Friday, June 19, 2026

Mehrwert für Manager

Bau | Immobilien

In Østbirk hat Velux eine Lagerhalle aus den 1990er-Jahren in ein Innovationszentrum für rund 500 Mitarbeitende umgebaut. 55 Prozent der Materialien blieben erhalten oder wurden umgenutzt; damit steht das Projekt für eine Verschiebung, die die Baupraxis zunehmend prägt: Bestand wird weitergenutzt und im Detail bilanziert — über CO2 hinaus, bis zu Materialherkunft, Lieferketten und Biodiversitätsfolgen.

Alina Flatscher aus Østbirk


Die Velux Gruppe hat im dänischen Østbirk eine frühere Lagerhalle zum LKR Innovation House umgebaut. Heute arbeiten dort rund 500 Mitarbeitende an Dachfenstern, Zubehör und weiteren Produktentwicklungen. Das Gebäude ist nach Lars Kann-Rasmussen benannt, dem Sohn des Velux-Gründers; eröffnet wurde es am
12. Mai 2025.

Die Halle war schon bei ihrer Eröffnung 1995 ein Versuchsbau. Lars Kann-Rasmussen ließ sie überwiegend aus Holz errichten; wo möglich, wurden Beton und Stahl durch unbehandeltes Holz ersetzt. Das Holz stammte nach Angaben des Unternehmens aus dänischen und schwedischen Wäldern und sollte im Betrieb zeigen, wie dauerhaft es als Bau- und Fassadenmaterial ist.

Drei Jahrzehnte später wurde der Versuch weitergeführt. Die frühere Lager- und Logistikhalle wurde von ursprünglich 9.500 Quadratmetern zu einem Innovationshaus mit 14.000 Quadratmetern umgebaut. Bauherr war Velux; den Entwurf verantwortete das dänische Architekturbüro Praksis Arkitekter. Bei der Vorstellung des Projekts wurde das LKR Innovation House als »case zero« für den Velux-Fokus auf bestehende Gebäude bezeichnet: Nach Projekten zum Neubau rücke nun die Renovierung in den Mittelpunkt; bestehende Gebäude seien »die große Aufgabe«, die es zu lösen gelte.

Der alte Kern
Nach Angaben von Velux wurden 4.576 Tonnen Material gegenüber einem Neubau gleicher Größe und Funktion eingespart. Der berechnete CO₂-Fußabdruck liegt bei 4,6 kg CO₂e/m²/Jahr; berechnet wurde er von Søren Jensen, geprüft von Artelia. Laut Velux liegt der Wert unter aktuellen und angekündigten dänischen Grenzwerten für Bürogebäude. Erhalten oder weiterverwendet wurden unter anderem die Betonbodenplatte, Teile der Dachkonstruktion, tragende Holzpfetten, Holzfassaden, Dachüberstände und innere Betonwände. Tina Mayn, Executive Vice President Products & Innovation der Velux Gruppe, sagte, man habe mit den Projektpartnern daran gearbeitet, »so viel Tageslicht und Frischluft wie möglich ins Gebäude zu bringen«.

Die neue Hülle
Die ursprünglichen Fassadenteile wurden demontiert, nummeriert, gelagert, dahinter gedämmt und wieder montiert. In den Baukörper wurden Höfe und Dachöffnungen geschnitten. Mehr als 400 Velux Fenster bringen Tageslicht und Frisch­luft in die Innenräume. Aus Lagerflächen wurden Labore, Werkstätten, Büros, Auditorium, Forum und Kantine. Im Neubau werden Materialien bestellt, geliefert und eingebaut. In Østbirk mussten sie zunächst gefunden, geprüft, gesichert und wieder in den Planungsprozess zurückgeführt werden.

Die Bilanz des Erhaltenen
Beziffert wurde, was im Gebäude blieb: Betonbodenplatte, Dachkonstruktion, Holzpfetten, Holzfassaden, Dachüberstände und innere Betonwände. Zusammen ergibt das nach Unternehmensangaben 4.576 Tonnen Material, die gegenüber einem Neubau gleicher Größe und Funktion nicht neu beschafft werden mussten. Wie solche Werte künftig in Finanzierungs- und Risikomodellen abgebildet werden, bleibt offen. Noch können Banken Biodiversität kaum in einfache Prüflogiken übersetzen.

Was nicht auf dem Grundstück liegt
Nach der Gebäudeführung verlagerte sich der Blick von der Halle auf ihre Materialien. In Vorträgen und Panels ging es um Biodiversität, Rohstoffgewinnung und Folgen entlang der Lieferkette. Harpa Birgisdóttir, Professorin bei BUILD an der Aalborg University, arbeitet seit 15 bis 17 Jahren mit Lebenszyklus- und Systembewertungen im gebauten Umfeld. Als Umweltingenieurin wisse sie, sagte sie, »dass das Treibhauspotenzial nicht das einzige Umweltproblem ist, das wir haben«. Deshalb müsse auch Biodiversität stärker betrachtet werden. Anna Esbjørn von Concito, einer dänischen Klima-Denkfabrik, beschrieb, wie sich die Debatte verschoben hat. Als sie vor acht Jahren begonnen habe, sei Klima in Dänemark stark besetzt gewesen, Biodiversität dagegen weniger. Heute komme Biodiversität stärker hinzu — Klima und Biodiversität seien, sagte Esbjørn, »wie Geschwister oder Cousins«.

Mette Skjold, CEO und Senior Partnerin des Nature-based-Design-Studios SLA, setzte früher an: bei der ersten Analyse eines Grundstücks. Wer mit Landschaft beginne, müsse Klima, Boden, heimische Arten und angrenzende Ökosysteme verstehen; auch die Verbindung grüner und blauer Infrastruktur gehöre dazu. »Das ist sehr banal«, sagte Skjold, »aber immer noch ein Paradigmenwechsel darin, wie man es macht.«

Die unsichtbare Herkunft
Florian Fischer, Gründer und Chairman von Styx Urban Investments, beschrieb den Druck auf den Bestand aus Sicht von Immobilien und Kapital. Sein Unternehmen habe in Start-ups investiert, die Antworten darauf geben sollten, »wie ein Gebäude in den nächsten 20 Jahren aussehen muss, um weiterhin ein Vermögenswert zu sein und nicht zur Belastung zu werden«. In der Biodiversitätsdiskussion zog Fischer die Bilanzgrenze über das Grundstück hinaus: »90 Prozent der Biodiversität liegen außerhalb des Grundstücks.« Gemeint waren nicht die Innenhöfe in Østbirk, sondern jene Orte, an denen Holz, Mineralien und andere Baustoffe gewonnen, verarbeitet und transportiert werden.

An diese Diskussion schloss der Re­store-Pilot an, bei dem Velux nach eigenen Angaben über den CO₂-Fußabdruck hinaus auch den Biodiversitätsverlust durch Materialgewinnung betrachtete. Für die weitere Untersuchung wurden Artelia und WWF Denmark einbezogen. Im Mittelpunkt stand nicht die fertige Methode, sondern der Weg von der berechneten Wirkung zu möglichen Maßnahmen.

Our Power, Our Planet
Der Veranstaltungstag stand unter dem Motto »Our Power, Our Planet«. Zwischen Gebäudeführung, Biodiversitätspanel und dem Gang durch Nature Østbjerg blieb die Halle der Bezugspunkt: ein Bau aus den 1990er-Jahren, der nicht ersetzt wurde. Aus dem Fall lässt sich keine Standardlösung ableiten. Zu unterschiedlich sind Bestand, Nutzung, Budget und Standort. In Østbirk aber bleibt eine Abfolge sichtbar: erfassen, sichern, ertüchtigen, öffnen, neu nutzen. Die Halle blieb stehen — und mit ihr die Frage, wie viel Zukunft bereits im Bestand liegt.

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Aus einer Lagerhalle wurde das LKR Innovation House: Teile der bestehenden Holzfassade und der Dachkonstruktion sowie die Betonbodenplatte blieben erhalten.

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