Sunday, February 22, 2026

Mehrwert für Manager

Ticker

Orientierung behalten im Geflecht viel­fältiger Interessen - das EFQM-Modell im Ecosystem

Die FH Campus Wien wurde als Gewinnerin des Staatspreis Unternehmensqualität 2022 ausgezeichnet. Wir haben mit Georg Hochfellner, BSc MSc und Mag. Clemens Reindl zwei langjährige Experten und Mitarbeiter im Qualitätsmanagement der FH Campus Wien gebeten, uns einen Einblick in das komplexe und spannende interne und externe Umfeld (das Ecosystem) der Fachhochschule zu geben und wie sie dieses managen.

Die FH Campus Wien ist mit über 8.000 Studierenden an sechs Standorten und fünf Kooperationsstandorten die größte Fachhochschule Österreichs. Wir bieten in sieben Departments mehr als 60 Studien- und Lehrgänge an, und betreiben neun fachspezifische Kompetenzzentren für Forschung und Entwicklung. Um unsere Mission erfüllen zu können, stehen wir im engen Kontakt mit unseren Interessengruppen und entwickeln systematisch unsere Beziehungen innerhalb des Ecosystems.

Wie groß kann das Ecosystem werden?

Organisationen befinden sich in einem Beziehungsnetz, an dem interne und externe Interessengruppen beteiligt sind. Größe und Komplexität dieses Ecosystems können dabei unterschiedlich sein, von überschaubaren Beziehungssystemen mit einer Handvoll an strategischen Partner*innen bis hin zum umfangreichen Beziehungsgeflecht mit vielgestaltigen wechselseitigen Abhängigkeiten der Akteur*innen.

Wodurch werden Größe und Komplexität des Ecosystems bestimmt? Hier gibt es nicht einen entscheidenden Faktor, sondern eine Vielzahl von Aspekten, wie z.B.:

- Das Leistungsportfolio: Unterschiedliche Geschäftsbereiche bzw. Leistungen können ganz unterschiedliche Beziehungsgeflechte erforderlich machen, die das Ecosystem vergrößern.

- Die Art der Kund*innen-Beziehungen, z. B. vielschichtige Kund*innenbeziehungen zwischen Auftraggeber*in(nen), Leistungsempfänger*in(nen) und Leistungserbringer*in(nen), wie sie häufig im Dienstleistungssektor vorkommen.

- Die Finanzierungsstruktur: Vor allem bei NPOs können komplizierte Finanzierungs- (und Interessens-) strukturen vorliegen, die sich nicht nach marktwirtschaftlichen Gesetzen verhalten.

- Die Größe der jeweiligen Organisation

- Der Grad der Abhängigkeit von externen Partner*innen

- Und weitere Aspekte, wie z.B. der Grad an gesellschaftlicher Verflechtung, eventuelle dezentrale Organisationsformen, oder auch dezentrale Vernetzungstätigkeiten, z.B. auf Ebene der Mitarbeitenden in Expert*innen-Organisationen.

So wie für die meisten anderen Hochschulen auch, treffen für die FH Campus Wien viele dieser komplexitätssteigernden Merkmale zu und führen zu einem entsprechend umfangreichen – und auf den ersten Blick unübersichtlichen – Ecosystem.

Im Spannungsfeld zwischen breiter Beteiligung und hoher Effizienz

Eine der Herausforderungen in einem großen Beziehungsnetz besteht in der effizienten und effektiven Einbeziehung relevanter Interessengruppen: Bei zu geringer Beteiligung und Entscheidungen „im kleinen Kreis" ist der Aufwand zwar gering, das Risiko für späteren Widerstand und/oder mangelndes Commitment der betroffenen Interessengruppen jedoch hoch. Mit einer umfangreichen Beteiligung kann man diesem Risiko zwar begegnen, dafür steigt jedoch der Aufwand. Dies kann zu einer Überforderung der Beteiligten führen; im Extremfall können sich Vorhaben dadurch so weit verzetteln, dass sie zu keinem Abschluss kommen, oder sich selbst ad absurdum führen.

Hier wird jede Organisation die für sie richtige Mischung aus bottom-up und top-down-Elementen finden. An der FH Campus Wien haben sich folgende vier Schritte bewährt, mit denen Entscheidungseffizienz und Beteiligung der Interessengruppen in einem für uns passenden Verhältnis stehen:

- Fundierte Vorarbeiten: Interne Expert*innen bereiten in kleinen Kreis auf Grundlage ihrer Feldkenntnis, Dokumenten- und Literaturrecherchen sowie internem und externem Austausch ein fundiertes Konzept vor.

- Qualifizierter Aufschlag: Dieser wird gemeinsam mit der obersten Leitung zu einem qualifizierten Entwurf ausgearbeitet.

- Beteiligung und inhaltliche Abstimmung: Der Entwurf wird in den jeweils geeigneten Gremien präsentiert, diskutiert und inhaltlich feingeschliffen.

- Kommunikation und Ausrollung: Über zielgruppenspezifische Kanäle werden die Ergebnisse in die Breite gebracht. Auch in diesem Schritt gibt es Rückmeldemöglichkeiten für die jeweils relevanten Interessengruppen.

In der Praxis zeigt sich für uns, dass der Aufwand zur Erarbeitung des qualifizierten Aufschlages in der Regel ein gut investiertes Zeitinvestment ist, da die Gruppe der Beteiligten in den nächsten Schritten rasch größer, und grundlegende Änderungen des jeweiligen Vorhabens immer schwieriger werden. Als weitere Erfolgsfaktoren sehen wir die methodische Umsetzung von Beteiligung in spezifisch angepassten Veranstaltungsformaten, sowie das glaubhafte und konsequente Umsetzen der jeweiligen gemeinsam getroffenen Beschlüsse als vertrauenserhaltende Maßnahme.

EDas EFQM-Modell als Orientierungshilfe beim Einbeziehen von Interessengruppen

Unsere langjährige Beschäftigung mit dem EFQM Modell bestimmt auch die Bedeutung, die dem Thema Interessengruppen beigemessen, und die Ansätze, mit denen es systematisch angegangen wird. Eine wichtige Rolle spielen dabei unsere Mission und Strategie als Fundament für das Identifizieren und Segmentieren von Interessengruppen, die Auseinandersetzung mit unserem Ecosystem (gemeinsames Verständnis über die Verortung von Interessengruppen entlang der Dimensionen „Nähe" und Strategierelevanz), die Einbeziehung der Interessengruppen in unsere Ausrichtungs-, Realisierungs- und Bewertungsaktivitäten und das Schaffen von Feedback- und Dialogmöglichkeiten.

Anfang 2022 war die FH Campus Wien eingeladen, in der Quality Austria-Webinarreihe „Das EFQM Modell praktisch anwenden" vorzustellen, wie sie Interessengruppen einbindet. Um aufzuzeigen, was die oben erwähnte Orientierung am EFQM-Modell im Konkreten aussehen kann, soll abschließend das im Webinar gebrachte Beispiel kurz dargestellt werden:

In ihrer Mission setzt sich die FH Campus Wien das Ziel, einen fairen und barrierefreien Zugang zur Bildung schaffen zu wollen. Zur Erreichung dieses Zieles ging es zunächst darum, die entsprechenden Zielgruppen zu identifizieren und zu segmentieren: Studierende mit Berufstätigkeit, mit Betreuungspflichten, mit Behinderung, Studieninteressierte ohne Matura, Weiterbildungsinteressierte, umqualifizierungsinteressierte Frauen, Promotionsinteressierte, Tertiär gebildete Asylwerber*innen. Im Laufe der Zeit wurden Organisationsstrukturen angepasst und Projekte ins Leben gerufen, die auf alle diese Gruppen reflektieren – etwa das Projekt „Audit Hochschule und Familie", das sich an Studierende (und auch Mitarbeitende) mit Kindern oder pflegebedürftigen Eltern richtet. In Sachen Anpassung der Organisation wurde hier etwa die Abteilung Gender & Diversity Management derart mit Ressourcen und Kompetenzen ausgestattet, dass sie einzelne Themen übernehmen und Beziehungen zu den Interessengruppen aufnehmen bzw. intensivieren konnten.

Das zentrale Befragungsmanagement ergänzte Standardbefragungen und führte Sondererhebungen ein, um einerseits Bedarfe und Betroffenheitsgrad der Interessengruppen festzustellen und andererseits den Bekanntheitsgrad und die Wirkung von getroffenen Maßnahmen zu prüfen. Eine zuvor schon aktive Beziehungspflege mit diversen Interessengruppen (und die Autonomie, die die oberste Leitung den Akteur*innen innerhalb der Expert*innenorganisation lässt) hat sich bei der Projektumsetzung als große Stärke erwiesen. Die ÖH als Vertretung der größten Kund*innengruppe wird etwa in viel mehr Bereichen und in viel größerem Umfang einbezogen, als dies an anderen Hochschulen der Fall ist bzw. vom Gesetz vorgegeben wird. So war es auch möglich, diese Interessengruppe in allen Phasen des Projekts (Maßnahmenerstellung, Maßnahmenabwicklung, Infomaßnahmen, Entwicklung von Feedbackmöglichkeiten) aktiv zu integrieren.

×
Stay Informed

When you subscribe to the blog, we will send you an e-mail when there are new updates on the site so you wouldn't miss them.

Mitarbeiterzufriedenheit steigern mit diesen Tipps
Post-Covid macht müde: Philips vereinfacht On- und...

Related Posts

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://www.report.at/

Firmen | News

Marija Kotnig
20 February 2026
Firmen | News
Ende letzten Jahres wurden aktuelle Wirkfaktoren in der Carbon Footprint Berechnung für Österreich und Deutschland veröffentlicht. Für Unternehmen ist das Wissen über die aktuellsten Faktoren entscheidend, um diese in der Treibhausgasbilanzierung ber...
Vertiv
20 February 2026
Firmen | News
Der Energiebedarf von Rechenzentren wächst rasant. Künstliche Intelligenz (KI), High-Performance-Computing und datenintensive Anwendungen treiben die Leistungsanforderungen kontinuierlich nach oben. Gleichzeitig verschärfen sich Umweltauflagen, und U...
Firmen | News
19 February 2026
Firmen | News
Bewegung verbindet Menschen auf eine tiefgreifende und unmittelbare Weise miteinander, die Worte allein nur selten erreichen können, weil sie direkt auf einer körperlichen und emotionalen Ebene wirkt. Wenn Kolleginnen und Kollegen gemeinsam rhythmisc...
Vertiv
19 February 2026
Firmen | News
Vertiv™ Next Predict ist ein neuer KI-gestützter Managed Service, der Fachwissen aus der Praxis mit fortschrittlichen Algorithmen für maschinelles Lernen kombiniert, um Probleme zu antizipieren, bevor sie auftreten. Vertiv (NYSE: VRT), ein weltweit f...

Neue Blog Beiträge

16 February 2026
Markt und Marketing
Mensch und Gesellschaft
Warum Zukunft mehr mit Führung als mit Rahmenbedingungen zu tun hat? Wenn über Wettbewerbsfähigkeit gesprochen wird, richtet sich der Blick schnell auf die bekannten strukturellen Themen: Regulierung, Kapitalmärkte, fragmentierte Märkte oder langsame...
13 February 2026
Intelligente Netze
Markt und Marketing
Eine Markteinschätzung von Dominic Rizzo, Portfoliomanager der Global Technology Equity Strategy bei T. Rowe Price. KI sorgt für den größten Produktivitätsschub seit der Erfindung der Elektrizität, und wir stehen noch ganz am Anfang. Die Beweise...
12 February 2026
Europa
Mensch und Gesellschaft
Zwei exzellente Logiken. Ein System. Ein Widerspruch.Viele Organisationen und auch die Politik fordern Innovation. Viele Organisationen führen mit denselben Regeln wie die Produktion. Mehr Kontrolle. Mehr Druck. Mehr KPIs. Mehr Reporting. Und dann wu...