Montag, Oktober 12, 2026

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 Die USA nutzen die Straße von Hormus, um China unter Druck zu setzen, das behauptet der Geopolitik-Experte Ryan Perkins. Aber wenn Peking das Spiel erkennt, beginnt kein Rückzug – sondern eine Partie Go um Energie, Dollar und Einflussräume.

Go-Brett als geopolitische Illustration zu Hormus, USA und China
Illustration: REPORT / OpenClaw

Es gibt in Washington eine alte Versuchung: Wenn man einen Gegner nicht direkt schlagen kann, dann verändert man das Gelände, auf dem er sich bewegen muss. Man nimmt ihm nicht die Figur vom Brett. Man verändert das Brett.

Ryan Perkins beschreibt in seinem Text über die Straße von Hormus genau diesen Gedanken. Nicht die vollständige Sperre der Meerenge sei strategisch interessant. Auch nicht ihre vollständige Öffnung. Interessant sei der Zwischenzustand: instabil, teuer, riskant, aber gerade noch funktionsfähig. Eine geopolitische Grauzone, in der die Weltwirtschaft nicht kollabiert, China aber dauerhaft unter Druck gerät.

Das ist eine unangenehme These. Nicht, weil sie bewiesen wäre. Perkins liefert keinen Smoking Gun, kein Protokoll aus dem Situation Room, keine Aktennotiz aus dem Pentagon. Aber sie ist deshalb nicht belanglos. Denn sie passt zu einer Entwicklung, die längst sichtbar ist: Die USA haben ihre China-Strategie von der Illusion militärischer Dominanz auf wirtschaftliche Verweigerung, technologische Eindämmung und strategische Störung umgestellt. Chips, Zölle, Exportkontrollen, Dollarfinanzierung, Energie – alles Teile desselben Puzzles.

Die Straße von Hormus wäre in dieser Lesart kein Problem, das Washington lösen will. Sie wäre ein Hebel, den Washington nicht aus der Hand geben möchte.

Die eigentliche Schwäche Chinas

Perkins’ stärkster Punkt ist nicht die Iran-Analyse. Sein stärkster Punkt ist die Beschreibung der chinesischen Verwundbarkeit.

China ist nicht einfach „die Fabrik der Welt“. China ist eine hochgradig integrierte, energieintensive, kapitalintensive und margenarme Exportmaschine. Genau das machte den Aufstieg so beeindruckend – und genau das macht das System verwundbar.

Viele chinesische Hersteller leben nicht von Apple-artigen Markenmargen, sondern von Volumen, Geschwindigkeit, Skaleneffekten und niedrigen Stückkosten. Wenn Energie, Petrochemie, Düngemittel, Vorprodukte oder Transportkosten dauerhaft teurer werden, können sie diese Kosten nicht beliebig weitergeben. Dann schrumpfen Margen, Investitionen werden verschoben, Kredite müssen verlängert werden, und irgendwann wird der Staat wieder zum großen Stoßdämpfer.

Während Covid hat Peking das schon einmal getan: billige Kredite, Steuererleichterungen, Subventionen, lokale Hilfsprogramme. Das System hielt. Aber es hielt nicht, weil es unverwundbar war. Es hielt, weil der Staat die Rechnung übernahm.

Perkins’ These lautet: Eine dauerhaft instabile Golfregion zwingt China in eine Wiederholung dieses Spiels – nur diesmal nicht für einige Quartale, sondern strukturell. Energie wird teurer. Lieferketten werden unsicherer. Der Yuan gerät unter Druck. Die Industrie braucht Unterstützung. Gleichzeitig braucht der Staat Geld für Militär, Technologie, Demografie, Immobilienkrise und soziale Stabilität.

Kurz gesagt: Amerika muss China nicht besiegen. Es reicht, China teuer zu machen.

Aber Peking hat eine Gegenstrategie

Der entscheidende Punkt, den man Perkins hinzufügen muss: China wird dieses Spiel nicht passiv mitspielen.

Wer Go als nationales Strategiespiel betreibt, denkt nicht in einem einzigen entscheidenden Schlag. Er denkt in Räumen, Umzingelungen, Optionen, Opfersteinen und langen Linien. Washington mag glauben, die Straße von Hormus sei ein Hebel gegen China. Peking wird sie als Feld unter vielen behandeln – und versuchen, die amerikanische Hebelwirkung zu verdünnen.

Was also, wenn China die Strategie durchschaut?

Dann wird es nicht laut protestieren und auf bessere Zeiten hoffen. Dann wird es die Abhängigkeit vom Golf nicht über Nacht beseitigen – das kann es nicht –, aber es wird sie systematisch relativieren. Nicht mit einem großen Befreiungsschlag, sondern mit zehn gleichzeitigen Zügen.

Zug eins: Energiequellen diversifizieren

China wird noch aggressiver Energie aus Russland, Zentralasien, Afrika und Lateinamerika sichern. Nicht, weil diese Quellen den Golf vollständig ersetzen können. Das können sie kurzfristig nicht. Sondern weil jede zusätzliche Pipeline, jeder langfristige LNG-Vertrag, jeder Öl-Deal außerhalb des US-nahen Sicherheitsraums den amerikanischen Hebel kleiner macht.

Russland ist dabei nicht nur Lieferant, sondern geopolitischer Puffer. Zentralasien wird wichtiger. Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan – keine großen Schlagzeilenländer, aber in Pekings Landkarten sicher nicht am Rand. Auch Afrika bleibt zentral: Angola, Nigeria, Sudan, Mosambik. Lateinamerika ebenso: Venezuela, Brasilien, Guyana.

Die Logik ist simpel: Was nicht durch Hormus muss, kann dort auch nicht erpresst werden.

Zug zwei: Pipelines statt Seewege

China wird alles beschleunigen, was Energie vom Meer auf das Land verlagert. Die Macht der USA beruht seit Jahrzehnten auf ihrer Fähigkeit, Seewege zu kontrollieren. Flugzeugträger sind schwimmende Geopolitik.

Pipelines sind nicht immun gegen Sabotage, Sanktionen oder politische Risiken. Aber sie verschieben das Risiko. Sie machen China weniger abhängig von jenen Engstellen, in denen die US Navy traditionell am stärksten ist: Hormus, Malakka, Bab al-Mandab, Südchinesisches Meer.

Deshalb sind Projekte über Russland, Zentralasien, Pakistan und Myanmar für Peking nicht nur Infrastruktur. Sie sind strategische Versicherungen. Oft teuer, ineffizient, politisch kompliziert – aber in einer Welt der erzwungenen Unsicherheit zählt nicht nur Effizienz. Es zählt Überlebensfähigkeit.

Der Westen lacht gern über „ineffiziente“ chinesische Infrastruktur. Das ist manchmal berechtigt. Aber manchmal verwechselt er Redundanz mit Verschwendung.

Zug drei: Strategische Reserven ausbauen

Wenn Energie zum geopolitischen Druckmittel wird, dann werden Lagerbestände zur Waffe der Verteidigung.

China wird seine strategischen Öl- und Gasreserven weiter ausbauen. Nicht nur staatlich, sondern auch über halbstaatliche Unternehmen, Provinzen, Häfen und Industriekonglomerate. Je größer der Puffer, desto weniger wirksam ist kurzfristige Erpressung.

Das ist teuer. Aber auch hier gilt: In Washington denkt man oft in Preisen. In Peking denkt man in Verwundbarkeiten.

Ein Barrel im Tank ist kein Investment mit schöner Rendite. Es ist eine Versicherung gegen amerikanische Außenpolitik.

Zug vier: Industriepolitik gegen Energieintensität

Der wahrscheinlich wichtigste Gegenzug ist weniger spektakulär: China wird seine Industrie energieeffizienter machen müssen.

Wenn Perkins recht hat, liegt die Achillesferse nicht nur bei den Energieimporten, sondern in der Struktur der chinesischen Produktion selbst: kapitalintensiv, energieintensiv, tief integriert, margenarm. Dann muss Peking genau dort ansetzen.

Das bedeutet: mehr Automatisierung dort, wo sie Energie spart; mehr Prozessinnovation in Chemie, Stahl, Aluminium und Halbleitern; stärkere Verlagerung besonders energieintensiver Produktionsstufen in Regionen mit billigerer Energie; mehr Kreislaufwirtschaft bei Metallen und Vorprodukten; mehr staatlicher Druck auf ineffiziente Produzenten.

Das klingt technokratisch. Ist aber Geopolitik in Fabrikform.

Zug fünf: Exportmodell umbauen

China weiß, dass das alte Modell an Grenzen stößt: billige Produktion für westliche Konsumenten, finanziert über globale Lieferketten, abgesichert durch Dollarliquidität und maritime Handelswege.

Wenn dieses Modell angreifbar wird, muss Peking den Binnenmarkt stärken und den Export in den Globalen Süden ausbauen. Genau das passiert bereits. Elektroautos, Solartechnik, Batterien, Maschinenbau, Telekommunikation, Infrastruktur, Zahlungsplattformen – China will nicht mehr nur Werkbank sein, sondern Systemanbieter.

Der Westen spricht dann von „Überkapazitäten“. Aus Pekinger Sicht sind es strategische Brückenköpfe.

Denn jedes Land, das chinesische Technologie, chinesische Finanzierung, chinesische Ersatzteile und chinesische Standards nutzt, wird ein kleines Stück weniger empfänglich für amerikanische Druckpolitik. Auch das ist Go: nicht die Mitte besetzen, sondern Einflussräume schaffen.

Zug sechs: Yuan, Gold und Zahlungswege

Wenn die USA Energie, Dollar und Sanktionen miteinander verschränken, wird China versuchen, diese Kette zu schwächen.

Das heißt nicht, dass der Yuan morgen den Dollar ersetzt. Diese Fantasie wird in manchen BRICS-Debatten gern überdreht. Der Dollar ist nicht nur eine Währung, sondern ein System aus Märkten, Recht, Liquidität, Militärmacht und Gewohnheit.

Aber China muss den Dollar nicht sofort stürzen. Es reicht, seine eigene Verwundbarkeit zu reduzieren.

Mehr Handel in Yuan. Mehr bilaterale Swap-Linien. Mehr Goldreserven. Mehr Zahlungsinfrastruktur außerhalb westlicher Kontrolle. Mehr Rohstoffdeals, bei denen zumindest ein Teil nicht in Dollar abgewickelt wird. Mehr digitale Zahlungswege, die im Krisenfall nicht über New York laufen.

Nicht Revolution. Erosion.

Zug sieben: Der Golf wird nicht aufgegeben – er wird umworben

Ein Fehler wäre zu glauben, China werde sich einfach vom Persischen Golf abwenden. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher.

Peking wird Saudi-Arabien, die Emirate, Katar, Oman, Kuwait und auch Iran noch intensiver bearbeiten. Investitionen, Raffinerien, Petrochemie, Häfen, KI, Drohnen, Überwachungstechnik, Infrastruktur, Waffentechnologie – alles wird angeboten werden.

Die Botschaft: Amerika bietet Sicherheit, aber auch Instabilität. China bietet Nachfrage, Investitionen und langfristige Verträge.

Das ist für die Golfmonarchien attraktiv. Sie wollen nicht zwischen Washington und Peking wählen. Sie wollen beide ausspielen. Und genau darin liegt Chinas Chance.

Wenn Washington die Region als Druckpunkt gegen China nutzt, wird China versuchen, die Eigentümer dieses Druckpunkts enger an sich zu binden.

Zug acht: Militärische Absicherung ohne offene Konfrontation

China wird vermutlich keine US Navy im Golf imitieren. Dafür fehlt die Basenstruktur, die Kampferfahrung, die politische Akzeptanz. Aber es wird seine Fähigkeiten ausbauen: mehr Präsenz im Indischen Ozean, mehr Zugang zu Häfen, mehr Aufklärung, mehr U-Boote, mehr Anti-Access-Systeme, mehr Kooperation mit Pakistan, Iran und vielleicht einzelnen Golfstaaten.

Nicht, um morgen Hormus militärisch zu kontrollieren. Sondern um die Kosten amerikanischer Kontrolle zu erhöhen.

Auch hier wieder Go: Man muss ein Feld nicht besitzen, um den Gegner daran zu hindern, es frei zu nutzen.

Die Pointe: Die amerikanische Strategie kann funktionieren – und trotzdem scheitern

Perkins hat recht mit einem zentralen Befund: Eine dauerhaft instabile Straße von Hormus trifft China härter als die USA. Die amerikanische Wirtschaft ist energieautarker, flexibler und weniger abhängig von den industriellen Ketten, die China am Laufen halten muss.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Washington gewinnt.

Denn eine Strategie, die auf permanenter Instabilität beruht, erzeugt Gegenstrategien. Sie zwingt China, schneller zu tun, was es ohnehin tun wollte: raus aus der Dollarverwundbarkeit, raus aus maritimer Abhängigkeit, rein in redundante Energieversorgung, eigene Zahlungsräume, tiefere Bindungen an den Globalen Süden.

Washington kann China kurzfristig Schmerzen zufügen. Aber es kann damit auch genau jene Entkopplung beschleunigen, die es langfristig fürchtet.

Das ist der klassische Fehler imperialer Strategie: Man hält den Gegner unter Druck – und wundert sich, dass er Muskeln entwickelt.

Europas Rolle: Zuschauer mit Rechnung

Und Europa? Europa steht wieder einmal daneben, hält sich für moralisch überlegen und bekommt am Ende die Rechnung.

Eine instabile Golfregion trifft Europa stärker als die USA. Höhere Energiepreise, fragile Lieferketten, schwächere Industrie, teurere Vorprodukte. Gleichzeitig folgt Europa meist der amerikanischen China-Strategie, obwohl seine eigene industrielle Basis viel verwundbarer ist.

Das ist der Teil, der in Washington selten stört. In Brüssel aber stören sollte.

Denn wenn die USA China über Energiepreise, Dollarpolitik und Lieferketten unter Druck setzen, dann ist Europa nicht der Dirigent. Europa ist Resonanzkörper.

Perkins stellt die richtige unbequeme Frage: Was, wenn die Straße von Hormus gar nicht wieder „normal“ werden soll?

Die noch unbequemere Anschlussfrage lautet: Was, wenn China das längst verstanden hat?

Dann geht es nicht mehr um Öl allein. Dann geht es um die Neuordnung der Weltwirtschaft entlang von Verwundbarkeiten. Wer kontrolliert Engpässe? Wer kann Schocks absorbieren? Wer hat Reserven? Wer hat Alternativen? Wer kann länger Schmerzen ertragen?

Washington spielt auf Zeitdruck. Peking spielt auf Raumgewinn.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied: Die USA wollen China in eine Falle treiben. China wird versuchen, die Falle in ein weiteres Spielfeld zu verwandeln.

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