Thursday, June 04, 2026

Mehrwert für Manager

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Der Markt für digitale Vermögenswerte und neue Zahlungsmodelle wächst rasant. Kryptowährungen und Stablecoins werden zunehmend zu einem zentralen Bestandteil der Finanzwirtschaft und bringen etablierte Marktteilnehmer in Zugzwang – auch in Österreich.

Bild: iStock


Das Finanzsystem steht an einem Wendepunkt. FinTechs sind aus der Nische der digitalen Zahlungsdienstleistungen zu einem zentralen Bestandteil internationaler Transaktionen herangewachsen. Wie Wertströme künftig übertragen, abgewickelt und gespeichert werden, verändert sich grundlegend: Öffentliche Blockchains, digitale Währungen und tokenisierte Vermögenswerte haben im institutionellen Finanzsektor Einzug gehalten.

Was einst als Krypto-Spielwiese für Nerds galt, hat die Kapitalmärkte erobert. Dahinter stehe kein vorübergehender Hype, sondern konkreter Nutzen, sagt Birgit Kraft-Kinz, Initiatorin von P19, der europäischen Plattform für Payment Pioneers: »Grenzüberschreitende Zahlungen, programmierbare Verträge, tokenisierte Vermögenswerte – das sind die klaren Felder. Gerade für Unternehmen mit internationalen Lieferketten oder fragmentierten Zahlungsströmen entstehen echte Effizienzgewinne. Wer früh einsteigt, hat einen echten Wettbewerbsvorteil.«

Für Firmenkunden bedeutet das vor allem schnelle, transparente, zeitunabhängige und kostengünstige Services im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Geld und Wertpapiere können über unterschiedliche Systeme hinweg übertragen und verwaltet werden, während Sicherheitsmechanismen garantieren, dass Lieferung und Zahlung gleichzeitig erfolgen. In Ländern mit hoher Inflation bieten sie Zugang zum US-Dollar und helfen, Vermögen stabil zu sichern. Darüber hinaus können Zahlungsvorgänge im Geschäftsalltag künftig automatisiert und Lieferketten effizienter gestaltet werden.

In Sekunden erledigen
Für Banken und Zahlungsdienstleister stellt sich nicht mehr die Frage, ob sie auf den Zug aufspringen sollen, sondern wie sie sich künftig auf diesem stark wachsenden Geschäftsfeld positionieren werden. Stablecoins & Co. werden klassische Bankservices nicht ablösen, ist Payment-Expertin Birgit Kraft-Kinz überzeugt: »Aber sie werden klassische Bankservices unter enormen Innovationsdruck setzen. Wo Transaktionen heute Tage dauern und Gebühren schlucken, kann Technologie das in Sekunden erledigen. Banken, die das ignorieren, verlieren Relevanz – nicht über Nacht, aber stetig.«

Bild: Payment-Expertin Birgit Kraft-Kinz ist Initiatorin von P19.

Der Markt ist 100 Billionen US-Dollar schwer – die Platzhirsche sind Mastercard, Visa und PayPal. In Europa laufen zwei Drittel aller Transaktionen über diese US-Zahlungsdienstleister. Die Raiffeisen Bank International (RBI) und die Bank Austria sind aus den Verträgen mit Visa bzw. Card Complete bereits ausgestiegen und betreiben das Kreditkartengeschäft nun selbst. Stablecoins, die derzeit technisch ausgereifteste Form des Zahlungsverkehrs, spielen dabei eine zentrale Rolle.

»Krypto-Zahlungen werden sich in bestimmten Bereichen durchsetzen: B2B, internationale Überweisungen, Kartenzahlungen und Treasury«, sagt Benjamin Levit, Gründer und CEO von Bluechip, der weltweit ersten Ratingagentur für Stable­coins. »Stablecoins wachsen dort stark durch niedrigere Kosten und schnelle Abwicklung. Langfristig werden sie zur unsichtbaren Infrastruktur und nicht mehr als eigenständiges Krypto-Feature wahrgenommen.«

Digitales Kassenbuch
Im Wettbewerb um das riesige Geschäft bringen sich neun europäische Großbanken mit der Ausgabe eines gemeinsamen Stablecoins in Stellung, um eine eigenständige Alternative im Zahlungsverkehr zu schaffen. Neben der RBI aus Österreich sind die ING (Niederlande), die DekaBank (Deutschland), UniCredit und Banca Sella (Italien), die CaixaBank (Spanien), KBC (Belgien), SEB (Schweden) und die Danske Bank (Dänemark) mit an Bord.

Ab Mitte 2026 soll ein Stablecoin entsprechend der MiCAR-Verordnung der EU auf Euro-Basis, beaufsichtigt von der niederländischen Zentralbank, auf den Markt kommen. Um Kursschwankungen auszuschließen, wird das digitale Zahlungsmittel an stabile Vermögenswerte gekoppelt sein. Im Gegensatz zu Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum soll der Stablecoin damit eine konstante Wertstabilität gewährleisten. Privaten Kleinanleger*innen bis zu großen Hedgefonds bietet sich damit die Möglichkeit, Geld im Krypto-Ökosystem wertstabil zu parken.

»Wir sind dem Konsortium beigetreten, weil wir von den Vorteilen eines Multi-Banken-Ansatzes bei der Emission von Stablecoins überzeugt sind«, sagte RBI-Vorstandsvorsitzender Johann Strobl anlässlich der Ankündigung im September 2025. »Wir glauben, dass Stablecoins das Potenzial haben, interne Prozesse zu transformieren und unseren Kunden schnellere und kostengünstigere Transaktionen und Zahlungsoptionen zu bieten.« Die neue Währung nutzt die Blockchain-Technologie als Grundlage und bietet ein transparentes, für alle einsehbares digitales Kassenbuch. Kund*innen erhalten Wallets zur sicheren Aufbewahrung ihrer digitalen Vermögenswerte von Wertpapieren bis zu Kryptowährungen.

Gegen die US-Dominanz
Ein weiteres Bankenkonsortium aus zehn internationalen Großbanken – darunter Deutsche Bank, Bank of America, Goldman Sachs, UBS, Barclays und BNP Paribas – hat ein Stablecoin-Projekt angekündigt, das an eine G7-Währung gebunden sein soll. Doch auch den Stablecoin-Markt dominieren drei US-amerikanische Anbieter: Tether, Circle und Rip­ple. Präsident Donald Trump erleichterte im Juli 2025 mit dem Genius Act die regulatorischen Rahmenbedingungen in den USA.

Indessen entwickelt sich Wien zu einem beliebten Standort für internationale Kryptobörsen in Europa. Mit Jahresbeginn 2026 eröffnete KuCoin, 2017 in China gegründet mit Hauptsitz auf den Seychellen, in Wien seine Europa-Zentrale. Mit Oliver Stauber, dem ehemaligen Chief Legal Officer von Bitpanda, als CEO und Christian Niedermüller, dem früheren Blocktrade-CEO, als COO holte man zwei ausgewiesene Experten in die Geschäftsleitung.

Das in Singapur ansässige Unternehmen Bybit, eine der weltweit größten Kryptobörsen, rollt seit Sommer 2025 ausgehend von Wien seine Services in Europa aus. »Wien wurde bewusst als Standort für den europäischen Hauptsitz gewählt – dank seiner zentralen Lage, der starken rechtlichen und finanziellen Infrastruktur und des Zugangs zu hochqualifizierten, mehrsprachigen Fachkräften«, begründete Mazurka Zeng, CEO Bybit EU, die Entscheidung für die österreichische Hauptstadt. »Österreichs progressive Haltung zu Innovation im Finanzbereich und das sich entwickelnde Sandbox-Modell für digitale Vermögenswerte machen den Standort zu einem idealen Ausgangspunkt für paneuropäische Kryptodienstleistungen.« Langfristig will Bybit in Wien über 100 Personen beschäftigen.

Von der FMA erhielt das Unternehmen im Mai 2026 die MiCAR-Lizenz für Geschäfte in der gesamten EU. Mit dem Launch von Bybit Pay geht das Unternehmen bereits den nächsten Schritt – vom Trading-Angebot zu einem integrierten Zahlungssystem. Digitale Vermögenswerte können innerhalb der Bybit-App für jegliche Transaktionen genutzt werden – auch im Handel, zwischen anderen Nutzer*innen oder für grenzüberschreitende Überweisungen. Auch Zahlungen per QR-Code und der Umtausch in Fiat-Währungen wie Euro oder US-Dollar sind geplant. Kryptowährungen sollen damit zu einem alltäglichen Zahlungsmittel werden.

Mögliche Lücken
Doch wie steht es um die Sicherheit dieser Zahlungssysteme? Die EU hat mit der »Markets in Crypto-Assets Regulation« (MiCAR), die seit 2025 in allen Mitgliedstaaten gilt, einen klaren Rechtsrahmen geschaffen. Die wichtigsten Punkte: Auf Stablecoins dürfen keine Zinsen gezahlt werden und Emittenten müssen ein Reservevermögen aus liquiden Anlagen nachweisen. »Regulierung ist ein Fortschritt, aber keine vollständige Lösung«, zeigt sich Bluechip-CEO Benjamin Levit dennoch skeptisch.

»MiCAR (EU) und Genius (USA) verlangen getrennte, insolvenzsichere Reserven und erhöhen die Sicherheit, bringen aber auch neue Lücken: Bankeinlagen schaffen Gegenparteirisiko, Renditen sind verboten. Krypto-besicherte Modelle werden oft ignoriert.« Deshalb seien unabhängige Ratings wie das SMIDGE-Framework von Bluechip wichtig, so Levit: »Es misst, was Regulierer ausblenden, und bewertet Stablecoins vergleichbar über Regionen hinweg.«

Bild: Benjamin Levit, Bluechip: »Regulierung ist ein Fortschritt, aber keine vollständige Lösung.«

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) plant mit dem digitalen Euro die Einführung eines neuen Zahlungssystems. Die abgesicherte Digitalwährung soll wie Bargeld nutzbar sein, aber nicht auf einem Bankkonto, sondern in einem sogenannten Wallet via Smartphone oder Karte verfügbar sein. Der Zusatznutzen für Banken und Zahlungsdienstleister ist jedoch fraglich, zumal die eigenen Initiativen deutlich früher am Markt sein dürften. Zumindest zeitlich dürfte der Stablecoin von RBI & Co. die Nase vorn haben – auch wenn das Bezahlen an der Supermarktkassa noch in weiter Ferne liegt.

 

Kleine Begriffskunde

1. Krypro-Assets
Dabei handelt es sich um digitale, handelbare Vermögenswerte, die auf einer Blockchain oder einer ähnlichen Technologie basieren. Sie dienen als Anlagegüter, Spekulationsobjekte oder digitale Nutzungsrechte. Sie sind dezentral, kryptografisch gesichert und können nicht gefälscht werden.

2. Digitales Geld
Virtuelle Währungen dienen als Tauschmittel oder Wertspeicher, sind aber meist keine gesetzlichen Zahlungsmittel. Es gibt Coins (eigenständige Kryptowährungen, die auf ihrer eigenen Blockchain laufen, wie z. B. Bitcoin) und Stablecoins (Kryptowährungen, deren Wert an stabile Vermögenswerte, z. B. US-Dollar, gekoppelt ist).

3. Token
Das sind digitale Einheiten, die auf einer bestehenden Blockchain (z. B. Ethereum) erstellt werden. Man unterscheidet Utility Token (gewähren Zugang zu einem bestimmten Dienst oder Produkt), Security Token (digitale Abbildung von Wertpapieren oder Vermögenswerten) und Non-Fungible Token (digitale Echtheitszertifikate für Kunstwerke).

4. Wallet
Darunter versteht man ein digitales Tool zur Speicherung und Verwaltung von Kryptowährungen. Es gibt Hot Wallets (online und verbunden, der Schlüssel wird der Kryptobörse anvertraut) und Cold Wallets (offline, der Schlüssel bleibt im Besitz der Anleger*in), die je nach Bedarf für schnellen Handel oder Sicherheit verwendet werden.

 

Über den digitalen Euro

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Petia Niederländer leitet die Hauptabteilung Zahlungsverkehr in der Oesterreichischen Nationalbank.

Die Europäische Zentralbank (EZB) startete 2021 das Projekt »Digitaler Euro«, um die US-Dominanz im globalen Zahlungsverkehr zu brechen. Bei der österreichischen Bevölkerung stößt eine digitale Währung nicht unbedingt auf Gegenliebe. Viele Menschen fürchten die mögliche Abschaffung des Bargelds. Das digitale Bezahlen nimmt zwar stetig zu, 55 % aller Transaktionen werden aber noch immer mit Bargeld getätigt. An der Bedeutung physischer Banknoten und Münzen will die Oesterreichische Nationalbank deshalb gar nicht rütteln. Mit dem digitalen Euro soll jedoch, vor allem im Online-Handel, eine europäische Alternative zu US-Zahlungsdienstleistern aufgebaut werden, wie Petia Niederländer, Leiterin der Hauptabteilung Zahlungsverkehr, bestätigt: »Der digitale Euro wäre als digitales Zentralbankgeld eine gebührenfreie und sichere Möglichkeit für digitales Bezahlen.«

Auch die Banken und Zahlungsdienstleister, die längst in andere Lösungen investieren, sehen die geplante Einführung kritisch, greift sie doch in ein für sie höchst einträgliches Geschäftsfeld ein. Die Transaktionen wären günstiger und sicherer, argumentiert hingegen die EZB. Beim digitalen Euro sei sichergestellt, dass keine System- oder Abwicklungsgebühren anfallen. Für die Verschlüsselung sämtlicher Daten soll eine neue Technologie eingesetzt werden.


Im Interview
Banken, Börsen und Fintechs positionieren sich im digitalen Asset-Ökosystem. Wie Capgemini-Finanzexperte Kieran Mullaley beobachtet, bewegt sich der Markt schrittweise von der reinen Experimentierphase hin zur praktischen Umsetzung. https://www.report.at/invest/ueber-den-zahlungsverkehr-hinaus

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