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Vier Blicke auf den Bestand: Wie die Zukunft des Bauens aussieht
Zum zehnjährigen Bestehen des Architekturmagazins MASSIV! INSIDE diskutierte am 29. Juni in Wien eine Runde, die selten an einem Tisch sitzt: Burghauptmann Mag. Reinhold Sahl (Burghauptmannschaft Österreich), Architektin Caroline Rodlauer (Rosa Architektur), Architekt Armin Mohsen Daneshgar (Daneshgar Architects) und, durch den Abend führend, Reinhold Lindner. Denkmalpflege traf auf Aufstockung, Stadt auf Land, Handwerk auf Hightech. So unterschiedlich die Perspektiven, so klar die gemeinsame Linie: Die Zukunft des Bauens liegt im Bestand – und an der Bauordnung scheiden sich die Geister.
Video by Gerhard Popp. Mehr von Gerhard Popp gibts unter https://www.linkedin.com/in/gerhard-popp-wien/
Den Auftakt der Diskussion setzte Reinhold Sahl, der als Burghauptmann täglich mit historischer Substanz arbeitet – und mit ihr argumentiert. Sein Befund zur Klimakrise ist unbequem praktisch: Künftig werde das Kühlen wichtiger als das Heizen, und genau hier spielten massive, mineralische Bauweisen ihre Stärke aus. Sein Büro, erzählte er, sei ohne Klimaanlage durch die Hitzeperioden gekommen – „weil im Bau die Masse viel macht“.
Dahinter steht eine Haltung, die er konsequent vertritt: Man solle so bauen, wie man es über Jahrhunderte gelernt habe. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Messdaten. Sein Objekt-Monitoring liefere keine Rechenmodelle, sondern gemessene Werte – und die zeigten, dass der für den Neubau konzipierte Energieausweis im Bestand oft danebenliege. Drei, vier Prozent mehr in der Bauausführung, so Sahl, rechneten sich über den Lebenszyklus um ein Vielfaches. Dort müsse auch die Förderpolitik ansetzen.
Gebäude, die mehr können als eine Nutzung
Caroline Rodlauer verschob den Blick von der Substanz zur Planung. Ihr Plädoyer galt der Wiederverwendbarkeit – nicht nur des Materials, sondern des Grundrisses. Gebäude, die sie plane, sollten „möglichst vielfältig und breit gefächert nutzbar“ sein, nicht auf eine einzige Nutzung hin entworfen. Diese Denkweise gebe sie auch ihren Studierenden mit: schon beim Neubau so zu planen, dass ein Haus seine erste Nutzungsabsicht überdauert.
Den Beweis liefere die Geschichte. Ob bäuerliche Gebrauchsarchitektur oder Gründerzeithaus mit stringentem Grundriss – langlebig sei, was sich umnutzen lasse. Das gelte bis ins Eigenheim: Auch ein Einfamilienhaus, räumte sie selbstironisch ein, lasse sich klug so planen, dass man darin alt werden oder es später teilen könne. Zu oft sei das Gegenteil der Fall.
Der Mensch im Mittelpunkt
Armin Mohsen Daneshgar brachte die Nutzerperspektive ein – und eine Frage, die durch die Pandemie an Dringlichkeit gewonnen hat: Was tun mit Räumen, die leer stehen? Büroflächen, abends und am Wochenende ungenutzt, seien eine Reserve, die sich über modulare, wandelbare Systeme neu beleben lasse – ein Gedanke, der bis in die bewegliche Architektur der 1950er- und 60er-Jahre zurückreiche.
Im Zentrum stehe für ihn aber nicht die Technik, sondern der Mensch. Man baue Gebäude für Menschen; das müsse im Mittelpunkt stehen, nicht allein die Zahl. Eine Haltung, die er auch gegen Widerstände durchsetzt – mitunter über Jahre, bis eine Behörde mitziehe.
Wo es hakt: die Bauordnung
Womit der Abend bei jenem Thema landete, das alle teilten: dem Baurecht. Rodlauer schilderte den Klassiker – ein Klassenzimmer mit 59 statt 60 Quadratmetern, für das eine massive Steinwand um zwanzig Zentimeter versetzt werden müsse; ein Fluchtweg, dem wenige Zentimeter zur Norm fehlten. Im Bestand, so ihr Schluss, müsse man stärker in Richtung Vereinfachung und Einzelfallbeurteilung gehen, „sonst wird es wirtschaftlich uninteressant“ – und sie verstehe jeden Eigentümer, der dann abwinke.
Sie selbst nutze die im Gesetz vorhandenen Erleichterungen mutig aus – auch wenn das eine Haftungsfrage bleibe. Genau dort sah sie den Hebel: Wenn der Gesetzgeber klar definiere, wie weit Abweichungen bei Umbauten gehen dürften, würden auch die Sachverständigen mutiger. Ein Ruf nach einer eigenen „Umbauordnung“ hingegen, so der Tenor, drohe nur neue Komplexität zu schaffen – Österreich habe schon genug Normen.
Was bleibt
Aus dem Publikum kam schließlich die Frage, die solche Abende begleitet: Seit zwanzig Jahren werde hochkarätig diskutiert – was komme dabei heraus? Die Antwort fiel nüchtern und zugleich kämpferisch aus. Reinhold Sahl verwies auf die 2015 gegründete europaweite Akademie, mit der man Wissen über den Bestand vermittle, und auf die Notwendigkeit, sich in Normungsverfahren und Gremien einzumischen: Verändern müsse man zuerst die Gedankenwelt, dann folgten die Richtlinien. Armin Daneshgar setzte den Schlusspunkt mit einem Bild, das zum Anlass passte: Man komme nicht mit dem Kopf durch die Wand – aber „ein steter Tropfen höhlt den Stein“.
Eine fertige Lösung nahm an diesem Abend niemand mit nach Hause. Wohl aber eine Haltung. Und die Erkenntnis, dass die größte Baureserve des Landes längst gebaut ist – man muss sie nur nutzen dürfen.
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