Wednesday, June 24, 2026

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Bau | Immobilien

Kaum ein Thema wird aktuell so intensiv und emotional diskutiert wie »Bauen außerhalb der Norm«. Kürzlich hat sogar das Normungsinstitut Austrian Standards ein Positionspapier zum Thema veröffentlicht. Der Bau & Immobilien Report hat mit Anton Rieder und Stefan Wagmeister Befürworter und Gegner zum verbalen Schlagabtausch gebeten.

Bild: iStock

Normen bremsen Innovationen vs. Normen aktiv mitgestalten

Anton Rieder, Bauunternehmer und stv. Bundesinnungsmeister Bau

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»Die aktuelle Diskussion zeigt vor allem eines: Beide Seiten haben recht – aber nur teilweise. Austrian Standards betont zu Recht die Bedeutung von Normen für Sicherheit, Vergleichbarkeit und Rechtssicherheit. Ohne gemeinsame Spielregeln funktioniert keine Bauwirtschaft. Gleichzeitig bestätigt selbst das Normungsinstitut, dass Normen nicht der einzige Weg sind, um den Stand der Technik zu erreichen. Genau hier setzt die Initiative ›Bauen außerhalb der Norm‹ an. Das Problem liegt weniger in den Normen selbst als in ihrer schieren Menge. Zahlreiche Studien zeigen, dass steigende Regelwerke und Detailvorgaben die Produktivität hemmen. Statt Ingenieurleistungen zu fördern, wird häufig die Einhaltung immer komplexerer Detailvorschriften optimiert. Hinzu kommt die Frage der Normungsgremien. Diese sind zwar breit aufgestellt, aber in der Praxis oft von großen Playern und stark theoretisch geprägten Expert*innen dominiert. Das führt dazu, dass Normen häufig das ›größte gemeinsame Vielfache‹ abbilden – komplexe Lösungen anstelle von effizienten, pragmatischen Ansätzen. Normen reduzieren zwar Risiken, konservieren aber auch bestehende Lösungen und bremsen Innovation. Genau darauf hat auch Ortlieb Goldbeck hingewiesen: ›Schaut nicht gleich auf die Normen, die eure Ideen im Keim ersticken. Sondern seht zu, dass ihr eine innovative Lösung für ein Problem findet. Wenn die Lösung trägt, tun wir alles, um eine Genehmigung dafür zu bekommen.‹ Die richtige Antwort kann daher nicht ›Norm oder Abweichung‹ lauten. Gefragt ist ein System, das beides zulässt: stabile Standards für Sicherheit und Vertrauen – aber auch den Mut zur kontrollierten Abweichung, um bessere Lösungen zu entwickeln.«

 

Stefan Wagmeister, Team-Lead »Standards für das Bauwesen«, Austrian Standards

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»Normen entstehen nicht im Elfenbeinturm. Sie entstehen dort, wo Herausforderungen auftreten, wo Innovationen entwickelt werden und wo bestehende Lösungen hinterfragt werden. Der Bedarf nach Normen kommt aus der Gesellschaft. Normen sollen den Stand der Technik abbilden, Orientierung geben und Probleme lösen. Austrian Standards entwickelt diese Inhalte nicht selbst, sondern stellt die Plattform bereit, auf der Expert*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Praxis gemeinsam Lösungen erarbeiten. In der aktuellen Debatte werden Normen häufig mit Gesetzen, Verordnungen und behördlichen Vorgaben in einen Topf geworfen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Instrumente mit unterschiedlichen Funktionen. Normen sind grundsätzlich freiwillig. Sie sollen Anwendern Orientierung geben und bewährte Lösungen zugänglich machen. Die Vielzahl an gesetzlichen Vorgaben, Genehmigungsverfahren und regulatorischen Anforderungen im Bauwesen kann daher nicht allein den Normen zugeschrieben werden. Was viele nicht wissen: Normung ist kein geschlossener Zirkel. Jeder Normentwurf wird öffentlich zur Stellungnahme aufgelegt. Jede Anwenderin und jeder Anwender kann Verbesserungsvorschläge einbringen oder auf Probleme aufmerksam machen.Genau deshalb sehen wir Diskussionen über Vereinfachung und neue Wege im Bauen nicht als Bedrohung, sondern als Auftrag. Mit dem ›Dialogforum Bau‹ und dem neuen ›Dialogforum gemeinsam vereinfachen‹ schaffen wir Räume, in denen Kritik, Praxiserfahrung und Innovation zusammenkommen. Denn wer Standards verbessern will, muss nicht außerhalb des Systems stehen – sondern kann es aktiv mitgestalten.«

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