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»Brandschutz ist keine Materialfrage«
Werner Hoyer-Weber, Geschäftsführer von Hoyer Brandschutz, und Brandschutzsimulationsexpertin Nina Schjerve über Mythen im Brandschutz, die tatsächlichen Unterschiede zwischen Holz, Beton und Stahl sowie die wachsende Bedeutung von Brandsimulationen.
Bild: »Man kann die beste Planung haben, aber wenn später die falschen Materialien verwendet werden oder die Planung nicht fachgerecht ausgeführt wird, hilft das beste Brandschutzkonzept nichts«, erklären die Brandschutzexperten Werner Hoyer-Weber und Nina Schjerve.
Was sind aus Ihrer Sicht die gängigsten Mythen rund um das Thema Brandschutz?
Werner Hoyer-Weber: Da gibt es einige. Ein Klassiker ist etwa die Annahme, dass man mit einer Sprinkleranlage keine Feuerwehr mehr braucht. Oder dass es im eigenen Gebäude ohnehin nicht brennen kann. Ein weiterer Mythos ist, dass Brandschutz immer nur Kosten verursacht.
Nina Schjerve: Und natürlich der Hollywood-Klassiker: Sobald eine Sprinkleranlage auslöst, steht gleich das ganze Gebäude unter Wasser. Das hält sich erstaunlich hartnäckig.
Besonders emotional wird das Thema Brandschutz in Bezug auf die Baustoffe diskutiert. Vor allem beim Holzbau wird der Brandschutz regelmäßig ins Treffen geführt. Ist Holz tatsächlich problematischer als andere Baustoffe?
Hoyer-Weber: Nein. Holz hat die Eigenschaft zu brennen, das ist unbestritten. Der große Vorteil liegt aber darin, dass sich das Verhalten von Holz im Brandfall sehr gut berechnen lässt. Wir wissen sehr genau, wie schnell ein Holzbauteil abbrennt und können das in der Planung berücksichtigen. Dadurch lässt sich die Tragfähigkeit über definierte Zeiträume sicher nachweisen. Gleichzeitig gibt es den Mythos, dass Stahlbeton automatisch der ideale Baustoff im Brandfall sei. Das stimmt so nicht. Beton ist zwar nicht brennbar, kann durch hohe Temperaturen aber massiv geschädigt werden. Man denke an Tunnelbrände oder andere Großschadensereignisse, bei denen Betonkonstruktionen anschließend aufwendig saniert werden mussten.
Gibt es aus brandschutztechnischer Sicht einen besseren Baustoff als andere?
Schjerve: Nein. Unsere Aufgabe ist nicht, einen Baustoff zu bevorzugen. Wir arbeiten mit dem Baustoff, den der Bauherr oder der Architekt gewählt hat. Für Holz, Stahl, Beton, Ziegel oder andere Bauweisen gibt es jeweils geeignete Brandschutzmaßnahmen. Wenn jemand ein Holzgebäude errichten möchte, gibt es dafür Lösungen. Dasselbe gilt für alle anderen Bauweisen.
Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Baustoffen?
Hoyer-Weber: Beim Holz berücksichtigen wir den Abbrand. Wir wissen, wie viel Material innerhalb eines definierten Zeitraums verloren geht und dimensionieren die Konstruktion entsprechend. Häufig sprechen wir dabei von Feuerwiderstandsdauern von 90 Minuten. Beim Stahlbeton ist die Überdeckung der Bewehrung entscheidend. Wir müssen sicherstellen, dass die kritische Temperatur im Bereich der Stahlbewehrung nicht erreicht wird. Bei Stahlkonstruktionen wiederum liegt die Herausforderung darin, dass Stahl bei Temperaturen von rund 550 Grad Celsius einen Großteil seiner Festigkeit verliert. Deshalb müssen Stahlbauteile entsprechend geschützt werden. Generell unterscheiden wir im Brandschutz zwischen Brennbarkeit und Feuerwiderstand. Ein Bauteil muss nicht nur möglichst wenig brennbar sein, sondern auch über einen definierten Zeitraum seine Funktion erfüllen.
Was sind die häufigsten Fehler im Brandschutz?
Schjerve: Viele Fehler entstehen in der Umsetzung. Man kann die beste Planung haben, aber wenn später die falschen Materialien verwendet werden oder die Planung nicht fachgerecht ausgeführt wird, hilft das beste Konzept nichts. Ein weiteres Problem ist, dass Brandschutzplaner manchmal zu spät eingebunden werden. Manche Entscheidungen müssen bereits in frühen Planungsphasen getroffen werden. Fehlt beispielsweise ein notwendiges Fluchttreppenhaus, wird es später sehr teuer.
Hoyer-Weber: Wir erleben immer wieder Projekte, bei denen wir erst dann hinzugezogen werden, wenn es bereits Probleme mit Behörden oder Genehmigungen gibt. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Rahmenbedingungen bereits festgelegt und die Handlungsspielräume eingeschränkt.
Was zeichnet ein gutes Brandschutzkonzept aus?
Hoyer-Weber: Ein Brandschutzkonzept beschreibt die baulichen, technischen und organisatorischen Maßnahmen sowie den abwehrenden Brandschutz durch die Feuerwehr. Für mich ist ein gutes Brandschutzkonzept eines, bei dem man nichts mehr weglassen kann. Es geht nicht darum, möglichst viele Maßnahmen vorzusehen. Es geht darum, genau jene Maßnahmen zu definieren, die notwendig sind, um die Schutzziele wirtschaftlich und sicher zu erreichen. Dabei müssen wir die Anforderungen der Behörden, die Interessen der Bauherren und die Vorgaben der Versicherungen berücksichtigen.
Kommen wir zu den Brandsimulationen. Welche Rolle spielen sie heute?
Hoyer-Weber: Für uns sind sie sehr wichtig, weil sie eine wissenschaftliche Nachweisführung ermöglichen. Brandschutzkonzepte werden häufig dann benötigt, wenn von Standardlösungen abgewichen wird. Diese Gleichwertigkeit müssen wir nachweisen. Dafür nutzen wir Brandsimulationen, Rauchsimulationen oder Personenstromanalysen. So können wir zeigen, dass Menschen im Gefahrenfall sicher und rechtzeitig aus einem Gebäude gelangen und die Schutzziele erfüllt werden.
Wie komplex sind solche Simulationen?
Schjerve: Sehr komplex. Hinter den Programmen stehen anspruchsvolle physikalische und mathematische Modelle. Die Bedienung ist zwar einfacher geworden, aber die eigentlichen Berechnungen sind nach wie vor hochkomplex. Wir entwickeln die Programme nicht selbst, sondern arbeiten mit international etablierten und laufend weiterentwickelten Simulationswerkzeugen.
Hoyer-Weber: Wichtig ist, dass diese Programme validiert sind. Weltweit werden reale Brandversuche durchgeführt, deren Ergebnisse in die Modelle einfließen. Dadurch entsteht eine belastbare wissenschaftliche Grundlage, die auch gegenüber Behörden und Versicherungen Vertrauen schafft.
Dennoch stoßen Simulationen teilweise noch auf Skepsis.
Schjerve: Ja, häufig hört man den Vorwurf, man würde sich die Ergebnisse »schönrechnen«. Das halte ich für falsch. Wenn validierte Programme eingesetzt werden und die Anwender über das notwendige Fachwissen verfügen, dann sind Simulationen ein wertvolles Instrument. Natürlich bleiben sie eine Annäherung an die Realität. Niemand kann exakt vorhersagen, wie sich ein Brand in jedem Detail entwickeln wird. Aber gerade bei komplexen Fragestellungen liefern Simulationen wichtige Erkenntnisse.
Was muss passieren, damit diese Skepsis verschwindet?
Schjerve: Aufklärung. Man muss erklären, was Simulationen leisten können und wo ihre Grenzen liegen. Je häufiger sie erfolgreich eingesetzt werden, desto größer wird auch das Vertrauen.
Grafik im Bau & Immobilien Report zum Thema Baustoffklassen nach EN 13501-1: https://online.fliphtml5.com/jlgle/Bau_REPORT_06_26/#p=45
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