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Aus Bestand wird Zukunft
Österreich beansprucht täglich neue Flächen, während bestehende Gebäude und bereits erschlossene Standorte ungenutzt bleiben. Beim zehnjährigen Jubiläum der Fachzeitschrift »MASSIV! INSIDE« diskutierte eine Expert*innenrunde, wie Umbau, Nachverdichtung und langlebige Bauweisen zusammenspielen können.
Ein leer stehender Supermarkt, direkt daneben der neu errichtete Nachfolger: Für Caroline Rodlauer von Rosa Architektur steht dieses Bild beispielhaft für eine Siedlungsentwicklung, bei der vorhandene Gebäude ungenutzt bleiben, während daneben neu gebaut wird. Sie bezeichnete das Beispiel als »Wegwerfarchitektur«. Nach den von Rodlauer präsentierten Zahlen werden in Österreich täglich 11,5 Hektar Fläche beansprucht. Den Leerstand bezifferte sie auf geschätzte 40.000 Hektar. Aus ihrer Sicht liegt darin ein grundlegender Widerspruch: Neue Flächen würden erschlossen, obwohl Gebäude, Dachräume und vorhandene Infrastruktur vielerorts ungenutzt blieben.
Den Anlass der Diskussion bildete das zehnjährige Bestehen der Fachzeitschrift »MASSIV! INSIDE«. Andreas Pfeiler, Geschäftsführer des Fachverbands der Stein- und keramischen Industrie, verwies auf die Rolle langlebiger Baustoffe: »Mineralische Baustoffe sind langlebig, widerstandsfähig und ressourcenschonend.« Künftig soll das Magazin unter dem Titel »MINERALISCH MASSIV! INSIDE« erscheinen. Inhaltlich reichte die Debatte über die Baustofffrage hinaus: Im Mittelpunkt stand, wie sich Materialqualität, lange Nutzungsdauer und die Anpassungsfähigkeit von Gebäuden miteinander verbinden lassen.
Der Bestand als Entwicklungsreserve
»Die Zukunft des Bauens entscheidet sich nicht daran, wie gut wir neu bauen, sondern wie intelligent wir mit dem umgehen, was bereits da ist«, sagte Rodlauer. Bestehende Gebäude enthalten nicht nur Baustoffe und bereits eingesetzte Energie, sondern auch Infrastruktur, Geschichte und Identität. Leerstände, Brachflächen und ungenutzte Dachräume müssten deshalb als Entwicklungsreserven erkannt werden. Die Villa Beer in Wien-Hietzing zeigt, dass Erhalt nicht Stillstand bedeuten muss. Das Gebäude aus dem Jahr 1930 wurde umfassend restauriert, um Erdwärme und Photovoltaik ergänzt und wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Bestand wurde damit weder museal eingefroren noch durch eine grundlegende Neuinterpretation überformt. Stattdessen wurden seine architektonischen Qualitäten bewahrt und behutsam an heutige Anforderungen angepasst.

Bild: »Umbauen statt neu bauen gehört zu den nachhaltigsten Formen des Bauens«, erklärt Architektin und Ortsbildsachverständige Caroline Rodlauer.
In der Praxis können Umnutzungen jedoch an Vorgaben scheitern, die ursprünglich für Neubauten geschaffen wurden. Raumhöhen, Belichtungsflächen, Barrierefreiheit, historische Geländer oder Stellplatzvorgaben können Projekte verteuern oder verhindern. »Bauen im Bestand darf keine Nachteile gegenüber Neubau haben«, forderte Rodlauer. Sie sprach sich daher für größere Spielräume im Umgang mit Bestandsgebäuden aus, statt Neubauvorgaben unverändert auf Umbauprojekte zu übertragen. Wirtschaftlich ist der Bestand nicht automatisch die einfachere Lösung: Erschließung und Tragstruktur sind häufig bereits vorhanden, Umbau und Sanierung verlangen jedoch mehr Planung, Detailwissen und handwerkliche Erfahrung. Für regionale Betriebe, Planer*innen und Gemeinden kann gerade daraus zusätzliche Wertschöpfung entstehen.
Raum schaffen, ohne neu zu versiegeln
Armin Mohsen Daneshgar von Daneshgar Architects zeigte mit dem Wiener Projekt »Favorite Spring / Cube 22«, wie Nachverdichtung konkret funktionieren kann. Das Bestandsgebäude wurde um drei Geschosse aufgestockt und durch einen Neubau im Innenhof ergänzt. Dadurch stieg die Nutzfläche laut Projektpräsentation von 1.375 auf 2.385 Quadratmeter. Gleichzeitig sank der Heizwärmebedarf infolge der Sanierung von 151,8 auf 29,6 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. 2024 wurde das Projekt mit dem ETHOUSE Award für energieeffiziente Sanierungen ausgezeichnet.

Bild: »Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Gegensatz zwischen Bestand und Neubau, sondern in der intelligenten Weiterentwicklung dessen, was bereits vorhanden ist«, ist Architekt Armin Mohsen Daneshgar überzeugt.
Das Beispiel zeigt, welche Fragen am Beginn einer Projektentwicklung stehen sollten: Welche Flächen, Tragstrukturen und Erschließungen sind bereits vorhanden, und wie lassen sie sich wirtschaftlich weiterverwenden? Für Eigentümer, Projektentwickler und Kommunen gewinnen damit Bestandsanalysen und Lebenszykluskosten an Bedeutung.
Nicht jedes Gebäude kann alles
Reinhold Sahl, Burghauptmann der Burghauptmannschaft Österreich, setzte einen anderen Akzent. Nicht jedes Gebäude könne jede beliebige Nutzung aufnehmen. Entscheidend sei, seine räumlichen, statischen und bauphysikalischen Qualitäten zu erkennen und eine Nutzung zu finden, die dazu passe. Historische Gebäude liefern zugleich Hinweise für den Neubau. Gebäudemasse, natürliche Luftführung und traditionelle Konstruktionsprinzipien können beim sommerlichen Wärmeschutz Vorteile bieten. Technische Anlagen werden dadurch nicht überflüssig, müssen jedoch weniger leisten, wenn Konstruktion und Gebäudemasse bereits einen Teil der Temperaturregulierung übernehmen.

Bild: »Im historischen Bestand zeigt sich, wie leistungsfähig mineralische Baustoffe sind«, sagt Burghauptmann Reinhold Sahl.
Lernen für den Neubau
Was sich aus historischen Gebäuden ableiten lässt, kann auch im Neubau angewendet werden. Das zeigt der soziale Wohnbau in Platja d’en Bossa auf Ibiza. Massive Bauteile, Querlüftung, thermische Speichermasse und vier begrünte Innenhöfe übernehmen dort einen Teil der Kühlung. Als Dämmstoff kommt unter anderem Seegras zum Einsatz. Das Projekt ist darauf ausgelegt, den Bedarf an energieintensiver Klimatisierung zu reduzieren. »Unsere mineralischen Baustoffe tragen wesentlich dazu bei, solche innovativen Konzepte umzusetzen«, fasste Pfeiler zusammen, »und dazu kommen noch die Grundqualitäten unserer Branche: Wertschöpfung in den Regionen, Stärkung ländlicher Strukturen und kurze Transportwege sind Vorteile, die sonst niemand in dieser Form bieten kann.«

Bild: »Mineralische Baustoffe und massive Architektur waren der Inbegriff der Moderne, sie waren immer zeitgemäß und sind es auch heute«, so Andreas Pfeiler, Geschäftsführer des Fachverbands Steine-Keramik, zum Auftakt der Jubiläumsfeier.
Die Eigenschaften mineralischer Baustoffe dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen in ein klimaangepasstes Gesamtkonzept eingebunden werden. Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Speichermasse entfalten ihren Nutzen dort, wo Planung, Materialwahl und Nutzung zusammengedacht werden. Bestand und Neubau sind damit keine Gegensätze. Entscheidend ist, ob Gebäude lange nutzbar bleiben, sich verändern lassen und möglichst wenig zusätzlichen Boden beanspruchen. Visionäres Bauen beginnt damit oft nicht auf der grünen Wiese, sondern beim Weiterdenken des Bestehenden.
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