe, fossile Brennstoffe, Metalle und Mineralien, die für die Herstellung von Konsumgütern und die Erhaltung unseres Wohlstands eingesetzt werden. Nach ihrem ersten Gebrauchszyklus verlieren Konsumgüter 95 Prozent an Wert und Material. Stetig werden mehr Ressourcen verbraucht als nachwachsen können – eine Art des Wirtschaftens, die längst nicht mehr zeitgemäß und zukunftsfähig ist. Mit dem europäischen Green Deal fiel der Startschuss für den Umbau des derzeit linearen Wirtschaftssystems hin zu einem regenerativen Modell. Produktionsabläufe und Konsumverhalten sollen sich grundlegend ändern und der Einsatz von natürlichen Ressourcen reduziert werden, um Klima und Umwelt zu schonen. Kreislauffähiges Wirtschaften stellt darin eine der Säulen für Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsführerschaft dar.

Eine im Februar 2021 veröffentlichten Studie des Circular Economy Forum Austria legte jedoch erhebliche Mängel und Wissenslücken zum Verständnis von Kreislaufwirtschaft offen. 88 Prozent der 350 Vertreter*innen aus Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesellschaft zeigten sich zwar überzeugt, dass ihre Organisation einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten kann. Wie weiterführende Fragen ergaben, versteht allerdings die Hälfte der Befragten unter dem Begriff klassisches Recycling, 28 Prozent Abfallbewirtschaftung. Diese weit verbreitete Annahme bezieht sich vorwiegend auf das Lebensende von Produkten und Materialien. Marktchancen hinsichtlich kreislauffähiger Produkte, Materialien und Designs sowie innovative Geschäftsmodelle oder digitale Lösungen für echte Kreisläufe werden hingegen vernachlässigt.

Als Anlass für bereits erfolgte Initiierung oder Implementierung von Kreislaufinnovationen in Unternehmensprozesse wurden vor allem die Reaktion auf gesellschaftliche Problemstellungen (60 %), Ressourcenknappheit (55 %) und Innovationsdruck (52 %) gesehen. Hohe Rohstoffkosten und Regulierungsdruck bzw. gesetzliche Vorgaben (40 %) waren weitere Gründe, um sich mit Kreislaufwirtschaftsprojekten im Betrieb auseinanderzusetzen.

Bild oben: AfB (»Arbeit für Menschen mit Behinderung«) übernimmt gebrauchte IT von Unternehmen, bereitet sie auf und verkauft die Geräte wieder.  

Kreislauf ohne Verluste

Echte »Circular Economy« ist Wirtschaft ohne Abfall, geht weit über Recycling hinaus und bedeutet die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Das Konzept umfasst den gesamten Lebenszyklus: Bereits beim Design wird sichergestellt, dass das Produkt lange hält, gut repariert und wiederaufbereitet werden kann. Die Nutzungsphase wird somit intensiviert und verlängert. Am Ende der Lebensdauer sollen die verschiedenen Wertstoffe durch Demontage und Sortieren weitgehend getrennt und stofflich für die erneute Nutzung aufbereitet werden können.

In einigen Bereichen funktionieren die Kreisläufe bereits gut, teilweise scheitert es noch an den technischen Voraussetzungen. Beispielsweise machen Gebäudeabfälle rund die Hälfte des gesamten Müllaufkommens aus – diese können nur zu einem geringen Teil mit hoher Qualität wieder verwertet werden. Bei hochwertigem Stahl aus Autos beträgt der Wiederverwertungsanteil zwar 90 Prozent, dieser wird jedoch zu niedrigerwertigem Baustahl verarbeitet, nur acht Prozent des ursprünglichen Wertes bleiben erhalten.

Bild oben: Ingo Frank, Werner & Mertz: »Chemische Aufbereitung von Kunststoff hat mit Recycling rein gar nichts zu tun.«

Besonders groß ist aktuell das Interesse an praktikablen Lösungen für die Aufbereitung von Kunststoff. Das Mainzer Unternehmen Werner & Mertz, das am Standort Hallein die Reinigungsprodukte Frosch, Erdal und green care professional produziert, räumt in einem Animationsfilm und einer groß angelegten Social-Media-Kampagne mit Missverständnissen zum Thema Kreislaufwirtschaft auf: So werden beim mechanischen Recycling die Kunststoffflaschen zur Gänze wiederverwertet, während beim chemischen Recycling nach einer energieintensiven Aufbereitung aus zehn Flaschen nur höchstens eine, zusätzlich aber giftige Nebenprodukte und Emissionen entstehen. Die kindliche Aufmachung des Spots soll nicht über den Ernst der Sache hinweg täuschen, meint Ingo Frank, Geschäftsführer von Werner & Mertz Hallein: »Statt mit erhobenem Zeigefinger erläutern wir echtes Recycling hier mit großen Kulleraugen und wahrem Sanftmut. Unsere Botschaft ist allerdings knallhart: Chemische Aufbereitung hat mit Recycling rein gar nichts zu tun.«

Der Chemiekonzern BASF hat »Circular Economy« zur Unternehmensstrategie erklärt. Dafür konzentriert sich das Unternehmen auf drei Aktionsfelder: zirkuläre Rohstoffe, neue Materialkreisläufe und neue Geschäftsmodelle. Von 2025 an sollen jährlich 250.000 Tonnen recycelte und abfallbasierte Rohstoffe anstelle von fossilen Rohstoffen verarbeitet werden. Bis zum Jahr 2030 will man den Umsatz mit Lösungen für die Kreislaufwirtschaft auf 17 Milliarden Euro verdoppeln. So entwickelte BASF gemeinsam mit Security Matters Limited eine intelligente Technologie für die physische und digitale Rückverfolgbarkeit von Kunststoffen, um einen geschlossenen Recyclingkreislauf zu ermöglichen.

Bild oben: Mit der neuen Kampagne »Her mit Leer« will Klimaschutzministerin Leonore Gewessler die Sammelquote von Altbatterien erhöhen: »Aktuell wird nicht einmal jede zweite Batterie fachgerecht entsorgt.« 

Comeback für Pfand

In Österreich werden nur 25 Prozent der Kunststoffe recycelt. Die Sammelquote für Plastikflaschen sank sogar von 76 Prozent im Jahr 2001 auf derzeit 70 Prozent. Um die EU-Vorgaben zu erfüllen, muss Österreich die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen bis 2025 verdoppeln. Ein mögliches Pfandsystem für Einweg-Getränkeflaschen, das sich in anderen Ländern gut bewährt, sorgt seit Monaten für heftige Debatten zwischen Politik, Wirtschaft und Umweltschutz.

Unabhängig von einer gesetzlichen Regelung will der Mineralwasserproduzent Vöslauer Anfang 2022 eine moderne PET-Mehrwegflasche auf den Markt bringen. Das Familienunternehmen, mit mehr als 40 Prozent Marktanteil die Nummer eins am österreichischen Mineralwassermarkt, folgt seit Beginn der 2000er-Jahre einer ambitionierten Nachhaltigkeitsstrategie. Ein Großteil der für 2025 anvisierten Ziele wurde bereits erreicht. Alle PET-Flaschen bestehen bereits zu 100 Prozent aus recycliertem Material, der CO2-Ausstoß konnte im Vergleich zu 2005 halbiert werden.

»Daher ist es jetzt an der Zeit, neue Themen in Angriff zu nehmen, die wir bis 2030 umsetzen wollen. Unser übergeordnetes Ziel ist dabei ein besonders ehrgeiziges, nämlich die Reduktion unserer CO2-Emissionen um weitere 28 Prozent«, erklären Birgit Aichinger und Herbert Schlossnikl, die Geschäftsführer der Vöslauer GmbH. Der Mehrweganteil – derzeit rund 20 Prozent – soll durch die Markteinführung signifikant ansteigen, im PET- sowie auch im Glas-Sortiment. Derzeit ist Vöslauer der einzige Anbieter in Österreich, der im Handel eine Glas-Mehrwegflasche mit 0,5 Liter führt.

Bild oben: Firas Khalifeh, Carbon Mobile, arbeitet an einem Smartphone aus rein biologischen Materialien.

Belohnung als Anreiz

Um die Sammelmengen bei Kunststoffverpackungen zu erhöhen, startete die Reclay Group im März 2021 in Wien ein Pilotprojekt, das von mehreren Partnerunternehmen mitgetragen wird. Die RecycleMich-App zielt auf Belohnung – wer Kunststoffflaschen und Aludosen richtig sammelt, kann attraktive Preise wie Gutscheine für Gastronomie, Hotels oder Fitnesstrainings gewinnen. Mit diesem digitalen Anreizsystem wurden bereits in den ersten vier Monaten mehr als 130.000 Getränkeverpackungen gesammelt. Über 4000 Nutzer*innen beteiligten sich an der Aktion, die nun auf 40.000 zusätzliche Haushalte, die ihre Verpackungen mit dem Gelben Sack sammeln, ausgeweitet wird. »Das innovative Know-how, das in dieser App steckt, verstärkt das bereits gelebte Trennverhalten von Verpackungsabfällen nachhaltig«, ist Christian Abl, Co-Geschäftsführer der Reclay Group, von einem dauerhaften Lerneffekt überzeugt.

Die digitale Lösung baut auf bestehende Sammelstrukturen auf. Drei ASFINAG-Raststationen entlang der Westautobahn wurden mit PET-Presscontainern als Sammelstellen in der RecycleMich-App integriert. Bei den »Sport Austria Finals 2021« in Graz bewährten sich NFC-codierte Sammelbehälter und serialisierte Verpackungen. Ab Herbst werden auch Mehrweg-Verpackungen in die App eingebunden. »Es geht uns darum, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, die eine breite Akzeptanz bei den Konsumentinnen und Konsumenten finden. Die RecycleMich-App ist bereits jetzt ein Erfolgsprojekt«, sagt Herbert Bauer, General Manager von Coca-Cola HBC Österreich.

Bild oben: Die Vöslauer-Geschäftsführer Birgit Aichinger und Herbert Schlossnikl bringen Anfang 2022 eine moderne PET-Mehrwegflasche auf den Markt. Der Mehrweganteil soll signifikant steigen.

Als erster Non-Food-Partner ist seit kurzem Henkel an Bord. Der Waschmittelhersteller engagierte sich zuvor in der ECR-Initiative »Arbeitsgruppe Circular Packaging« und beteiligte sich an einem gemeinsamen Projekt mit dem Recyclingunternehmen Hackl, bei dem es vor kurzem gelang, den Anteil des Rezyklats bei der Produktion von Waschmittelbehältern aus Hartpolyethylen von 25 auf 60 Prozent zu steigern. »Die Förderung einer Kreislaufwirtschaft ist Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Ein darin festgeschriebenes Ziel: Wir wollen einen aktiven Beitrag leisten, dass keine Kunststoffabfälle in die Umwelt gelangen«, erklärt Jaroslava Haid-Jarkova, General Manager Laundry & Home Care bei Henkel Österreich.

»Grüne« Handys

Auch bei Altbatterien und Akkus lässt die Sammelquote noch zu wünschen übrig. Jährlich landen in Österreich 870 Tonnen Lithium-Ionen-Batterien im Restmüll. Neben den wertvollen Rohstoffen, die so verloren gehen, birgt die falsche Entsorgung auch ein großes Gefahrenpotenzial. Des Öfteren verursachten Brände in Abfallanlagen Millionenschäden. Um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu stärken und die Rückgabe von Altbatterien und Akkus zu vereinfachen, startet das Klimaschutzministerium die über zwei Jahre laufende Aufklärungskampagne »Her mit Leer«. Künftig gibt es neben den kommunalen Sammelstellen auch in allen Supermärkten und Geschäften, in denen Batterien erhältlich sind, auffällig gestaltete Boxen mit einem einprägsamen Testimonial.

Die von der EU vorgegebene Sammelquote von 45 Prozent wird derzeit nur knapp übertroffen. »Aktuell wird nicht einmal jede zweite Batterie fachgerecht entsorgt. Hier wollen wir noch deutlich besser werden«, bestätigt Klimaschutzministerin Leonore Gewessler. Der Handel ist mit seinem weitverzweigten Filialnetz eine wichtige Stütze.

Auslaufende Batterien sowie größere Geräte mit fix verbauten Akkus wie Tablets oder Laptops müssen jedoch wie bisher bei den Altstoffsammelstellen abgegeben werden. Der sogenannte »Reparatur-Bonus«, der ab 1. Jänner 2022 in Kraft tritt, soll ein Umdenken der Wegwerfgesellschaft bewirken. Reparaturen sollen mit bis zu 50 Prozent der Kosten, maximal 200 Euro, gefördert werden.

Das Berliner Start-up Carbon Mobile hat sich das Ziel gesetzt, den Einsatz nachhaltigerer Materialien in der Tech-Industrie zu beschleunigen. Jedes Jahr fallen über 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an, der darin verbaute Kunststoff kann nicht wiederverwertet werden. »Unsere Ingenieure arbeiten mit den führenden Materialforschern Europas zusammen, um Fasern aus Essensresten, Algen und Pflanzen herzustellen«, erklärt CEO Firas Khalifeh. »Bei Carbon Mobile sind wir davon überzeugt, dass mithilfe der revolutionären neuen Prozesse, die für das Carbon 1 MK II entwickelt wurden, das Potenzial der bahnbrechenden grünen Alternativen zum ersten Mal wirklich ausgeschöpft werden kann.«

Bereits kommendes Jahr will er ein Konzept-Smartphone auf den Markt bringen, das auf einem neuartigen Karbon-Werkstoff aus rein biologischen Materialien basiert. Das derzeit erhältliche, superleichte Smartphone »Carbon 1 MK II« besteht aus hochwertigem Kohlefasermaterial und weniger als zehn Prozent Kunststoff. Das Unternehmen bietet Kund*innen, die sich bis 20. August für dieses Gerät entscheiden und 2022 auf das Nachfolgemodell upgraden, einen Rabatt von 400 Euro. Das Smartphone ist über die Online-Shops von Mediamarkt, Conrad, Digitech, Otto sowie Amazon erhältlich. Für die Herstellung sind um 33 Prozent weniger Materialien als bei einem durchschnittlichen Wettbewerbsmodell erforderlich – würden alle mobilen Geräte auf diese Weise gebaut, könnten pro Jahr 100.000 Tonnen an Ressourcen eingespart werden.

Zweites Leben

Auch das Wiener Start-up refurbed betreibt ein BuyBack-Programm. Über eine eigene Plattform können Konsument*innen ihre alten Smartphones und Tablets an refurbed verkaufen. Die Geräte werden nach strengen Daten- und Umweltschutzstandards vollständig erneuert und wieder in den Kreislauf gebracht.



Bild oben: Dem Team von »PCs für alle« geht es nicht ums Geschäft, sondern um die Unterstützung mit Gebrauchtgeräten für eine Chancengleichheit am Schul- und am Arbeitsplatz.

Eine weitere Möglichkeit, alten Laptops ein zweites Leben zu ermöglichen, bietet der Verein »PCs für alle«. Die private Initiative des Wieners Peter Bernscherer (rechts am Bild), der seit 2018 gebrauchte Computer und Monitore wieder in Gang bringt und sie kostenlos an bedürftige Menschen weitergibt, wuchs während der Corona-Pandemie über sich hinaus. Unzähligen Kindern und Jugendlichen fehlte für Home Schooling und Distance Learning das nötige Equipment – durch die Unterstützung von 14 ehrenamtlichen Helfer*innen und Gerätespenden, die inzwischen nicht nur von Privatpersonen, sondern vielfach auch von Unternehmen kommen, konnten mehr als 1000 Schüler*innen mit dem nötigen Equipment versorgt werden.

Auch die AfB GmbH (»Arbeit für Menschen mit Behinderung«), Europas größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen, übernimmt gebrauchte IT von Unternehmen, bereitet sie auf und verkauft sie wieder. Das Inklusionsunternehmen beschäftigt rund 500 Mitarbeiter*innen in Deutschland, Österreich, Frankreich, der Schweiz und der Slowakei. Das Technologieunternehmen Infineon unterstützt die Initiative seit 2014. Allein 2020 wurden von Infineon insgesamt 1957 Geräte wie Notebooks, PCs, Monitore, Drucker, Tablets oder Mobiltelefone mit einem Gesamtgewicht von 7,5 Tonnen bereitgestellt. Am AfB-Standort Klagenfurt werden die Daten gelöscht, die Geräte gereinigt, bei Bedarf repariert, getestet und aufgerüstet. 95 Prozent der Geräte können so einer Wiederverwendung zugeführt werden. »Als Leitbetrieb ist es uns ein Anliegen, Technologie, Umwelt und Gesellschaft nachhaltig miteinander zu verbinden«, erklärt Oliver Heinrich, Finanzvorstand von Infineon Austria. »Umso schöner ist es, dass wir mit dieser IT-Kooperation einen dreifachen Mehrwert liefern: Ressourcen werden geschont, die Kreislaufwirtschaft gefördert und wertvolle Arbeitsplätze geschaffen.« 

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