Donnerstag, Dezember 02, 2021
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»Für die kommenden Jahre sieht es weniger entspannt aus«

Bild: Foto Weinwurm

Vera Immitzer, Geschäftsführerin des Bundesverband Photovoltaic Austria, im Interview über die aktuelle Lage am PV-Markt, Aussichten für das Erreichen der Klimaziele sowie Probleme mit Netzanschlüssen und dem herrschenden Fachkräftemangel.

Report: Wie viel PV sind derzeit in Österreich ausgebaut? Wie hoch ist der Zuwachs in diesem Jahr und wie ist die Erwartung für 2022?

Vera Immitzer: Nach einer Steigerung der neu installierten Leistung im Jahr 2019 auf 247 MWp, konnte auch im Jahr 2020 ein deutlicher Zuwachs erzielt werden – rund 340 MWp kamen hinzu. Damit haben wir in Österreich in den letzten zwei Jahren eine Steigerung des jährlichen Zubaus von über 30 Prozent geschafft. Um einen konstanten Ausbau und damit den Zubau von 11 TWh bis 2030 tatsächlich zu schaffen, ist für dieses Jahr ein Zubau von 450 MWp notwendig – den werden wir auch noch schaffen. Für die kommenden Jahren sieht es aber wesentlich weniger entspannt aus. Im kommenden Jahr sind es 600 MW, ab 2026 müssen wir dann dreimal so viele Anlagen installieren. Aktuell beschäftigen uns steigende Komponentenkosten und Lieferkosten – auch aufgrund weltweit gestiegener Nachfrage und Produktions- aber auch allgemeiner Transportrückstände –, die zu gesamt gestiegenen Anlagenkosten führen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das weiter auswirkt.

Report: Wie sind die Klimaziele Österreichs aus Sicht der PV-Branche zu schaffen? Wo muss dazu aus Ihrer Sicht im politischen Programm nachgebessert werden?

Immitzer: Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz, das dieses Jahr vor dem Sommer beschlossen wurde, war schon mal ein wichtiger Schritt, der uns dem Erreichen der österreichischen Klimaziele näher bringen kann. Doch damit ist es bei weitem nicht getan – es müssen noch sehr viele weitere Maßnahmen folgen. Die Bundespolitik hat die brennendste Aufgabe beinahe erledigt: Das EAG braucht noch Verordnungen, damit der erste Förderdurchgang tatsächlich starten kann – hieran wird gearbeitet. Darauf ausruhen dürfen wir uns aber noch lange nicht. Der Fokus liegt nun ganz stark auf der Entwicklung in den Bundesländern und damit auf der Landespolitik. Diese muss nun rasch in die Gänge kommen und ihre Rahmenbedingungen und damit Landesgesetze PV-freundlicher gestalten.

Report: Wie ist derzeit die Auslastung der Unternehmen in Österreich? Haben wir hierzulande genügend Fachkräfte und Ressourcen?

Immitzer: Derzeit gibt es in Österreich einen massiven Fachkräftebedarf. Zahlreiche Unternehmen sind bereits für viele Monate mit Projekten verplant und suchen händeringend nach geeigneten Fachkräften. Die Johannes Kepler Universität in Linz hat berechnet, dass wir bis zum Jahr 2030 60.000 Arbeitsplätze im Bereich der Photovoltaik schaffen können und müssen. Aktuell haben wir weniger als 5.000 Spezialist*innen. Sowohl wir als PV-Verband als auch die klassischen Bildungseinrichtungen haben bereits ihre Weiterbildungsangebote ausgebaut und bieten zusätzliche Kurse an. Auch der Bundesregierung ist der hohe Fachkräftebedarf bewusst und sie erarbeitet gemeinsam mit den betroffenen Branchen zusätzliche Aus- und Weiterbildungskonzepte.

Report: Welche Rolle werden Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften in der Energiewende spielen? Welche Erwartungen haben Sie hierzu?

Immitzer: Energiegemeinschaften stellen einen neuen Meilenstein für die österreichische Energiewirtschaft dar und sind ein gänzlich neues Thema im Bereich der PV-Anwendungen, welches durch das EAG geschaffen wurde. Die Bevölkerung hat sich die Möglichkeit der gemeinsamen Stromerzeugung und des Verbrauchs schon lange gewünscht. Die Möglichkeit der proaktiven Teilnahme an der Energiewende, der Genuss wirtschaftlicher Anreize und die Stärkung der regionalen Wertschöpfungskette tragen hoffentlich dazu bei, dass Energiegemeinschaften in den kommenden Jahren einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Energiewende leisten. Entsprechend groß ist meine Erwartung an das neue Nutzungsmodell. Toll ist, dass hierzu eigens eine österreichweite Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften initiiert wurde – als erste Anlaufstelle bei Fragen zur Umsetzung von Energiegemeinschaften.

Report: Sehen Sie die Strukturen und die Beschaffenheit der Stromnetze als Hürde für den Ausbau der Erneuerbaren? Wie sind die Reibungspunkte zwischen Netzbetreibern und PV-Anlagenbetreibern?

Immitzer: Wir haben leider das Problem, dass teilweise auch Private und damit meist kleine PV-Anlagen nicht oder nur gegen entsprechend hohe Kosten, die der Betreiber stemmen muss, an das Stromnetz angeschlossen werden können. Das Netz sei überlastet, ist oft die Aussage der Netzbetreiber. Hier hilft das EAG weiter, weil es das Recht auf Netzanschluss schafft – wenn auch nur im Ausmaß der bestehenden Bezugsleistung. Auch fallen dafür keine weiteren Kosten an. Das ist vor allem für die kleineren Anlagen eine Erleichterung. Bei größeren PV-Projekten schaffen pauschalierte und österreichweit einheitliche Netzzutrittsgebühren planbare Bedingungen für Projektentwickler*innen. Schlussendlich wird damit das Stromnetz, gemeinschaftlich finanziert, fit für die saubere Stromversorgung.


Zur Person
Vera Immitzer:absolvierte das Studium Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur Wien. Studienbegleitend erfolgten universitäre und außeruniversitäre Tätigkeiten im Bereich Nachhaltigkeit, Verkehrswesen sowie Abfall- und Abwasserwirtschaft. Nach ihrem Studium arbeitete sie über das Fachnetzwerk Energiekommunikation für den Bundesverband Photovoltaic Austria. Immitzer betreute die politische Agenda mit und ist in nationalen und internationalen Forschungsprojekten aktiv. Im Jahr 2017 ernannte sie der Vorstand zur Generalsekretärin. Seit 2019 ist sie Geschäftsführerin des Verbandes und arbeitet in dieser Funktion Tag für Tag daran, dass in Zukunft »jedes Haus ein Kraftwerk wird«. Quelle: OVE


Über den Verband
Der Bundesverband Photovoltaic Austria ist eine überbetriebliche und überparteiliche Interessenvertretung mit über 280 Unternehmen und Personen als Mitglieder. Ziel ist eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Photovoltaik und Stromspeicherung in Österreich. Das PVA-Team betreibt aktive Öffentlichkeits- und Pressearbeit, Mitgliederbetreuung, Strategieentwicklung sowie den Aufbau von Netzwerken. Die Verbandstätigkeit ist nicht auf Gewinn ausgerichtet. Der Verband vertritt die Branche – Anlagenerrichter*innen, Handel, Betreiber*innen, Energieversorger, Forschung und Anlagenplanung – mit einer starken Stimme gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit.

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