Wednesday, March 25, 2026

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Der Krieg in Nahost lässt die Ölpreise rasant steigen und bringt die europäischen Börsen unter Druck. Die Achillesferse der Europäer ist nicht nur Öl, sondern vorwiegend Gas. Katar ist hinter den USA der größte Produzent von Flüssiggas (LNG). Neben der Schließung des Seewegs bei Hormuz beeinflussen vor allem Angriffe gegen Energieanlagen in der Region die Versorgungslage und damit die Preisgestaltung der Märkte sowie mittelfristig die Inflation. Report(+) hat drei Expert*innen um eine Einschätzung der Situation gebeten.

Bild: iStock

1. Sind ähnliche Preisanstiege wie 2021/22 infolge des Ukraine-Kriegs zu befürchten?

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Carola Millgramm, Abteilungsleiterin Gas bei E-Control Austria: "Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass die Preise ähnliche Spitzen erreichen, wie wir dies im Sommer 2022 gesehen haben. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass wir deutlich besser auf derartige Krisensituationen vorbereitet sind, z. B. durch eine strategische Gasreserve. Aber natürlich sind Aussagen zu Preisen aus heutiger Sicht nicht einfach zu treffen, da die Gaspreisentwicklung vor allem von der Dauer der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und der daraus folgenden Blockierung der Straße von Hormuz als Exportroute für 20 % des globalen LNG-Handels abhängt."

Eveline Steinberger, Geschäftsführerin The Blue Minds Company: "Die heftigen Preisanstiege beim Rohöl zeigen, wie nervös die Energiemärkte derzeit reagieren – auch wenn sie nicht ganz so stark ausfielen wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Energiepreisschocks können anhalten, insbesondere wenn große Förderanlagen nachhaltig ausfallen oder wichtige Transportwege, etwa die Straße von Hormuz, länger geschlossen bleiben. Wie dauerhaft die Preisanstiege sind, hängt jedoch entscheidend davon ab, wie lange die angespannte Lage im Golf anhält."

Johannes Benigni, Director Energy & Politics bei JBC Vienna: "Die Preise waren untertags schon im Bereich der Höchstnotierungen des Jahres 2021/22 und es kann damit gerechnet werden, dass, je länger die Straße von Hormuz geschlossen bleibt und Unsicherheit vorherrscht, die Preise nach oben tendieren werden. Die Lieferunterbrechung in Europa betrifft vor allem die Importe von Mitteldestillaten wie Diesel und Flugtreibstoff, weil bei diesen Produkten Europa sehr importabhängig ist. Seit den Sanktionen gegen Russland kommt ein guter Teil der europäischen Mitteldestillat-Importe aus dem Mittleren Osten. Daher sind in Europa die Dieselpreise auch deutlich stärker gestiegen als die Rohölpreise und die Dieselmarge ist derzeit sogar deutlich höher als zu der Zeit, als die Sanktionen gegen Russland verkündet wurden."


2. Ist die Versorgungssicherheit in Österreich gewährleistet?

Carola Millgramm: "Die Versorgung mit Gas und Strom ist aus heutiger Sicht gesichert. Konsument*innen in Österreich müssen sich keine Sorgen um die Versorgung mit Strom oder Gas machen. Die Gasspeicher sind nach wie vor mit Gas befüllt und zudem endet mit den deutlich wärmeren Temperaturen auch die Heizsaison."

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Eveline Steinberger: "Die physische Energieversorgung Österreichs gilt derzeit als stabil, da Europa seine Importquellen in den vergangenen Jahren deutlich diversifiziert hat. Dennoch bleibt der Energiemarkt stark von globalen Entwicklungen abhängig. Wie groß die Risiken tatsächlich werden, hängt wesentlich davon ab, wie lange der Konflikt im Nahen Osten andauert und ob wichtige Energieinfrastrukturen oder Transportwege betroffen sind."

Johannes Benigni: "Die Versorgungssicherheit in Österreich ist gegeben. Die Raffinerie kann Rohöl von verschiedenen Rohölproduzenten kaufen, ist aber aufgrund des Lieferausfalls aus dem Mittleren Osten mit stärkerem Wettbewerb asiatischer Käufer konfrontiert, welche die Preise nach oben treiben. Die Versorgung mit Treibstoff aus den für Österreich relevanten Raffinerien in Schwechat und Süddeutschland ist nicht gefährdet, die Abgabepreise der Raffinerien unterliegen aber den Entwicklungen am internationalen Markt."

3. Treibt der Iran-Krieg auch die Inflation wieder an?

Carola Millgramm: "Wenn die Gaspreise auf längere Sicht höher sind und bleiben, könnte durchaus mit Auswirkungen zu rechnen sein."

Eveline Steinberger: "Steigende Energiepreise könnten kurzfristig erneut Inflationsdruck erzeugen – etwa über Transport-, Heizungs- und Produktionskosten sowie die Verteuerung zahlreicher Vorprodukte. Diese Effekte setzen sich entlang der Wertschöpfungskette bis zu den Konsumentenpreisen fort. Ein Ölpreis von 100 US-Dollar könnte die Verbraucherpreise um rund 0,8 Prozent erhöhen, berechnen Volkswirte. Bei 150 US-Dollar wäre der Effekt etwa doppelt so stark – mit entsprechend dämpfenden Folgen für den wirtschaftlichen Aufschwung."

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Johannes Benigni: "Je länger die Straße von Hormuz geschlossen bleibt, desto größer sind die Auswirkungen auf die Inflation und der Schaden, den die Weltwirtschaft erleidet. In Europa schlägt vor allem der höhere Dieselpreis auf alle Wirtschaftsbereiche durch. Eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf Diesel könnte hier helfen, die Effekte abzufedern. Der Mangel an Erdgas wird uns erst in einigen Monaten zu schaffen machen, nachdem in den Sommermonaten Gas weniger oft für die Stromproduktion zum Einsatz kommt. Daher sollte man die nächsten Monate nutzen, um die Merit Order im europäischen Verbund zu reformieren, damit sich nicht wieder ein Gaspreishochlauf auf die Strompreise und somit auf die Inflation durchschlägt. Die Lieferunterbrechungen aus dem Mittleren Osten haben aber auch einen großen Einfluss auf viele Lieferketten weltweit – es ist daher auch mit indirekten inflationären Effekten zu rechnen."

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