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Wie ein Krieg, den keiner braucht, Europa die Energie raubt.

Text: Alfons Flatscher

Am ICE-Terminal im Londoner Docklands flackert die Zahl 148,20 auf – Dollar pro Fass Brent, Stand heute 09:07 Uhr. Wer sich fragt, warum der Liter Diesel an der Wiener Stadtausfahrt plötzlich 2,74 Euro kostet, findet die Antwort nicht an der Zapfsäule, sondern im Persischen Golf. Dort wurde ein Krieg vom Zaun gebrochen, den niemand führen musste, aber jetzt alle bezahlen: War of Choice, wie schon 2003 im Irak.

Damals genügten ein paar PowerPoint-Folien über angebliche Massenvernichtungswaffen, um ein Land zurück in die Steinzeit zu bombardieren. Heute reichen Satellitenbilder von Raketenstellungen in Buschehr und Messungen angeblicher Tritium-Spuren, um einen Angriff auf Iran zu rechtfertigen. Die Rhetorik ist identisch: „Wir haben Beweise“, sagt das Weiße Haus – nur zeigen will sie wieder niemand.

Bomben fliegen, Preise explodieren
Bild: KI-Illustration

Dafür liefert die Internationale Energieagentur (IEA) Zahlen, die jeder versteht: Fällt nur ein Drittel der iranischen Öl- und Gasexporte aus, explodiert der Weltmarktpreis um bis zu 60 Prozent. Europa, ohnehin Gas-Junkie, müsste binnen Wochen zusätzliche 100 Milliarden Euro für Energieimporte aufbringen. Wer zahlt? Nicht die Think-Tank-Strategen, sondern die Pendler, Bäcker, Stahlwerke.

Warum sprechen wir trotzdem vom „kurzen, begrenzten Schlag“, als hätten wir nichts gelernt? Daniel Kahneman nennt das „overconfidence“ – das irrationale Überschätzen der eigenen Fähigkeiten bei gleichzeitiger Abwertung des Gegners. Overconfidence ist der sichere Weg, sich selbst zu schaden. 2003 glaubte Washington, Bagdad falle in zwei Wochen – fast 5.000 tote GIs später stand der IS vor Mosul. Jetzt wird Teheran zum Papiertiger erklärt, obwohl in der Straße von Hormus täglich 20 Prozent des Weltölhandels durch eine 40 Kilometer breite Meerenge schiffen. Eine einzige iranische Anti-Schiffs-Rakete genügt, um den Versicherungspreis für Tanker zu verdoppeln.

Die Reederei Maersk hat bereits angekündigt, ihre Super-Tanker „bis auf weiteres“ nicht mehr durch das Nadelöhr zu schicken. Ergebnis: LNG-Ladungen aus Katar bleiben liegen, Spotpreise in Rotterdam schießen auf 85 Euro je Megawattstunde – dreimal so hoch wie im Vorjahr. Die heimischen Stadtwerke haben in der Notverordnung der EU-Kommission die Option erhalten, Industriekunden abzuschalten, bevor Privathaushalte frieren. Die Produktionsleitung eines Aluminiumwerks in Voitsberg fasst es trocken zusammen: „Wenn der Ofen einmal kalt ist, war’s das.“

Und ausgerechnet die, die vor wenigen Monaten erklärten, Europa müsse sich „endgültig“ von fossilen Energien befreien, liefern nun Waffen an jene, die das Öl verteuern. Overconfidence trifft auf moralische Selbstüberhöhung: Wir deklinieren wieder durch, was „unsere Werte“ sind, während Lkw-Kolonnen mit Dieselgeneratoren auf dem Weg zu Notkraftwerken stehen. Die Erinnerung an den Irakkrieg ist bequemerweise verblasst; ebenso die Einsicht, dass Energiepolitik Physik bleibt, selbst wenn sie mit Moral etikettiert wird.

Bleibt die Frage: Wollen wir wirklich zum zweiten Mal innerhalb einer Generation zusehen, wie ein War of Choice unsere Wirtschaft zerlegt? Oder lernen wir die einfachste Lektion der Verhaltensökonomie: Wer den Gegner kleinredet und sich selbst überschätzt, verliert – spätestens an der Zapfsäule.

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