Montag, August 24, 2026

Mehrwert für Manager

Ticker

Gefangen in der Wachstumsfalle, Teil 2: Was zählt wirklich?

Erfahren Sie im zweiten Teil der Serie »Gefangen in der Wachstumsfalle«, was Unternehmen tun können beziehungsweise sogar müssen, um in Zukunft erfolgreich zu sein.

Im ersten Teil der Serie »Gefangen in der Wachstumsfalle« (Energie Report, Ausgabe 6 im November 2018) ging es um die scheinbaren Notwendigkeiten für Wachstum. Scheinbar deshalb, da im Unternehmens­alltag häufig auf einfach zu erfassende Werte wie Umsatzzahlen oder Unternehmenskennzahlen geachtet wird, während langfris­tige Veränderungen und Ausrichtungen nur peripher vorkommen. Bevor ich jetzt wieder als Sozialromantiker gebrandmarkt werde, möchte ich folgende Punkte klarstellen, welche für mich zum Thema Wachstum dazugehören:

1. Unternehmen müssen unternehmerisch handeln. Dazu gehört das Erwirtschaften eines gewissen Profits, denn sonst ist eine Existenz nicht möglich. Es gehört aber auch dazu, eine gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, sonst landen wir wieder zwangsläufig in der Wachstumsfalle.

2. Menschen sind keine Ressource. Menschen haben eine Ressource in Form von Zeit, die sie dem Unternehmen zur Verfügung stellen. Diese muss wertschätzend behandelt und angemessen bezahlt werden, so dass die Menschen von ihrer Arbeit anständig leben können. Eine Diskussion über einen Mindestlohn, beispielsweise wie in Deutschland, sollte es eigentlich nicht geben.

3. Wachstum kann zu bestimmten Zeiten sinnvoll sein. Man muss sich als Unternehmenslenker aber immer fragen, was der Mehrwert davon und der Preis dafür ist. Eine Expansion ist nicht zwangsläufig sinnvoll und die langfris­tigen Konsequenzen müssen stets im Blick sein.

4. Es ist nicht notwendig jedes mögliche Wachstum, das ein Markt eventuell hergeben könnte – und hier achte man auf den Konjunktiv –, mitzunehmen. Beispielsweise wurden 2010 in China noch Wachstumsraten größer 10 % angenommen. Tatsächlich kamen nicht einmal 7 % heraus. Die Unternehmen, die sich auf das vermeintliche Wachstum in Form von Investitionen gestürzt hatten, bekamen danach Probleme, weil die Fixkosten trotz des nicht eingetretenen Wachstums vorhanden waren.

5. Wachstum auch als Erneuerung. Ein Organismus in der Natur erneuert sich ebenfalls nach einer gewissen Zeit. Beim Menschen geht man davon aus, dass alle sieben Jahre sämtliche Zellen einmal erneuert wurden. Wenn man für Unternehmen Wachstum in Form einer Weiterentwicklung und damit Erneuerung begreift, ist dies ein sinnvoller und gerade in heutigen Zeiten, in denen Märkte und Kundenerwartungen volatiler geworden sind, wichtiger Schritt. Diese Erneuerung ist jedoch nur möglich, wenn man nicht einseitig auf Effizienz und Produktivität schaut, sondern auch viel Zeit für Lernen und Ausprobieren verwendet.

6. Die klassische Trennung von »Kopf« und »Hand« – das Management (»oben«) denkt, die Mitarbeiter (»unten«) arbeiten – muss verschwinden. Bei den Mitarbeitern steckt ein großes Ideenpotenzial. Es gehört zur primären Aufgabe von Führungskräften, die Menschen dahin zu entwickeln, ihre Ideen zu äußern, Dinge auszuprobieren und durch Fehler besser zu werden. Hier ist die Fehlerkultur ein ganz entscheidender Faktor, denn in Unternehmen, die einseitig auf Effizienz und Produktivität schauen, sind Fehler immer ein Malus, dabei gehören sie zu jeder menschlichen Entwicklung dazu und bilden die Basis für jede Verbesserung.

Alles nur Sozialromantik?

Unternehmen müssen in weiten Teilen umdenken. Das heute einseitig auf Wachstum ausgerichtete Denken und Handeln ist eben kein wirtschaftliches Handeln, sondern vielmehr ein egoistisches, mitunter ein von Gier getriebenes Verhalten. Die erwirtschafteten Gewinne, die häufig kurzfristig sind und den betreffenden Unternehmen langfristig eher schaden als nützen, werden lediglich auf eine kleine exklusive Schicht, nämlich auf die (Anteils-)Eigentümer und das Top-Management, verteilt. Die eigentlichen Macher, also die Mitarbeiter an der Basis, gehen dabei meistens leer aus.

Bereits 2006 formulierte der deutsche Volkswirt Niko Paech die Theorie der »Wachstumsrücknahme« oder im Gesamtkontext auch als »Postwachstums­ökonomie« bezeichnet (in seinem Buch »Befreiung vom Überfluss«). Seine Idee besteht darin, eine Wirtschaft zu leben, die auf den Menschen ausgerichtet ist und für die Gesamtheit der Gesellschaft da ist und nicht umgekehrt.

Wenn man derartige Ansätze verfolgt und propagiert, muss man sich oft den Vorwurf gefallen lassen, man wäre ein Illusionist und hätte nicht verstanden, wie Wirtschaft nun mal funktioniert. Dies muss aber klar bestritten werden. Derartige Ansätze sind in einigen, meist kleinen und mittelständischen Unternehmen, heute schon existent.

Europäische Beispiele

Es gibt Unternehmen, die nicht auf Wachstum ausgerichtet sind. Sie wachsen zwar teilweise auch, setzen das aber nicht voraus, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Auch Phasen ohne Wachstum sind willkommen und die Expansion wird nur dann akzeptiert, solange Werte für Kunden geschaffen werden und diese ethisch und unter Aspekten gesellschaftlicher Verantwortung tragbar sind. In Zeiten, in denen es Wachstum gibt, wird dieses sogar bewusst eingeschränkt, weil man davon ausgeht, dass zu viel Wachstum grundsätzlich problematisch ist.

Auch wenn die Beispiele nicht neu sind, möchte ich Unternehmen wie Sonnentor (Kräuter, Tee, Gewürze aus biologischem Anbau) und die Waldviertler Schuhwerkstatt sowie Trigema und Liqui Moly (beide aus Deutschland) nennen. Deren Eigentümer leben und praktizieren Ansätze, wie sie auch im Kodex des »Ehrbaren Kaufmanns« formuliert sind: Menschen werden als Quelle der Verbesserung wertgeschätzt, anständig bezahlt und unternehmerische Entscheidungen werden stets im Kontext ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung hinterfragt.

Auch wenn es sich hier um kleine beziehungsweise mittelständische Unternehmen handelt, so zeigen die Beispiele, dass eine andere Sichtweise auch in unseren mitteleuropäischen Ländern möglich ist und dass solche Unternehmen entgegen vieler marktliberaler Annahmen sehr profitabel sein können.

Im dritten Teil der Serie werden wir einen Konzern vorstellen, der einen eigenwilligen Weg in Bezug auf das Wachstum geht.

×
Stay Informed

When you subscribe to the blog, we will send you an e-mail when there are new updates on the site so you wouldn't miss them.

Merkmalserver – Mythen und Missverständnisse
So geht es den IT-Messen!

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://www.report.at/

Firmen | News

Firmen | News
21 August 2026
Firmen | News
Ein eigener Pool setzt nicht zwingend einen weitläufigen Garten voraus. Auf kleinen Grundstücken entscheidet allerdings weniger die reine Beckengröße als eine sorgfältige Abstimmung aller Flächen, ob das Projekt gelingt. Wasser, Terrasse, Wege, Bepfl...
Salesforce
19 August 2026
Firmen | News
Salesforce erweitert Headless 360, damit autorisierte KI-Agenten vorhandene Salesforce Funktionen, Workflows und Daten sicher über den offenen MCP-Standard nutzen können. Unternehmen müssen Geschäftslogik, Berechtigungen und Governance dafür nicht fü...
Firmen | News
19 August 2026
Firmen | News
Ein Schmuckstück aus dem Nachlass wirft oft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Ist der Ring aus dem Schmuckkästchen der Großmutter wertvoll, oder handelt es sich um modischen Schmuck ohne nennenswerten Materialwert? Der tatsächliche Wert lässt sich...
Salesforce
17 August 2026
Firmen | News
Salesforce hat den Agentic Enterprise Index 2026 veröffentlicht. Er basiert auf aggregierten KI-Nutzungsdaten der Agentforce Plattform und zeigt auf, wie Unternehmen, unter anderem Siemens und Pandora, KI-Agenten bereitstellen, nutzen und welche Erge...

Neue Blog Beiträge

23 August 2026
Europa
Politik
Am 19. August 2026 wurde Donald Trump im Roosevelt Room des Weißen Hauses gefragt, ob seine Regierung genug getan habe, um den Anleihemarkt zu stabilisieren. Der Anlass war handfest: Die Rendite dreißigjähriger US-Staatsanleihen war auf 5,31 Prozent ...
21 August 2026
Qualität und Effizienz
Mit der Revision der ISO 19011, dem weltweit anerkannten Leitfaden für die Auditierung von Managementsystemen, werden Organisationen und Auditoren und Auditorinnen auf die Herausforderungen einer sich rasch verändernden Arbeits- und Geschäftswelt vor...
19 August 2026
Intelligente Netze
Qualität und Effizienz
Mit dem NISG 2026 (Netz- und Informationssystemsicherheitsgesetz) setzt Österreich die EU-Richtlinie NIS-2 um. Ziel ist es, Unternehmen widerstandsfähiger gegen Cyberangriffe und IT-Ausfälle zu machen. Gerade für Gesundheitsbetriebe müssen Informatio...