Donnerstag, Juli 16, 2026

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Er ist der Besitzer von Österreichs letzter Silberschmiede, Social-Media-Star und Experte für das stilgerechte Decken königlicher Tafeln. Jean-Paul Vaugoin bringt traditionelles Handwerk und Tischkultur in die Ära von Instagram und TikTok.

Jean-Paul Vaugoin präsentiert Silberbesteck
Silberschmied Jean-Paul Vaugoin (Foto: Paul Bauer)


Gediegen. Das ist das erste Wort, was einem einfällt, wenn man den Verkaufsraum von Jarosinski & Vaugoin in Wien Neubau betritt. In dunklen Holzschränken ruht schlichtes bis opulent verziertes Besteck aus 925er-Silber, das teils seit fast 180 Jahren nach dem gleichen Muster produziert wird. Eine silberne Saliera (eine etwas verkleinerte Kopie von Cellinis Meisterwerk) funkelt auf der Verkaufstheke, Muschel-Schälchen mit delikaten Füßchen strahlen diskret neben eleganten Tabletts. Man stellt sich zierliche Hofratswitwen vor, die sich in der direkt hinter dem Verkaufsraum gelegenen Werkstatt die Teekannen ausbeulen lassen – Erbstücke, die seit der Zeit von Kaiser selig in Familienbesitz befinden. Oder wohlbetuchte, Polohemden tragende Ehepaare, die auf der Suche nach dem perfekten Silberrahmen für das Familienfoto vor der Zweitvilla zwischen glatt und verschnörkelt schwanken. Woran man vielleicht nicht sofort denkt, sind internationale Design­ikonen, elegante Sheichas oder Pop-Superstars, die diese Handwerks-Institution in der Zieglergasse mindestens genauso gern aufsuchen. Dabei ist die Klientel von Jean-Paul Vaugoin, Besitzer von Österreichs letzter Silberschmiede, sehr bunt und international.

Was die Hofratswitwe mit Popstar Robbie Williams und Designikone Giambattista Valli gemeinsam haben, ist die Liebe zum silbernen Handwerk, dem Vaugoin sich verschrieben hat. Seiner Leidenschaft für edles Besteck und mehr ist es auch zu verdanken, dass Jarosinski & Vaugoin es überhaupt ins 21. Jahrhundert geschafft haben und florieren – in einer Zeit, in der traditionelle Handwerksbetriebe mehr und mehr von globalen Großkonzernen verdrängt werden. Dabei war sein Weg als Botschafter der Silberwaren offline und online nicht unbedingt vorgesehen. Als er die Firma seines plötzlich verstorbenen Vaters übernahm, war der Wiener mit französischen Wurzeln Anfang 20 und steckte mitten im Wirtschaftsstudium. Statt einer Karriere als Wolf of Wallstreet fand er sich als Besitzer eines finanziell angeschlagenen Traditionsunternehmens wieder, dass er vor dem Untergang bewahren musste. »Ich dachte mir damals: Versuchen wir es, wir haben nichts zu verlieren.« Vaugoin übernahm das Ruder, arbeitete sich in die Materie ein und machte nach dem Studienabschluss auch eine Ausbildung zum Silberschmied. Er holte langjährige Mitarbeiter aus der Pension und begann, das Vertrauen ehemaliger Kundinnen und Kunden wieder zu gewinnen. Eine wichtige Begegnung aus seiner Eingangszeit war die mit Sheicha Musa, der von der Regenbogenpresse als Modeikone zelebrierten Erst-Gemahlin des Emirs von Katar.

Audienzansuchen im warmen Wüstensand
Bei der Durchsicht der Bücher seines verstorbenen Vaters fiel Jean-Paul Vaugoin ein größerer unbezahlter Auftrag auf – vergoldete Platzteller für den königlichen Palast in Doha. Der junge Silberschmied flog als Teil einer Handelsdelegation nach Katar, bat um eine Audienz, und stand erst einmal eine Dreiviertelstunde in Anzug und Krawatte vor der Palastmauer in der Wüste – ohne Pass, Handy und sogar ohne Zigaretten, die die scheichsche Security einkassiert hatte. Nach langen Minuten des Schwitzens und Bangens wurde er schließlich eingelassen, abgekühlt und konnte nicht nur den Auftrag reaktivieren, sondern fertigte in den Jahren danach noch diverse Bestecke für mondäne Paläste, aber auch moderne Stadthäuser der königlichen Familie an. Die Kataris blieben nicht die einzigen Royals, deren Tische Jean-Paul Vaugoin betreut. Er fertigte unter anderem Besteck für Krönungsdiners in Malaysia und überwachte das Decken der festlichen Tafel persönlich.

Gern spricht er über seine teils abenteuerlichen Erfahrungen mit Kunden aus aller Welt, so über mitternächtliches Karaoke-Singen in einer Luxusvilla in einer ostasiatischen Gated Community oder die Begegnung mit einem schottischen Grafen, der augenzwinkernd davon sprach, dass Tafelmanieren etwas »für das einfache Volk« seien. Royale und wohlbetuchte Kunden betreut er auf Wunsch bei ihren Wienbesuchen auch persönlich, arrangiert Ausflüge in die Oper und Dinners im Sacher. Die Liebe zu Tafelkultur verbinde quer über die Kontinente, findet er. »Ich habe gemerkt, dass das Thema im weitesten Sinn interkulturell ist. Es gibt meines Wissens nach keine Kultur, wo das Zusammenkommen einer Gruppe – seien es Familie oder Freunde – zu einer Mahlzeit keinen hohen Stellenwert hat. In allen Kulturen nehmen Menschen sich die Zeit, sich hinzusetzen und gemeinsam zu essen und zu trinken.« Er selbst hat die Liebe zur Tafelkultur durch seine Mutter Verena mitbekommen, einer Richterin und passionierten Köchin. »Ich koche selbst gerne, und gehe auch gerne essen – oft als Teil der Arbeit. Ich habe sehr interessante Persönlichkeiten kennenlernen dürfen und habe mir oft was abgeschaut, habe Dinge zusammengeführt und versucht, zu verbessern oder zu adaptieren. Den Spruch adopt, adapt, improve finde ich sehr passend für viele Lebenssituationen.«

Mehr als Luxus
Tafelkultur ist für Jean-Paul Vaugoin etwas zeitloses, beinahe ein Ruhepol in einer schneller werdenden Welt. »Ich glaube, dass sie deswegen gerade heute wieder sehr gefragt ist, weil sie eine gewisse Eleganz versprüht, die in der Schnell­lebigkeit des Alltags oft verloren gegangen ist.« Für ihn geht bei einer Einladung zum Abendessen es nicht nur um elegante Fischmesser aus purem Silber und fragile Lobmeyr-Gläser, sondern um das Gesamt­erlebnis: »Man ist gespannt, neben wem man sitzt, wer sonst noch eingeladen wurde. Man trifft spannende Menschen, führt faszinierende Gespräche. Ich kann mich jetzt an kein Abendessen erinnern, wo ich mich wirklich gelangweilt hätte.« Er selbst ist Gastgeber aus Leidenschaft, nicht nur beruflich, sondern auch privat: »Gerade, da ich sehr viel arbeite, schätze ich es umso mehr, wenn ich dann einen Freiraum erschaffe, um eine gewisse Zauberwelt zu kreieren, wo ich weiß, die Gäste kommen gerne zu mir, freuen sich darauf – sei es jetzt ein Abendessen zu viert oder für 20 Personen.« Seine Dinnerpartys beweisen, dass Silberbesteck nicht etwas ist, was man geerbt hat und das in der Lade verstaubt. »Ich frage mich dann immer, wofür hat man es? Deswegen finde ich es einfach schön, wenn man Dinge verwendet, zelebriert.« Es müsse nicht jeden Tag ein großes Dinner sein, aber kleine Rituale wie das Anzünden einer Kerze beim Kochen oder Abendessen können die Sinne anregen und den überarbeiteten Geist beruhigen.

»Touristiker verwenden zunehmend die Phrase »beyond luxury« – es geht dabei um Erlebnisse, wie eine Dinnerparty mit Freunden, oder auch den Besuch von Orten, die der Öffentlichkeit nicht so ohne weiteres zugänglich sind.« So etwas wissen auch auf Handwerkskunst spezialisierte Reiseführer, die Besuchern ein anderes Wien zeigen wollen, jenseits von Kohlmarkt und Graben. »Sie bringen ihre Gäste in Manufakturen. Zeigen traditionelle Schusterbetriebe, die Glasfirma Lobmeyr oder den Entstehungsort von Augarten Porzellan – und auch unsere Silberschmiede. So wissen potenzielle Kunden, dass es jemanden gibt, der in Handarbeit einen silbernen Löffel herstellt.« Oder auch eine silberne Saliera – Empfängerinnen dieser Skulpturen waren unter anderem Queen Elizabeth und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Überhaupt zählen Adelsfamilien zu guten Kunden der Neubauer Schmiede, lassen sich das Familiensilber aufpolieren oder um Kuchengabeln aus Sterlingsilber ergänzen.

Von Luxusjachten und Silberglöckchen
Die Handwerkskunst von Jarosinski & Vaugoin schätzen aber nicht nur wohlbetuchte Wien-Touristen, Adel und Celebrities, sondern auch Designer im In- und Ausland. Die Liste der Kollaborationen reicht vom holländischen Studio Makkink & Bey über Designer wie Sebastian Menschhorn, Thorsten Neeland und Bodo Sperrlein bis zum fantastischen Realisten Ernst Fuchs (der ein Projekt gemeinsam mit Jarosinksi & Vaogoin, Lobmeyr, Augarten und Backhausen realisierte). Auch der Industriedesigner Thomas Feichtner, Professor an der FH Joanneum entwarf Besteckbecher und Salzgefäße in Zusammenarbeit mit dem Wiener Silberschmied. Zuletzt fertigte Jarosinski & Vaugoin für eine Messe auf Schloss Holleneck im April gemeinsam mit dem finnischen Designer Ildar Wafin eine silberne Glockenskulptur an.

Aber auch die Modewelt schätzt die Qualität des Wiener Silberhandwerks: Der italienische Modeschöpfer Giambattista Valli entwarf für Jarosinski & Vaugoin Besteck (die Griffe der »Jardin d'Argent«-Kollektion erinnern an filigranes Korbgeflecht), und auf der neuen Louis Vuitton-Yacht speist man mit Messern und Gabeln, handgemacht in Wien Neubau. Trotzdem ist Tafelkultur für Jean-Paul Vaugoin nichts, dass nur die Elite zelebriert. »Es gab da natürlich historische Entwicklungen, aber ich glaube, dass heute durch die ganz starke Demokratisierung der Informationen allgemein verfügbares Wissen einher geht. Wenn Menschen gerne Sendungen wie Downton Abbey schauen, werden viele Lust bekommen, den Tisch genauso zu decken.« Dass schönes Speisen und eleganter Tischschmuck wieder mehr Stellenwert bekommen, freut ihn. »Ich sehe es bei den Dinnern, die ich hoste, dass die Gäste wirklich begeistert sind – egal welchen Hintergrund und Zugang sie haben.« Er selbst informiert sich über Trends auf Social Media – und er ist dort auch selbst sehr aktiv.

Jean-Paul Vaugoin findet man auf Instagram, Tiktok und Facebook, wo er im Anzug mit Stecktuch und mit ernster Miene teils obskure Silber-Paraphernalien in die Kamera hält – Hendlhaxenhalter und Salzbehälter in Krabbenform, Marshmallow-Gäbelchen und Ostereierschneider. Allein auf Instagram schätzen 65 Tausend Follower aus aller Welt Vaugoins subtilen Sinn für Humor. Seit meist geklicktes Video, wo er »essentielles« Essbesteck erklärt, ging viral, hatte über 2 Millionen Aufrufe und über eine Viermillion Likes. Was er der neuen Generation von Tafelkultur-Aficionados mitgeben möchte, ist Silberbesteck als Investition anzusehen, nicht nur für sich, sondern auch für künftige Generationen. Schließlich könne man auch in 200 Jahren noch damit essen. Außerdem brauche man im Gegensatz zu einem königlichen Haushalt keine Heerscharen an Dienstboten mit Poliertuch, wenn man zu einem Dinner mit Essgerät von Jarosinski & Vaugoin lädt: Neues Silberbesteck ist nämlich spülmaschinenfest.

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Bild: Wer schmiedet, braucht Werkzeuge. Formen für die Silberbearbeitung.

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