Sunday, April 05, 2026

Mehrwert für Manager

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Nach dem Rücktritt von WKO-Präsident Harald Mahrer bleiben die grundsätzlichen Probleme vorerst bestehen. Unter den Mitgliedern wird der Unmut über teure und intransparente Strukturen indessen lauter. Mehr als zwei Milliarden Euro hat die Wirtschaftskammer angesammelt – Geld, das die Unternehmen in der Krise gut brauchen könnten. Wie könnte eine Reform aussehen? Und ist die Pflichtmitgliedschaft noch zeitgemäß? Report(+) hat drei Expert*innen um ihre Einschätzung gebeten.


1. Wie könnte eine moderne Kammerstruktur aussehen?

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Martha Schultz, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich
"Das Jahr 2026 bedeutet auch ein Jahr der Reformen für die Wirtschaftskammer. Wir werden ganz genau hinschauen und vorbehaltslos hinterfragen, ob bisherige Abläufe und Strukturen so noch zeitgemäß und notwendig sind. Immer mit der Frage: Wo geht es schneller, wo geht es unbürokratischer und effizienter? Das ist ein laufender Prozess, den wir jetzt starten – mit einem klaren Ziel: moderner, effizienter und kostengünstiger zu werden, bei gleichzeitigem Top-Service für unsere Mitglieder."

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Fritz Müller, Geschäftsführer Müller Transporte GmbH
"Die Kammer in der heutigen Form gehört meines Erachtens geschlossen und dann neu gegründet. Natürlich sollte sie ins 21. Jahrhundert passen, sprich eine Zwangsmitgliedschaft ist auszuschließen. Die einzelnen Berufsgruppen sollten sich nach eigenen Vorstellungen organisieren, ihre eigenen Strukturen gestalten. Ob das in den einzelnen Bundesländern notwendig ist, entscheidet jeder für sich. Es könnte dabei auch ein Wettbewerb entstehen. Wenn es Sinn macht, kann es auch eine Dachorganisation geben. Aus heutiger Erfahrung, stehen sich die einzelnen Fachverbände und Gruppen immer wieder gegenseitig im Weg. Alle in dieser Vertretung tätigen Mitarbeiter*innen sollen entsprechend ihren Aufgaben entlohnt werden."

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Bernhard Kittel, Leiter des Instituts für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien
"Die interne Struktur der Wirtschaftskammer weist zwei Elemente auf, die es Unternehmen in neu entstehenden Branchen schwer machen, ihren Platz zu finden und sich zu artikulieren. Das eine ist die Struktur der Innungen und Fachgruppen, das andere das in dieser Struktur verankerte und komplexe Wahlverfahren. Zusammen tragen sie dazu bei, dass das Bestehende reproduziert und die Anpassung an neue wirtschaftliche Chancen und Herausforderungen gebremst wird."

 

Sollte die Kammerumlage gekürzt werden?

Martha Schultz
"Was wir im Zuge des nun startenden Reformprozesses an finanziellen Spielräumen schaffen, werden wir an unsere Mitglieder weitergeben. Dasselbe gilt für alle Bereiche, in denen wir Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten finden. Nachdem der Rechnungshof angekündigt hat, die Prüfung der Wirtschaftskammern zeitnah durchzuführen, werden wir uns in der Folge an den Empfehlungen des Rechnungshofs orientieren."

Fritz Müller
"Die Diskussion über die Kammerumlagen ist nichts anderes als eine geschickte Verdrängung der wahren Probleme. Die Forderung beginnt mit einer Halbierung, wie in Österreich üblich, man einigt sich dann auf einen Mittelweg und alles ist wieder gut. Zuerst gehören die Strukturen – wie erwähnt - massiv verändert, die Mitarbeiterzahl drastisch auf die einzelnen Bedürfnisse reduziert und dann am Schluss spricht man über die Kosten. Dass der Beitritt nur auf Freiwilligkeit basieren kann, ist ganz klar. Jede Vertretung muss sich qualifizieren. Relativ logisch. Jeder Unternehmer muss das täglich machen. Das ist auch gut so!"

Bernhard Kittel
"Es ist nachvollziehbar, dass Unternehmen, die sich von der Kammer nicht hinreichend repräsentiert fühlen und aus deren Serviceleistungen keinen Nutzen ziehen, fragen, wofür sie ihre Beiträge zahlen. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, die Beiträge würden nicht genutzt oder eigennützig verwendet. Der große gesellschaftliche Wert der Wirtschaftskammer, auch für Unternehmen, liegt in der Sozialpartnerschaft und in der aus der Pflichtmitgliedschaft folgenden Allgemeinverbindlichkeit der Kollektivverhandlungen."

3. Hat die Wirtschaftskammer noch das Vertrauen ihrer Mitglieder?

Martha Schultz
"Die vergangenen Wochen waren von einer sehr emotionalen Debatte geprägt. Es ist Vertrauen verloren gegangen. Gleichzeitig wissen wir aus aktuellen Umfragen, dass es eine hohe Zufriedenheit der Mitglieder mit den Services der Wirtschaftskammer gibt. Die Kammer leistet seit Jahrzehnten im Dienste unserer kleinen und großen Unternehmen gute Arbeit. Unsere Mitglieder wissen das und sie schätzen das auch. Aber es gibt keinen Grund für Selbstzufriedenheit. Wir werden einiges ändern müssen, wenn wir Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen wollen. Bei unseren Mitgliedern, bei der Politik und der Bevölkerung."

Fritz Müller
"Nie hatte die Wirtschaftskammer irgendein Vertrauen von mir. Nach dem Krieg waren die Kammern wichtig, keine Frage. Leider wurden sie zu Selbstzweckorganisationen. Die Beziehung zu ihrem »Gegenüber« wurde wichtiger als zu denen, die sie vertreten (sollten). Alle Präsidenten und die 44 Vizepräsident*innen sollten sofort zurücktreten. Sie alle haben in einem Präsidiumsbeschluss diese irren Entschädigungszahlungen – vorwiegend zum eigenen Wohl  – beschlossen. Genau diese sollen heute die Unternehmer*innen vertreten und gleichzeitig die Kammer reformieren? Wie sollen Leute, die dieses System Jahrzehnte geprägt haben, selbiges jetzt reformieren? Was taten sie bis jetzt? Das ist eine einzige Farce! Eine Schande für alle Unternehmer*innen!"

Bernhard Kittel
"Öffentlich verfügbare Umfragen der Wirtschaftskammer unter ihren Mitgliedern deuten auf eine geringe Resonanz und viel Kritik. Allerdings machen sich vor allem diejenigen die Mühe, an so einer Umfrage teilzunehmen, die ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen wollen. Um die Perspektive der stillen Mehrheit besser zu verstehen, könnte die Kammer dem rezenten Beispiel des Außenministeriums folgen, Reformvorschläge mittels Dialogforen zu sammeln und im Hinblick auf ihre Umsetzung zu diskutieren."

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