Wednesday, June 24, 2026

Mehrwert für Manager

Bau | Immobilien

Leyrer + Graf feiert heuer seinen 100. Geburtstag. In einem sehr persönlichen Interview wirft CEO Stefan Graf einen Blick zurück, spricht über die wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen und die aktuelle Krise der Bauwirtschaft. Er erzählt, worauf er stolz ist und was er heute anders machen würde. Und er verrät, was er heute gerne beruflich machen würde, wenn er nicht ins Familienunternehmen eingestiegen wäre.

Bild: »Die Bauwirtschaft trägt rund zehn bis zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Diese volkswirtschaftliche Wucht im Rücken muss genutzt werden, um unsere Forderungen durchzusetzen«, sagt Stefan Graf.

Leyrer + Graf feiert heuer sein 100-jähriges Bestehen. Dazu erstmals herzlichen Glückwunsch. Wenn Sie dieses erste Jahrhundert in wenigen Sätzen zusammenfassen müssten, auch wenn Sie natürlich nicht die ganze Zeit dabei waren, was fällt Ihnen spontan ein?

Stefan Graf: Sie sagen richtigerweise: Gott sei Dank war ich nicht das ganze Jahrhundert dabei. Aber streng genommen doch mehr als die Hälfte davon. Mein genetischer Dienstvertrag hat bereits 1970 begonnen. Ich bin hier am Standort aufgewachsen. Im Zuge der Vorbereitungen für das Jubiläum habe ich alte Fotoalben durchgesehen und viele Bilder aus meiner Kindheit wiederentdeckt. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden, wie sehr Leyrer + Graf Teil meiner Identität ist. Dieses Unternehmen hat mich seit Kindestagen geprägt.

Wenn ich auf die vergangenen 100 Jahre blicke, dann sehe ich vor allem eine Erfolgs- und Erfüllungsgeschichte. Ich unterscheide bewusst zwischen diesen beiden Begriffen. Erfolg ist das Messbare, die harten Fakten. Aber Erfüllung ist etwas anderes. Es ist das Gefühl, wenn der Beruf zur Berufung wird, wenn man in den berühmten Flow kommt. Ich glaube, dass es beides braucht. Und ich freue mich, dass wir diesen Weg über drei Generationen hinweg gehen durften – von Anton Leyrer über meinen Vater bis zu mir.

Kommen wir von der Vergangenheit zur Gegenwart. Bauunternehmer zu sein hat schon einmal mehr Spaß gemacht als derzeit, oder?

Graf: Definitiv. Ich ertappe mich selbst manchmal bei genau diesem Gedanken. »Es war schon lustiger.« Gleichzeitig sage ich aber auch immer: Ich liebe die Herausforderung. Und deshalb geht es mir gut. Wenn man Erfüllung darin findet, komplexe Probleme zu lösen, dann bieten diese Zeiten natürlich auch enormes Potenzial.

Wenn wir in den letzten Jahren über die größten Herausforderungen sprachen, dann ging es um Themen wie Produktivitätssteigerung oder Fachkräftemangel. Hat sich daran aufgrund des nun schon lange anhaltenden Krisenmodus etwas geändert?

Graf: Nein. Das sind nach wie vor die zentralen Themen. Die Krisen haben sie lediglich verstärkt. Corona, Inflation, Ukraine-Krieg, Konjunkturkrise – all diese Entwicklungen haben Probleme verschärft, die bereits vorher vorhanden waren. Und ich glaube, dass viele dieser Veränderungen dauerhaft sind. Der Sparkurs der öffentlichen Hand etwa ist keine kurzfristige Konjunkturdelle. Ich gehe davon aus, dass uns dieses Thema langfristig begleiten wird.

Eben hat die Bundesregierung – mal wieder – ein Wohnbaupaket angekündigt. Damit soll es leichter werden, Bundesmittel zur Schaffung des geförderten Wohnbaus abzurufen. Ein richtiger Ansatz aus Ihrer Sicht?

Graf: Bei Ankündigungen bin ich grundsätzlich vorsichtig geworden. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten viele Ankündigungen erlebt, die am Ende nie umgesetzt wurden. Wir leben heute in einer hochdynamischen Welt mit einer Vielzahl an Krisen und Unsicherheiten. Gleichzeitig erleben wir eine erratische Politik auf internationaler Ebene. Die USA, Russland, China und Europa beeinflussen unsere wirtschaftliche Entwicklung massiv. Dabei sehe ich Europa derzeit als den schwächsten Akteur. Europa macht aus meiner Sicht zwei grundlegende Fehler: Erstens glauben wir, alles über Regularien lösen zu können. Zweitens fehlt bei vielen politischen Entscheidungen die wirtschaftliche Betrachtung. Gerade beim Green Deal wurde die ökonomische Dimension lange Zeit unterschätzt.

Ist das auch der Grund, warum viele Unternehmen über mangelnde Planungssicherheit klagen?

Graf: Absolut. Planungssicherheit ist für Unternehmen essenziell. Wir erleben derzeit aber häufig das Gegenteil. Entscheidungen werden getroffen, wieder geändert und anschließend erneut angepasst. Für mich bedeutet Strategie immer zweierlei: zu wissen, wohin man will, und zu wissen, wie man dorthin kommt. Genau diese Klarheit fehlt derzeit vielerorts. Sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene.

Das überraschende Ende der Sanierungsförderung hat die Bauwirtschaft hart getroffen und geht genau in die Richtung der fehlenden Planungssicherheit. Machen wir ein kurzes Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, Österreich hätte ein eigenes Bauministerium und Sie wären für einen Tag Bauminister. Welche Maßnahmen würden ganz oben auf Ihrer Agenda stehen?

Graf: Zunächst einmal würde ich etwas nicht tun: Ich würde mich nicht für neue Förderprogramme einsetzen. Das mag überraschend klingen, aber ich halte das österreichische Förderwesen für eines der strukturellen Grundprobleme unseres Systems. Wir haben eine Kultur entwickelt, in der bei jedem Problem sofort nach Förderungen gerufen wird. Das schafft Abhängigkeiten und führt langfristig zu Trägheit. Ich plädiere für mehr Eigenverantwortung.

Das hört man aus der Bauwirtschaft eher selten. Ich kenne wenig Branchen, die so oft und laut nach Förderungen rufen.

Graf: Das ist mir bewusst. Aber ich halte es für falsch. Was ich stattdessen sofort umsetzen würde, ist eine konsequente Zweckbindung bestehender Mittel. Nehmen wir die Wohnbauförderung. Dort muss klar nachvollziehbar sein, wofür Mittel eingehoben und wofür sie verwendet werden.

Der zweite Punkt wäre die Standardisierung. Die Bauwirtschaft ist eine der am stärksten fragmentierten Branchen überhaupt. Wir haben unzählige Schnittstellen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Genau dort entstehen Reibungsverluste. Wir brauchen mehr Standardisierung, klarere Prozesse und eine stärkere Bündelung von Zuständigkeiten. Heute beschäftigen sich unzählige Institutionen mit Normen, Richtlinien und Vorgaben. Das führt zu zusätzlicher Komplexität.

Der dritte Punkt betrifft das gesamte Staatsgefüge. Wir müssen leistungsfeindliche Strukturen abbauen. Dazu gehören die hohe Besteuerung von Arbeit, überbordende Bürokratie, das Kompetenz-Wirrwarr zwischen Bund, Ländern und Gemeinden sowie ungelöste Fragen im Pensionssystem.

Sie sprechen häufig über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bauwirtschaft.

Graf: Weil sie enorm ist. Die Bauwirtschaft trägt rund zehn bis zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Gleichzeitig schafft sie die Grundlage dafür, dass andere Wirtschaftsbereiche überhaupt funktionieren können. Jeder investierte Euro in die Bauwirtschaft löst weitere wirtschaftliche Aktivitäten aus. Infrastruktur ist das Fundament einer funktionierenden Volkswirtschaft. Diese volkswirtschaftliche Wucht im Rücken würde ich nutzen, um die genannten Forderungen durchzusetzen.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, selbst in die Politik zu gehen?

Graf: Der Gedanke war kurz da. Aber ich habe ihn sehr schnell wieder verworfen. Entweder man macht das eine oder das andere. Meine Leidenschaft liegt eindeutig im Unternehmertum und nicht in der Politik. Aber ich bewundere jeden Politiker, der dieses System aushält. Dafür braucht man eine andere Art von Belastbarkeit.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu Ihnen persönlich. Welche Vision treibt Sie als CEO derzeit am stärksten an?

Graf: In meiner persönlichen Vision steht für das Jahr 2035 ein Satz ganz oben: »Wir sind ein durch inneres Wachstum geprägtes, prosperierendes Bauunternehmen.«

Keine Vision, irgendwann die Nummer drei oder vier der Branche zu sein?

Graf: Nein. Solche Ziele gehören für mich nicht in eine Vision. Eine Vision ist emotional. Rankings sind Messgrößen. Natürlich freuen wir uns über Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg. Aber das eigentliche Ziel ist etwas anderes.

Sie haben 2013 die Führung von Leyrer + Graf übernommen. Was war rückblickend Ihre beste Entscheidung?

Graf: Dass ich mich überhaupt darauf eingelassen habe. Es war keineswegs selbstverständlich, dass ich diesen Weg gehen würde. Ich war zuvor auf der Planungsseite tätig und habe mich dort sehr wohlgefühlt. Als mein Vater mich gefragt hat, ob ich in das Unternehmen einsteigen möchte, war das eine wichtige Weichenstellung. Heute bin ich sehr froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.

Und was würden Sie heute anders machen?

Graf: Es gibt viele Dinge, die man im Nachhinein vielleicht früher oder etwas anders entschieden hätte. Aber es gibt keine fundamentale Fehlentscheidung, die ich heute korrigieren würde. Ich mache wie jeder andere Mensch Fehler, aber insgesamt würde ich den Weg noch einmal genauso gehen.

Angenommen, Sie hätten sich gegen den Einstieg ins Familienunternehmen entschieden. Welche andere Branche oder berufliche Tätigkeit hätte Sie gereizt?

Graf: Ich habe Bauingenieurwesen studiert. Das fasziniert mich bis heute. Vermutlich wäre ich also noch immer in der Planung. Mein jüngerer Sohn studiert Bauingenieurwesen, und wenn wir gemeinsam über Baustatik, Grundbau und Bodenmechanik usw. sprechen, merke ich, wie viel Freude mir diese Themen noch immer bereiten. Ein Teil von mir ist Unternehmer. Der andere Teil wird immer Bauingenieur bleiben.


Die ganze Timeline zum Unternehmen im Bau & Immobilien Report: https://online.fliphtml5.com/jlgle/Bau_REPORT_06_26/#p=22

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