Friday, June 05, 2026

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Welche Auswirkungen geopolitische Krisen auf die IT von Unternehmen haben und warum die Qualität von Daten künftig noch wichtiger wird. Im Gespräch mit Andreas Wagner, Geschäftsführer von SAP Österreich.

Andreas Wagner ist seit über 19 Jahren für das europäische Software-Powerhouse tätig.

 

SAP feierte in diesen Tagen 40 Jahre in Österreich. Wie hatte man begonnen und wo steht SAP heute?

Andreas Wagner: SAP Österreich wurde damals von Deutschland aus als eine der ersten Niederlassungen gegründet. Die ersten Kunden waren die Industrieunternehmen Lenzing, voestalpine und die damalige Nettingsdorfer Papierfabrik – heute Smurfit Kappa Nettingsdorf. Das war noch zu R/2-Zeiten. Da gibt es auch nette Geschichten, wie etwa, dass anfangs ohne eigene Infrastruktur die Personalabrechnung über die Deutsche Handelskammer abgewickelt wurde. Heute hat SAP mehr als 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 37 Nationen am Standort Österreich und 1.900 Kunden. Wir sind also ein starker Partner der österreichischen Wirtschaft. Durch Zukäufe wie Emarsys ist auch unser Team an Entwicklerinnen und Entwicklern sowie Marktexpertinnen und -experten zusätzlich gewachsen. Jetzt gehen wir mit unseren Produkten und Services „all-in“ bei KI. Klassische Software allein wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, es geht um KI-getriebene, intelligente Systeme.

Bei KI haben viele aktuell noch Probleme mit der Orientierung. Wo sollen Unternehmen konkret ansetzen?

Wagner: Die Erwartungshaltungen sind extrem hoch, gleichzeitig wird in den nächsten Jahren die demografische Entwicklung einen enormen Druck auf Unternehmen erzeugen. KI ist kein Selbstzweck – am Ende geht es darum, wie Prozesse verändert werden. Was wir ganz klar sehen, ist eine Veränderung von Rollen in der Arbeitswelt – weg vom reinen Abarbeiten hin zum Entscheiden. KI übernimmt Routineaufgaben, bereitet Daten auf und macht Vorschläge. Der Mensch trifft dann die Entscheidung.

Das ist grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung. Trotzdem haben viele Menschen aktuell Angst, dass ihre Jobs verschwinden. Wir sehen das differenziert, denn es gibt einen massiven Mangel an IT-Fachkräften, in der Entwicklung oder in der Beratung. KI hilft eher, diesen Mangel zu kompensieren.

KI-basierte Lösungen sind so gut, wie die Datenbasis, auf denen sie bauen. Wie steht es um die Datenqualität in Unternehmen?

Wagner: Das Thema begleitet uns bereits seit Jahrzehnten: Stammdaten bleiben ein Dauerthema. Mit KI wird die Datenqualität noch kritischer. Auf der einen Seite brauche ich saubere, vertrauensvolle Daten, damit KI überhaupt sinnvoll funktionieren kann. Auf der anderen Seite kann mir KI helfen, Daten zu bereinigen. Gerade im Business-Kontext wollen Unternehmen sehr genau kontrollieren, auf welche Daten zugegriffen wird. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Bei uns kann der Kunde sehr klar definieren, welche Datenbasis verwendet wird und welche externen Datenquellen einbezogen werden.

Warum gerät das klassische Software-as-a-Service-Modell aktuell so stark unter Druck?

Wagner: Es gibt eine heftige Diskussion, ob KI in Zukunft Software quasi selbst erzeugen könnte. Das führt dazu, dass das klassische Geschäftsmodell von Softwareunternehmen infrage gestellt wird. Ich glaube nicht, dass Software verschwindet. Aber klassische, „unintelligente“ SaaS wird keine Zukunft haben. Die Zukunft liegt in intelligenter, KI-getriebener Software. Das bedeutet, dass KI selbst zum User-Interface wird und dass Agenten Prozesse steuern und optimieren. Diese Entwicklung wird sich quer durch alle Branchen ziehen. Ich sehe das nicht nur bei Start-ups oder kleinen Unternehmen, sondern auch in großen Industriebetrieben.

Sie haben in einer Führungsrolle bei SAP international den Bereich Lieferkette verantwortet und waren davor für DHL tätig. Welche Rolle spielen KI und Daten konkret in der Supply Chain – mit Blick auf die geopolitische Lage derzeit?

Wagner: Wenn man sich die Weltlage anschaut, sieht man, dass Disruption zur Normalität geworden ist. Früher hat man einzelne Krisen betrachtet, heute haben wir eine permanente Abfolge von Störungen. Engpässe bei Handelsrouten wie in der Straße von Hormus zeigen, wie stark globale Lieferketten unter Druck stehen. Unternehmen müssen deshalb die Planung und das Management ihrer Lieferketten wesentlich breiter denken, mit dem engeren Einbinden von Lieferanten und einer strategischen Diversifizierung. Genau hier spielt KI eine enorme Rolle. Sie kann Daten in Echtzeit analysieren, alternative Szenarien berechnen und wirklich belastbare Entscheidungsgrundlagen liefern. Immer wichtiger werden jetzt eine integrierte Businessplanung mit unterschiedlichen Szenarien und „What-if“-Simulationen.

Wie verändert KI die Softwareentwicklung und dortige Jobs?

Wagner: Wir sehen aktuell Produktivitätsgewinne von rund 30 Prozent in der Entwicklung durch KI-Tools. Das erhöht die Effizienz und ermöglicht sicherlich auch Einsparungen – und es gibt klar den Druck auf Unternehmen, die Transformation immer weiter zu beschleunigen. Gleichzeitig müssen wir vielleicht auch Alternativen zu den klassischen Junior-Rollen finden, etwa durch Traineeprogramme oder andere Ausbildungsmodelle. Denn langfristig brauchen wir weiterhin Expertinnen und Experten, die nicht nur KI bedienen, sondern auch in der Lage sind, Ergebnisse zu bewerten und zu hinterfragen.

Welche konkreten Effekte sehen Sie bereits im Alltag durch KI?

Wagner: Es gibt viele Beispiele, im Consulting-Bereich etwa sparen wir durch KI-gestützte Tools täglich 90 bis 100 Minuten am Arbeitsplatz. Unsere Tools unterstützen bei Prozessanalysen, bei Integrationen, bei der Erstellung von Testfällen oder Dokumentation. Das Team prüft dann nur noch und gibt frei. Das führt zu weniger Routinearbeit und schnelleren Ergebnissen. Wir alle werden aber in Zukunft mit KI-Agenten arbeiten. Ich rate jedem, sich damit zu beschäftigen. Je früher man in Teams ein paar Agenten hat, die Aufgaben abnehmen, desto besser.

Verändert das auch das Geschäftsmodell in der Beratung?

Wagner: Natürlich stehen Preise und Stundensätze unter Druck. Aber der entscheidende Punkt ist die Beschleunigung. CIOs sagen ganz klar, Transformation muss schneller werden. Unser Ziel ist es daher, Transformationsprojekte mit KI zu beschleunigen und schneller in die Nutzung zu kommen. Die KI hilft dabei auch zu erkennen, was bereits gut läuft und wo noch Potenziale in der Umsetzung und Nutzung liegen. Unsere wichtigsten Key Performance Indicators für Projekte werden in Zukunft „Usage“ und „Adoption“ sein. Wenn der Kunde die Lösung nicht nutzt, verlängert er die Lizenz nicht. Das ist der große Unterschied zur früheren On-Premises-Welt.

Ein weiteres großes Thema derzeit ist digitale Souveränität. Wie gehen Unternehmen damit um?

Wagner: Etwa 75 Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung kommt aus den USA. Die großen Chiphersteller, Hardwarehersteller und Softwareunternehmen kommen entweder aus den USA oder aus Asien. In Unternehmen wird diese Abhängigkeit mittlerweile bis auf Vorstandsebene diskutiert. Es gibt diese Verwundbarkeit, trotzdem will man nicht Innovation ausbremsen. Aber gleichzeitig sitzt Europa auf einem Schatz, mit jährlich produzierten Daten von 35 Zettabyte, einer Zahl mit 21 Nullen.

Man will sich natürlich nicht technologisch abschotten. Unternehmen stellen sich ganz konkret die Frage, ob sie sich Souveränität überhaupt leisten können. Wir bieten hier unterschiedliche Modelle auch für Daten mit unterschiedlichen Schutzkriterien an, so zum Beispiel in der Public Cloud mit garantierter EU-Datenhaltung. Ein mittelständisches Unternehmen, das diese Cloud-Lösungen nutzt, kann voll an Innovationen teilhaben, kann skalieren und seine Prozesse standardisieren und unsere Best-Practices nutzen. Wir bieten dann auch Private-Cloud-Lösungen mit Partnern wie T-Systems oder in Zukunft auch Schwarz Digits in Österreich, außerdem natürlich vollkommen souveräne Lösungen aus unseren SAP-Datencentern bis zum Technologie-Stack.

Wie lange wird die aktuelle Knappheit an SAP-Fachkräften noch anhalten?

Wagner: Das wird uns noch einige Jahre begleiten. Ein großer Teil der Industrie ist bereits in Transformation, aber in manchen Bereichen gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Gleichzeitig geht es jetzt darum, KI konkret in bestehende Systeme zu integrieren. Kunden wollen keine Experimente mehr, sondern konkrete, produktive Anwendungsfälle mit messbarem Mehrwert. Wir sprechen hier von „Ready-to-use“-Szenarien, also Lösungen, die direkt einen Business Case liefern. Hier sind wir gerade dabei, Beispiele für die Kunden aufzubereiten.

Abschließend gefragt: Hat Sie die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung überrascht?

Wagner: Ich glaube schon, dass es schneller gegangen ist, als viele erwartet haben. In der Lehre von Business Intelligence und Machine Learning war vieles schon länger vorhanden. Man hatte aber eher Produktions- und Maschinenbereiche im Fokus. Die aktuelle Dynamik jetzt im Verwaltungsbereich der Unternehmen hat eine neue Qualität. Wir sehen heute Dimensionen, die man sich früher vielleicht nur schwer vorstellen konnte. Und gleichzeitig gibt es auch Unsicherheit, wenn manche sich nicht vorstellen können, wohin sich das entwickelt. Deshalb ist mir das Prinzip „Human in the Loop“ so wichtig. Automatisierung ist gut und notwendig, aber am Ende muss der Mensch die Kontrolle behalten und die Verantwortung tragen. Hier sind Themen wie Ethik, Governance und Kontrolle zentral.

 

Hintergrund: Gala und Award
Seit 40 Jahren begleitet SAP Österreich die digitale Transformation des österreichischen Wirtschaftsstandorts. Dieses Jubiläum wurde am 16. April in der Wiener Hofburg unter dem Motto »Servus to the Future« gefeiert, mit Festreden u.a. von Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll und Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Zu den über 300 Gästen zählten langjährige Kunden wie voestalpine, A1, Red Bull, Mondi oder PEZ. Im Rahmen der Gala wurden erstmals die »Future Faces Austria«-Awards für Persönlichkeiten verliehen, die Österreichs digitale Transformation vorantreiben.

Bild: Atelier Schulte

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