Freitag, Oktober 23, 2026

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Österreich steht vor einer paradoxen Entwicklung: Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, während gleichzeitig viele offene Stellen unbesetzt bleiben. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich – tatsächlich aber ist es Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturbruchs am Arbeitsmarkt. Ein Kommentar von Vesna Glatz, Country Lead Austria, ServiceNow.

Arbeitskräftemangel: Kein Recruitingproblem aber ein Produktivitätsproblem
Vesna Glatz leitet das Geschäft von ServiceNow in Österreich.


Die Anforderungen an berufliche Rollen verändern sich heute schneller, als neue Qualifikationen aufgebaut werden können. Gleichzeitig geht durch Pensionierungen wertvolles Erfahrungswissen verloren. Hinzu kommt, dass viele betriebliche Prozesse nach wie vor manuell ablaufen und damit weder skalierbar noch effizient steuerbar sind.

Produktivität geht aktuell vor allem an drei zentralen Stellen verloren:

  1. Demografie – Mit dem altersbedingten Ausscheiden erfahrener Fachkräfte verlässt auch ihr Wissen das Unternehmen – oft ohne systematische Übergabe oder Dokumentation.
  2. Technologie – Neue Rollen und Anforderungen entstehen deutlich schneller, als Mitarbeitende die dafür nötigen digitalen oder analytischen Fähigkeiten entwickeln können.
  3. Organisation – Viele Prozesse sind noch immer fragmentiert oder siloartig aufgebaut. Das bremst die interne Wertschöpfung und verhindert eine flexible Skalierung.

Die Lösung für diesen Wandel liegt nicht primär in der Rekrutierung neuer Fachkräfte. Vielmehr braucht es ein zukunftsfähiges Arbeitsmodell, in dem Menschen, strukturierte Prozesse und KI-gestützte digitale Agenten gemeinsam agieren. Solche Agenten erweitern die Kapazität von Organisationen nicht durch Verdrängung menschlicher Arbeit, sie erweitern sie durch die Schaffung funktionierender Strukturen: Sie reduzieren administrative Belastungen, bereiten Wissen in wiederverwendbarer Form auf und ermöglichen schnellere, datenbasierte Entscheidungen. So entsteht Raum für Aufgaben, die menschliches Urteilsvermögen, kreative Problemlösung und Beziehungskompetenz erfordern.

Damit dieses Modell seine Wirkung entfalten kann, braucht es drei grundlegende und konsequente Entscheidungen:

  • Technologie muss als neues Arbeitsmodell gedacht und etabliert werden – nicht als isoliertes Tool oder einzelnes Projekt, sondern als integraler Bestandteil des Arbeitsalltags.
  • Digitale und analytische Kompetenzen müssen gezielt und systematisch aufgebaut werden – sie bilden die wirtschaftliche Infrastruktur der Zukunft.
  • Prozesse müssen ganzheitlich neu gestaltet werden – weg von manuellen Abläufen hin zu skalierbaren, datenbasierten und KI-gestützten Strukturen.

Österreich kann dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Nicht, indem mehr Menschen eingestellt werden, sondern durch eine produktive Neugestaltung von Arbeit, Technologieeinsatz und organisationalen Abläufen.

Die Zukunft ist nicht durch ein Gegeneinander von „digital“ und „menschlich“ geprägt, sondern durch ein neues Miteinander: Menschen und Technologie agieren als ein integriertes System. Wer Arbeit heute neu designt, legt das Fundament für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit von morgen.

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