Monday, June 01, 2026

Mehrwert für Manager

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Produktivität ist schön. Aber Produktivität kauft keine Produkte. Kunden tun das.

Von Alfons Flatscher

Man stelle sich eine Vorstandssitzung vor. Glaswand, Cappuccino, PowerPoint. Auf Folie 23 steht nicht „Kündigung“, sondern „Produktivitätssprung“. Auf Folie 24: „KI-gestützte Effizienz“. Und auf Folie 25, irgendwo klein rechts unten, die Zahl der Stellen, die man künftig nicht mehr braucht. Niemand sagt: Wir entlassen Menschen. Man sagt: Wir transformieren. So klingt Fortschritt.

Die Falle

Eine neue ökonomische Studie mit dem schönen, fast schon zu höflichen Titel „The AI Layoff Trap“ stellt genau an dieser Stelle die unangenehme Frage: Was passiert, wenn Unternehmen mit KI nicht nur Kosten senken, sondern gleichzeitig die Kaufkraft jener Menschen zerstören, die ihre Produkte kaufen sollen? Die Autoren Brett Hemenway Falk und Gerry Tsoukalas von der Wharton School der University of Pennsylvania, untersuchen ein Problem, das in den Hochglanzbroschüren der KI-Berater selten vorkommt. Dort ist KI immer Hebel, Beschleuniger, Gamechanger. Ein bisschen Magie aus der Cloud, und schon wird alles billiger, schneller, besser. Nur: Volkswirtschaften bestehen nicht aus PowerPoint-Folien. Sie bestehen aus Einkommen. Und aus Menschen, die mit diesem Einkommen Mieten zahlen, Autos kaufen, Versicherungen abschließen, essen gehen oder eben nicht. Der Kern der Studie ist simpel – und gerade deshalb gefährlich. Für jedes einzelne Unternehmen ist es rational, Arbeit durch KI zu ersetzen, wenn dadurch Kosten sinken. Der Gewinn ist unmittelbar sichtbar. Die Kosten sind es nicht. Denn der entlassene Mitarbeiter konsumiert weniger, aber dieser Nachfrageverlust trifft nicht nur das Unternehmen, das ihn entlassen hat. Er verteilt sich über die ganze Wirtschaft. Der Nutzen wird privatisiert, der Schaden sozialisiert. Kommt einem bekannt vor? Natürlich. Es ist die alte Geschichte der externen Kosten, nur diesmal nicht mit Rauchfang und CO₂, sondern mit Chatbots und Automatisierungssoftware. Und weil kein Unternehmen im Wettbewerb der Trottel sein will, der aus moralischen Gründen langsamer rationalisiert, ziehen die anderen nach. Wer nicht automatisiert, verliert Marge. Wer automatisiert, trägt zum Nachfrageproblem bei. Also automatisieren alle. Nicht unbedingt aus Bosheit. Aus Logik. Aus Druck.

Jeder einzelne reagiert rational

Aus Angst, der Konkurrenz beim nächsten Quartalsbericht hinterherzuhinken. Genau das nennen die Autoren die „AI Layoff Trap“: eine Falle, in der das individuell Vernünftige kollektiv dumm wird. Besonders bitter ist, dass in diesem Modell nicht nur die Arbeitnehmer verlieren. Auch die Eigentümer der Unternehmen können am Ende schlechter aussteigen. Warum? Weil eine Wirtschaft, die sich ihre Löhne wegspart, auch einen Teil ihrer Nachfrage wegspart. Produktivität ist schön. Aber Produktivität kauft keine Produkte. Kunden tun das. Das ist der Punkt, den Silicon Valley gern übersieht, wenn es wieder einmal erklärt, dass nach jeder technologischen Revolution am Ende alles besser wurde. Stimmt oft. Aber „am Ende“ ist ein dehnbarer Begriff. Für manche Menschen liegt dieses Ende jenseits der eigenen Erwerbsbiografie. Der entlassene Buchhalter, die ersetzte Supportmitarbeiterin, der Junior-Analyst, dessen Einstiegsjob jetzt ein KI-Agent erledigt, können sich von historischen Langfristkurven wenig kaufen. Die Studie prüft mehrere Auswege, die politisch und unternehmerisch naheliegen. Sinkende Löhne? Reichen nicht. Neue Firmen, die in den Markt eintreten? Lösen das Grundproblem nicht. Mitarbeiterbeteiligungen? Hilfreich, aber kein Allheilmittel. Umschulung? Wichtig, aber sie beantwortet nicht die Frage, ob es genug neue Arbeit gibt. Grundeinkommen oder Transfers? Sie lindern Folgen, ändern aber nicht den Anreiz der Unternehmen, weiter zu automatisieren.

 

Nur ein Hebel?

Der einzige Hebel, der im Modell wirklich an der Ursache ansetzt, ist eine Pigou-Steuer auf Automatisierung. Also eine Abgabe auf den Akt der Arbeitsersetzung selbst. Klingt nach Brüssel, nach Formular, nach Standortnachteil. Aber die Idee dahinter ist alt und ziemlich nüchtern: Wer einen Schaden verursacht, der bei anderen landet, soll ihn im Preis spüren. Bei CO₂ haben wir uns mühsam an diesen Gedanken gewöhnt. Bei KI stehen wir noch ganz am Anfang. Natürlich ist das politisch heikel. Wie misst man „Arbeitsersetzung“? Was ist Automatisierung, was normale Softwaremodernisierung? Wie verhindert man, dass Unternehmen einfach in Länder ohne Abgabe ausweichen? Die Autoren wissen um diese Probleme. Sie sprechen von internationaler Koordination, von Mechanismen ähnlich wie in der Klimapolitik. Das klingt kompliziert. Ist es auch. Aber Komplexität ist kein Argument dafür, ein Problem zu ignorieren. Für Europa ist diese Debatte besonders relevant. Die EU reguliert KI bisher vor allem über Risiko, Transparenz und Grundrechte. Das ist notwendig. Aber es reicht nicht. Denn die ökonomische Frage lautet nicht nur: Darf eine KI diskriminieren, halluzinieren oder Entscheidungen intransparent treffen? Sie lautet auch: Was macht KI mit Einkommen, Nachfrage und sozialer Stabilität?

Keine theoretische Antwort

Österreichische Unternehmen werden diese Frage nicht theoretisch beantworten können. Sie stellt sich ganz praktisch. Im Callcenter. In der Buchhaltung. Im Marketing. In der Rechtsabteilung. In der Redaktion übrigens auch. Wird KI eingesetzt, um Menschen produktiver zu machen? Oder wird sie eingesetzt, um Menschen aus der Wertschöpfung zu drängen? Das ist kein semantischer Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einer Entlassungsmaschine. Die Studie ist kein Orakel. Sie ist ein theoretisches Modell, mit vereinfachten Annahmen, Gleichgewichten und mathematischen Ableitungen. Aber sie legt den Finger auf einen blinden Fleck der KI-Euphorie. Beschäftigte sind in der betriebswirtschaftlichen Rechnung Kosten. In der volkswirtschaftlichen Realität sind sie Nachfrage. Wer nur die erste Spalte sieht, rechnet falsch. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre aus „The AI Layoff Trap“: KI kann Unternehmen effizienter machen. Aber eine Wirtschaft, die sich ihre Kunden wegrationalisiert, gewinnt keinen Zukunftspreis. Sie sägt am Ast, auf dem ihre Umsätze sitzen. Oder einfacher gesagt: Eine Firma kann Menschen entlassen, damit verliert eine Volkswirtschaft ihre Kaufkraft.

Die Studie: Brett Hemenway Falk und Gerry Tsoukalas, „The AI Layoff Trap“, 2. März 2026, arXiv:2603.20617.

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