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Kreislaufwirtschaft braucht Primärrohstoffe
Mehr als 140 Gäste diskutierten beim Rohstoffsymposium des Forums mineralische Rohstoffe über die Grenzen der Kreislaufwirtschaft, den Bedarf an Baurohstoffen und die Rolle der heimischen Rohstoffgewinnung. Der Tenor der Veranstaltung war klar: Recycling kann den Rohstoffbedarf deutlich reduzieren, den Bedarf für Energiewende und Wohnbau aber nicht vollständig ersetzen. Die Grundlage für Bau- und Sanierungsprojekte bleibt weiterhin eine verlässliche Versorgung mit mineralischen Primärrohstoffen.
Bild: v. l. n. r. Johann Eder, Vorstandsvorsitzender Forum Rohstoffe, Alexandra Strickner, Global 2000, Petra Gradischnig, Geschäftsführerin Forum Rohstoffe, Johannes Pressl, Österreichischer Gemeindebund, sowie Tristan Tallafuss, Österreichischer Baustoff-Recycling Verband. © Forum Rohstoffe/Marko Kovic
Hoch über Wien, am Wienerberg, wo einst Lehm und Ton für die Ziegel des historischen Wiens gewonnen wurden, diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Industrie und Umweltorganisationen über eines der zentralen Zukunftsthemen der Bauwirtschaft: welche Möglichkeiten bietet die Kreislaufwirtschaft – und wo stößt sie an ihre praktischen Grenzen? Das Rohstoffsymposium 2026 des Forums Rohstoffe stand unter dem Motto „Mineralische Rohstoffe bleiben unverzichtbar: Warum Kreislaufwirtschaft allein nicht reicht“.
Bereits zur Eröffnung machten Forum Rohstoffe-Geschäftsführerin Petra Gradischnig und Vorstandsvorsitzender Johann Eder deutlich, worum es der Branche geht: Kreislaufwirtschaft sei längst gelebte Praxis, könne den Bedarf an mineralischen Rohstoffen jedoch nicht vollständig decken. „Wir müssen regionale Nahversorger bleiben“, betonte Eder im Rahmen seiner Begrüßung. Gerade geopolitische Krisen würden zeigen, wie wichtig heimische Rohstoffversorgung und kurze Transportwege seien.
Recycling stößt an mengenmäßige Grenzen
Tatsächlich präsentierte das Symposium beeindruckende Zahlen: Österreich recycelt bereits heute mehr als 80 Prozent seiner mineralischen Bauabfälle. Gleichzeitig beträgt der jährliche Bedarf an mineralischen Rohstoffen rund 100 Millionen Tonnen, während aus Recyclingprozessen derzeit lediglich rund zehn Millionen Tonnen bereitgestellt werden können. Kreislaufwirtschaft funktioniert also, reicht allein aber nicht aus.
Politischer Rückenwind kam per Videobotschaft aus zwei Ministerien. Finanzminister Markus Marterbauer sprach von einer „ausgewogenen und zukunftsorientierten Rohstoffpolitik“, die Versorgungssicherheit und ökologische Verantwortung gleichermaßen gewährleisten müsse. Österreich brauche heimische Rohstoffe für Wohnbau, Infrastruktur und Energiewende. Gleichzeitig verwies er auf die Bedeutung regionaler Gewinnung, um Transportwege und Emissionen gering zu halten.
Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer unterstrich die strategische Dimension des Themas. Rohstoffpolitik sei längst Standort- und Sicherheitspolitik geworden. Ohne mineralische Rohstoffe gebe es weder Energiewende noch Digitalisierung oder moderne Industrie. Recycling sei „Teil der Lösung“, sagte Hattmannsdorfer, werde aber den steigenden Bedarf nicht vollständig decken können. Gleichzeitig plädierte er für schnellere Genehmigungsverfahren und eine stärkere Nutzung heimischer Potenziale.
Kreislaufwirtschaft braucht bessere Rahmenbedingungen
Im Zentrum des Nachmittags standen Fachvorträge und Praxisbeispiele. Den Auftakt machte Christian Holzer, Sektionschef im Umweltministerium, mit seinem Vortrag „Kreislaufwirtschaft bei Bau und Infrastruktur – Potentiale und Herausforderungen“. Besonders kritisch sieht Holzer das nach wie vor verbreitete „Downcycling“ mineralischer Baustoffe. Ziel müsse es sein, Materialien möglichst hochwertig wieder einzusetzen, etwa Recyclinggesteinskörnungen im Betonbau. Gleichzeitig sprach er offen über regulatorische Hürden, fehlende Standards und die schwierige Abgrenzung zwischen Abfall und Produkt. Die geplante Aushubverordnung soll hier künftig Verbesserungen bringen und hochwertige Verwertung erleichtern.
Einen wissenschaftlichen Blick auf Materialflüsse und Recyclingpotenziale präsentierte Jakob Lederer von der TU Wien. Im Mittelpunkt seines Vortrags standen die Materialflüsse mineralischer Ressourcen in Österreich sowie die Frage, wie Kreislaufwirtschaft den Bedarf an Primärrohstoffen reduzieren kann. Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der besseren Datenerfassung von Baustoff- und Materialflüssen. Gemeinsam mit Forschungspartnern untersucht die TU Wien im Projekt „KrAIsbau“, wie Materialströme im Hochbau künftig präziser bis auf Landes- und Bezirksebene erfasst werden können. Ziel sei es, regionale Stoffkreisläufe besser planbar zu machen und Recyclingbaustoffe effizienter einzusetzen.
Bodenaushub als unterschätzte Ressource
Für Aufmerksamkeit sorgte auch das Thema Bodenaushub. Mit rund 40 Millionen Tonnen Abfall jährlich ist Bodenaushub der größte Stoffstrom Österreichs. Viel Material wird derzeit noch deponiert, obwohl insbesondere kiesige Anteile nach Aufbereitung als Zuschlagstoffe für Beton oder Asphalt genutzt werden könnten. Praxisbeispiele von Wopfinger Transportbeton und Rhomberg Bau zeigten, wie nassmechanische Aufbereitung und innovative Technologien bereits heute neue Rohstoffquellen erschließen.
Mit Spannung erwartet wurden die ersten Ergebnisse einer Studie des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zum künftigen Bedarf an Kies, Sand und Naturstein in Österreich. Die Kernaussage fiel eindeutig aus: Der Bedarf an mineralischen Rohstoffen bleibt langfristig hoch, unabhängig von wirtschaftlichen Szenarien. Sekundärrohstoffe können einen wichtigen Beitrag leisten, werden den Gesamtbedarf jedoch nicht decken können.
Recycling und Primärrohstoffe gemeinsam denken
Zum Abschluss diskutierten Vertreter von Gemeindebund, Global 2000, Baustoff-Recycling Verband und Forum Rohstoffe am Podium über „Kreislaufwirtschaft und Primärrohstoffe: Vision und Wirklichkeit“. Dabei wurde deutlich, dass die Debatte zunehmend differenzierter geführt wird. Während Umweltorganisationen stärkere Ressourcenschonung und geringeren Bodenverbrauch forderten, verwiesen Vertreter der Bau- und Rohstoffbranche auf den steigenden Bedarf für Wohnbau, Sanierung, Infrastruktur und Energiewende. Der Tenor blieb dennoch klar: Kreislaufwirtschaft kann nur funktionieren, wenn ausreichend regionale Rohstoffe verfügbar bleiben. Dieses zentrale Motiv zog sich durch den gesamten Nachmittag. Kreislaufwirtschaft und Primärrohstoffe seien keine Gegensätze, sondern aufeinander angewiesen. Genau darin lag die eigentliche Botschaft des Rohstoffsymposiums 2026: Die Transformation des Bauwesens wird nur gelingen, wenn Recycling weiter ausgebaut und gleichzeitig die regionale Versorgung mit mineralischen Rohstoffen langfristig abgesichert wird
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