Wednesday, May 27, 2026

Mehrwert für Manager

2017 hatte Schindler Österreich keinen einzigen Lehrling. Heute haben bereits 40 Nachwuchskräfte das Programm durchlaufen bzw. sind aktuell noch aktiv in der Lehrlingsausbildung. Das Unternehmen hat seit dem Start jede einzelne Person nach bestandener Lehrabschlussprüfung übernommen, und erreicht auf TikTok Einzelvideos mit über 500.000 Aufrufen – ohne Influencer, ohne bezahlte Reichweite. Janine Schwabe-Häder, seit Jänner 2024 Vorsitzende der Geschäftsleitung von Schindler Österreich, erklärt im OfficeTalk-Gespräch, wie dieses Programm entstanden ist, warum es so viel internes Engagement braucht – und wo es in fünf Jahren stehen soll.

Wie Lehrlingsausbildung zur Fachkräftestrategie wird

2017 hatte Schindler Österreich keinen einzigen Lehrling. Heute haben bereits 40 Nachwuchskräfte das Programm durchlaufen bzw. sind aktuell noch aktiv in der Lehrlingsausbildung. Das Unternehmen hat seit dem Start jede einzelne Person nach bestandener Lehrabschlussprüfung übernommen, und erreicht auf TikTok Einzelvideos mit über 500.000 Aufrufen – ohne Influencer, ohne bezahlte Reichweite. Janine Schwabe-Häder, seit Jänner 2024 Vorsitzende der Geschäftsleitung von Schindler Österreich, erklärt im OfficeTalk-Gespräch, wie dieses Programm entstanden ist, warum es so viel internes Engagement braucht – und wo es in fünf Jahren stehen soll.

Wie Lehrlingsausbildung zur Fachkräftestrategie wird
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Video by Gerhard Popp. Mehr von Gerhard Popp gibts hier

78 Prozent der österreichischen Betriebe sind laut WKÖ-Arbeitskräfteradar 2025 vom Fachkräftemangel betroffen, 53,5 Prozent davon stark bis sehr stark. In der Technikbranche ist der Druck besonders hoch: Elektrotechnik, Elektromaschinentechnik und Mechatronik stehen allesamt auf der Mangelberufsliste 2026 des Wirtschaftsministeriums. Für ein Unternehmen, das Mitarbeitende in ganz Österreich beschäftigt und Servicetechniker als operativen Kern des Geschäftsmodells braucht, ist das keine abstrakte Statistik.

Schindler Österreich hat 2017 die Konsequenz gezogen und ein eigenes Lehrlingsprogramm gestartet – mit damals zwei Jugendlichen. Heuer laufen 17 Lehrlinge parallel durch das Programm, verteilt auf Wien, Linz, Salzburg, Innsbruck und Dornbirn. Im Herbst 2025 starteten sechs neue Nachwuchskräfte. Seit Programmbeginn wurden alle Absolventen mit bestandener Lehrabschlussprüfung in eine Festanstellung übernommen – eine Quote von 100 Prozent, die Schwabe-Häder im Gespräch ausdrücklich als strategisches Commitment beschreibt, nicht als statistischen Zufall.

Das Ausbildungsmodell: Drei Lernorte statt zwei

Das österreichische duale Ausbildungssystem sieht Betrieb und Berufsschule vor. Schindler hat einen dritten festen Lernort hinzugefügt: Die ersten 16 Monate der Ausbildung verbringen Schindler-Lehrlinge in den Lehrwerkstätten von Siemens – in Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck – beziehungsweise bei IMA Schelling in Vorarlberg. Dort werden die technischen Grundlagen in Elektro-, Anlagen- und Betriebstechnik vermittelt, ohne dass Schindler selbst Lehrwerkstätten betreiben muss.

Rechtlich handelt es sich um einen Ausbildungsverbund nach dem österreichischen Berufsausbildungsgesetz. Praktisch bedeutet es, dass Schindler die Vorteile eines großen Industriekonzerns als Ausbildungspartner nutzt, während die eigene Ausbildungskapazität für die spezifische Aufzugstechnik reserviert bleibt. Schwabe-Häder beschreibt das als Traineeprogramm: Die Lehrlinge durchlaufen im weiteren Verlauf alle Bereiche des Unternehmens – Neuanlagen, Modernisierung, Service, Reparatur – und bekommen ein Bild von den Karrieremöglichkeiten, bevor sie sich festlegen.

Der Lehrberuf ist Elektrotechnik mit Hauptmodul Anlagen- und Betriebstechnik, Laufzeit dreieinhalb Jahre. Das ist bewusst gewählt: Wer diesen Abschluss hat, ist am österreichischen Arbeitsmarkt mit einem anerkannten Mangelberuf qualifiziert. Das betriebsspezifische Aufzugs-Know-how kommt on top.

Begleitend läuft eine Lehrlingsakademie, die einmal jährlich alle Lehrlinge in Wien zusammenbringt. Themen dort: Kommunikation, Teamarbeit, Finanzbildung, Sozialkompetenz. Dazu kommen Sozialkompetenztrainings in Kooperation mit „Bildungspartner Österreich“ sowie Benefits wie Führerschein-Übernahme, Leistungsprämien und Essenszuschüsse.

Schindler TikTok Recruiting: +900 Prozent Views ohne bezahlte Reichweite

Die Herausforderung beginnt vor der Ausbildung: Die richtigen Jugendlichen finden. Schindler Österreich setzt dafür seit Anfang 2025 auf TikTok – einen Kanal, der in der Aufzugsbranche bis dahin praktisch nicht existierte. Umgesetzt wird er gemeinsam mit der Wiener Agentur Showoff Media.

Die Ergebnisse nach den ersten drei Monaten laut Showoff-Auswertung: Plus 900 Prozent Views, plus 770 Prozent Likes, plus 1.050 Prozent Kommentare. Drei Top-Videos erzielten 82.000, 63.000 und über 100.000 Aufrufe organisch, wenig später durchbrach ein Video sogar die 530.000 Marke - ohne Influencer-Kooperationen, ohne bezahltes Boosting.

Was inhaltlich funktioniert, gliedert sich in zwei Säulen: Lehrlinge und Ausbildung als Protagonisten einerseits, Wissensvermittlung rund um Aufzugstechnik andererseits. Das zweite Format stößt laut Schwabe-Häder auf breitere Resonanz als erwartet und erreicht auch Nutzer zwischen 25 und 40, die für andere Positionen im Unternehmen relevant sind. Der Kanal wirkt damit nicht nur als Lehrlingsrekrutierung, sondern als allgemeines Employer Branding. Ein Nebeneffekt, den Schindler in Bewerbungsgesprächen registriert: Kandidaten sprechen das Unternehmen aktiv auf Inhalte an, die sie auf TikTok gesehen haben.

FieldLink: Digitaler Beruf als Recruiting-Argument

Was den Beruf des Aufzugstechnikers von außen attraktiv macht, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Schwabe-Häder beschreibt das im Gespräch präzise: früher sehr mechanisch, heute sehr digital. Das Werkzeug, das diesen Wandel sichtbar macht, heißt FieldLink – eine App, auf der weltweit rund 30.000 Schindler-Servicetechniker täglich arbeiten.

FieldLink läuft auf iPhones und bündelt Auftragsmanagement, Anlagenhistorie, Checklisten, Diagnosedaten aus dem Technical Operations Center am Wienerberg sowie Ersatzteilbestellung und Routenoptimierung. Für Lehrlinge im dritten und vierten Lehrjahr ist die App bereits regulärer Bestandteil des Arbeitsalltags. Das Argument gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern: Der Beruf kombiniert Handwerk mit digitalem Datenzugriff – Vibrationsmessungen, Ausfallursachen-Analyse, Ferndiagnose – und ist damit weit entfernt vom Klischee des schweren Handwerksberufs.

Diversität in der Technik: Jessica Weschitz als erster Schritt

Im Frühjahr 2025 hat Jessica Weschitz ihre Lehre als Elektrotechnikerin bei Schindler Österreich abgeschlossen – als erste Frau, die diesen Abschluss bei dem Unternehmen erreicht hat. Sie arbeitet seitdem als Servicetechnikerin in Wien und betreut mehrere Bezirke eigenverantwortlich.

„Ich habe mich schon immer für Technik interessiert und wollte einen Beruf, in dem ich sowohl meinen Kopf als auch meine Hände einsetze. In der Elektro- und Betriebstechnik kann ich genau das tun – planen, tüfteln, anpacken und immer wieder Neues dazulernen.“  — Jessica Weschitz, Servicetechnikerin, Schindler Österreich

Schwabe-Häder formuliert den Diversitätsanspruch des Unternehmens bewusst breit: nicht nur das Verhältnis Männer zu Frauen, sondern Alters-, Erfahrungs- und Hintergrund-Diversität als Voraussetzung für leistungsfähige Teams. Im aktiven Lehrlingsprogramm sind aktuell mehrere Frauen; ein quantifiziertes Ziel nennt Schindler öffentlich nicht.

Mitarbeiterbindung: Was die 100-Prozent-Übernahmequote über die Unternehmenskultur aussagt

Die Übernahmequote ist das auffälligste Kennzeichen des Programms. Was sie wirklich bedeutet, hängt von der Selektionstiefe ab: Schindler nimmt keine ungeeigneten Lehrlinge auf und gibt sie nach der Ausbildung nicht wieder frei. Das setzt ein hohes Maß an Sorgfalt beim Einstieg voraus – und ein Commitment, das sich durch die gesamte Lehrzeit zieht.

Indirekte Indikatoren für eine generell niedrige Fluktuation: Im August 2025 besetzte Schindler Österreich drei Schlüsselpositionen in der Geschäftsleitung ausschließlich intern. Schwabe-Häder selbst ist seit 2012 im Unternehmen. Ihr Vorgänger Daniel Reisenberger war seit 2002 bei Schindler, bevor er die Verantwortung für Südost- und Osteuropa übernahm. Drei der aktuellen Lehrlinge kommen aus Mitarbeiterfamilien – ein klassisches Signal für hohe interne Zufriedenheit.

 

Schindler Lehrlingsprogramm: Ziele für die nächsten fünf Jahre

Das erklärte Ziel ist, den eigenen Nachwuchs mittelfristig vollständig selbst auszubilden – von Servicetechnikern und Monteuren über technische Fachkräfte bis zu Führungskräften. Der letzte Punkt ist das eigentlich ambitionierte Element: Wenn das Programm hält, was Schwabe-Häder ankündigt, soll die Lehre bei Schindler Österreich irgendwann nicht nur in operative Techniker münden, sondern auch in Führungspositionen.

Der externe Druck dafür wird nicht abnehmen. Die WKÖ prognostiziert auf Basis von OECD-Daten einen Rückgang der Erwerbsfähigen in Österreich um 23,7 Prozent bis 2060. Die Konkurrenz reagiert zögerlicher: KONE Österreich und Otis bilden ebenfalls aus, vermarkten das aber deutlich weniger sichtbar. TK Elevator – der dritte relevante Wettbewerber – steht durch die angekündigte Übernahme durch KONE derzeit vor strukturellen Umbauarbeiten.

 

FAQ: Schindler Österreich und Lehrlingsausbildung

Welche Lehrberufe bietet Schindler Österreich an?

Schindler Österreich bildet in einem Lehrberuf aus: Elektrotechnik mit Hauptmodul Anlagen- und Betriebstechnik (3,5 Jahre). Der Schwerpunkt liegt auf der Elektrotechnik als Basis für die Karriere als Servicetechnikerin oder Servicetechniker.

Wie funktioniert der Ausbildungsverbund mit Siemens?

Schindler-Lehrlinge verbringen die ersten 16 Monate ihrer Ausbildung in den Lehrwerkstätten von Siemens (Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck) oder bei IMA Schelling in Vorarlberg, wo die elektrotechnischen Grundlagen vermittelt werden. Danach folgen Rotation durch alle Unternehmensbereiche, Berufsschule und eine zweimonatige Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung.

Wie hoch ist die Übernahmequote bei Schindler Österreich?

Schindler Österreich übernimmt seit dem Programmstart 2017 alle Lehrlinge, die ihre Lehrabschlussprüfung bestehen, in eine Festanstellung. Die Übernahmequote liegt damit bei 100 Prozent.

Warum nutzt Schindler Österreich TikTok für die Lehrlingssuche?

TikTok erreicht Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren dort, wo sie sich täglich aufhalten. Der Schindler-Kanal @schindler_austria zeigt Einblicke in den Berufsalltag und erklärt technische Zusammenhänge rund um Aufzüge. Ohne bezahlte Maßnahmen oder Influencer-Kooperationen erzielte der Kanal innerhalb der ersten drei Monate einzelne Videos mit über 100.000 organischen Aufrufen.

Was ist FieldLink und welche Rolle spielt die App in der Ausbildung?

FieldLink ist die digitale Servicetechniker-App von Schindler, auf der weltweit rund 30.000 Techniker arbeiten. Sie läuft auf iPhones und integriert Auftragsmanagement, Anlagendiagnose aus dem Technical Operations Center, Wartungsprotokolle und Ersatzteilbestellung. Lehrlinge im dritten und vierten Lehrjahr arbeiten bereits regulär mit der App.

Was plant Schindler Österreich für die Lehrlingsausbildung in den nächsten Jahren?

Das erklärte Ziel ist, Servicetechniker, Monteure und langfristig auch Führungskräfte über das eigene Lehrlingsprogramm zu entwickeln. Im Herbst 2025 starteten sechs neue Lehrlinge; die aktive Lehrlingszahl soll weiter wachsen.