Freitag, Juni 26, 2026

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Der lange Gold-Höhenflug hat einen Dämpfer bekommen. Doch ist es nur eine vorübergehende Konsolidierung oder der Beginn einer Trendumkehr?

Vom Allzeithoch mit 5.595 Dollar je Feinunze bis zum größten Monatsverlust der Geschichte dauerte es nur ein paar Wochen – das erste Quartal 2026 war wirklich nichts für schwache Anlegernerven. Im März fiel der Goldpreis um 611 Dollar, ein Rückgang von 27 Prozent, nachdem der Kurs in den Monaten davor stetig nach oben gezeigt hatte. Ausgelöst hatte den Absturz die Iran-Krise samt Schließung der Straße von Hormus. Einige Beobachter des Szenarios sahen sich prompt in ihrer These bestätigt, dass Gold als sicherer Hafen ausgedient habe.
Nach Ansicht von Ronald-Peter Stöferle und Mark J. Valek, die soeben für die liechtensteinische Vermögensverwaltung Incrementum AG zum 20. Mal den Report „In Gold We Trust“ publizierten, ist das Gegenteil der Fall. Gerade wegen seiner hohen Liquidität werde in akuten Krisenphasen Gold vermehrt verkauft. Dieses Muster zeigte sich auch im Oktober 2008 und im März 2020 – diese Einbrüche markierten jeweils den Start der nächsten Aufwärtsbewegung. Ein Anstieg des Goldpreises auf 8.900 Dollar je Unze bis Ende 2030 sei durchaus realistisch, auch wenn dieser nicht geradlinig verlaufen dürfte. Diese 2020 erstellte Prognose entspreche einem durchschnittlichen jährlichen Plus von 14 Prozent. „Wenn der Iran-Konflikt gelöst wird, macht es einen Schnalzer beim Goldpreis“, bleibt Stöferle optimistisch.
An den Rahmenbedingungen habe sich wenig geändert, weshalb die beiden Autoren von einer „Remonetarisierung des Goldes“ sprechen. Mehrere Faktoren würden den Bullenmarkt weiterhin begünstigen: Gold erweise sich als sanktionsresistentes, staatliches Reserve-Asset und als neutraler Wertspeicher – sowohl für private wie institutionelle Anleger.
Noch mehr Gewicht haben aber Notenbanken, die das Edelmetall zunehmend zur stillen Rekapitalisierung nutzen. Nach drei Rekordjahren mit Käufen von jeweils über 1.000 Tonnen erwarben die Zentralbanken auch im Vorjahr noch 863 Tonnen Gold. Dazu kommen die ausufernden Schulden: Angesichts einer globalen Rekordverschuldung von 348 Billionen US-Dollar (davon allein 39 Billionen in den USA) und negativen Renditen verlieren klassische Staatsanleihen zusehends an Attraktivität. Jahrzehntelang bildeten US-Staatsanleihen das Rückgrat der Portfolios – nun kehren ausländische Notenbanken den USA den Rücken zu und legen ihre Währungsreserven in Gold an.
Seit 2022 kaufen Zentralbanken weltweit in außergewöhnlich großem Umfang Gold. In den Jahren 2022 bis 2024 lagen die Zukäufe jährlich deutlich über 1.000 Tonnen. Ende 2025 überholte Gold nach Angaben der Europäischen Zentralbank bereits US-Staatsanleihen als wichtigste Reserveanlage. Die Nachfrage bleibt weiter hoch: Im ersten Quartal 2026 wurden Nettokäufe von rund 244 Tonnen registriert. Mit rund 14 Tonnen war die Polnische Nationalbank weltweit der größte Einzelkäufer, fast 30 Prozent der gesamten polnischen Währungsreserven sind bereits in Gold angelegt.
Auch die Volksbank Chinas PBoC stockt seit fast zwei Jahren konsequent die staatlichen Goldbestände auf, um den Anteil westlicher Währungen – allen voran des US-Dollars – zu reduzieren. Chinas offizielle Goldreserven liegen inzwischen bei rund 2.322 Tonnen, was etwa neun Prozent der Gesamtreserven entspricht.

Keine Blase

Seit der Ausrufung des „goldenen Jahrzehnts“ im Jahr 2020 ist der Goldpreis um 165 Prozent gestiegen. Damit soll noch lange nicht Schluss sein, so Stöferle. „Wir sind in einem Bullenmarkt, aber nicht in einer Bubble.“ In Phasen monetärer, fiskalischer und geopolitischer Instabilität gewinne Gold als nicht-inflationierbarer Vermögenswert ohne Gegenparteirisiko weiter an Bedeutung.
Der Goldmarkt insgesamt steckt in einem strukturellen Wandel. Die signifikanteste Veränderung vollzieht sich auf der Nachfrageseite: 2026 dürften physische Investments in Barren und Münzen erstmals Goldschmuck als größten Posten ablösen. Schon im Vorjahr erreichten physische Käufe in China (+ 28 %) und Indien (+17 %) ein Zwölfjahreshoch.
Im Sog des Edelmetalls sollen auch andere Anlageoptionen wie Goldminen, Silber, Rohstoffe und Bitcoin zulegen. Die Minengesellschaften verdienen bei durchschnittlichen Kosten von 1.700 Dollar je Unze derzeit bis zu 3.000 Dollar je Unze. In der Branche komme es zu Übernahmen, „aber nicht zu verrückten Akquisitionen, wie sie am Ende einer Phase auftreten“, meint der Branchenkenner. Silber sei im Vergleich zu Gold fair bewertet, auch die Notierungen für Rohstoffe hätten erst heuer zugelegt. In einer neuen Weltordnung des Geldmarktes könnte Bitcoin als dezentrale, staatsunabhängige und grenzüberschreitend transferierbare Währung eine strategische Rolle spielen. Gerade die fortschreitende Remonetarisierung des Goldes würde sich dabei als Katalysator erweisen. Es wäre durchaus plausibel, wenn Zentralbanken neben Gold auch kleinere Bitcoin-Positionen aufbauen.
Morgan Stanley empfiehlt eine Teilung des klassischen 60/40-Portfolios in 60 % Aktien und jeweils 20 % Anleihen (bisher 40 %) und 20 % Gold. Incrementum rät zu einer weiteren Diversifizierung in 45 % Aktien, 15 % Anleihen, 15 % Sicherheitsgold, 15 % Performance-Gold, 10 % Rohstoffe und 5 % Bitcoin. Mittelfristig werde der Rohstoffmarkt die neue geopolitische Landkarte abbilden, sind Expert*innen überzeugt: Während sich die USA aus ihrer Führungsrolle zurückziehen, rüsten Europa, China und der globale Süden ihre Verteidigungs- und Energieinfrastruktur auf. Den Konkurrenzkampf um strategische Ressourcen treiben eine global synchronisierte Lockerung der Geldpolitik und der schwache US-Dollar zusätzlich an.

Vorzeichen unverändert

Auch die UBS Investment Bank sieht den Aufwärtstrend für Gold intakt – trotz möglicher kurzfristiger Rückgänge. Die Edelmetallstrategin Joni Teves sieht den wichtigsten Treiber dafür allerdings nicht in ETF-Zuflüssen oder Zentralbankkäufen, sondern in einem grundlegenden Wandel in Anlegerportfolios. Staaten, institutionelle Investoren und Privatanleger betrachten Gold zunehmend als festen Bestandteil ihrer Allokation. Kapitalmarkt-Experte Christian Subbe von der Investmentgesellschaft HQ Trust rät jedoch zu Gelassenheit: „Anleger sollten sich nicht verunsichern lassen.“ Spekulative Kapitalzuflüsse hätten im Vorjahr den Goldpreis in die Höhe getrieben, einige dieser Positionen wurden zuletzt wieder abgestoßen. Am strukturellen Aufstieg, in dem sich Gold seit über 25 Jahren befinde, ändere das aber nichts.
Vom großen Bild mit Weitblick unterscheiden sich hingegen die kurzfristigen Erwartungen: Das Investmenthaus JP Morgan hat Mitte Mai seine Goldprognose für 2026 gesenkt. Statt 5.708 US-Dollar erwartet die Bank nur noch 5.243 US-Dollar je Unze. Goldman Sachs hält an 5.400 US-Dollar bis Jahresende fest und verweist auf die anhaltenden Käufe durch Zentralbanken als Stützpfeiler. Eine mögliche Verschärfung des Iran-Konflikts, die ausbleibende Zinssenkung und ein stärkerer US-Dollar würden jedoch eher Unsicherheiten als eine klare Trendbeschleunigung bringen. Fazit: Korrekturphasen können zum Ausbau bestehender Positionen genutzt werden. Ansonsten ist Geduld gefragt.

Wo sich Investments lohnen

  1. Goldminen:
    Trotz Kursanstiegs sind die Bewertungen der Minenaktien historisch günstig. KI-basierte Technologien revolutionieren den Bergbau und steigern durch Optimierung des Betriebs die Metallausbeute und damit den Gewinn einer Mine.
  2. Silber:
    Die globale Förderung der „kleinen“ Edelmetall-Schwester stagniert seit über zehn Jahren. Die industrielle Nachfrage legte jedoch das Fundament für ein neues Allzeithoch. Silberminen bleiben die erste Wahl für renditehungrige Anleger*innen.
  3. Rohstoffe:
    Der Ausbruch der Rohstoffpreise, ausgenommen Edelmetalle, erfolgte erst Anfang 2026. Rohstoffe gelten im Vergleich zu Aktien nach wie vor als langfristige Outperformer, vor allem in Engpassmärkten.
  4. Bitcoin:
    Zuletzt zeigte die Kryptowährung eine relative Schwäche zu Gold. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin schreitet dennoch voran. Stabilität trifft hier auf Konvexität – nicht-inflationierbare Assets werden zur strategischen Notwendigkeit.

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