Thursday, May 21, 2026

Mehrwert für Manager

Ticker

Wenn wir in der alten Logik denken, werden wir scheitern

Die österreichische Industriestrategie 2035 will Wettbewerbsfähigkeit sichern, Innovation fördern und die Resilienz stärken. Diese Ziele sind richtig. Doch sie beruhen auf einem Denk­rahmen, der aus einer Welt stammt, die es so nicht mehr gibt. Wir optimieren ein System, dessen strukturelle Voraussetzungen verschwunden sind.

Wertschöpfung entsteht heute nicht mehr primär aus industrieller Effizienz. Sie basiert auf Wissen, Daten, Koordination und menschliche Gestaltungsfähigkeit. Dabei entkoppelt Automatisierung Produktion von Beschäftigung. Energie entscheidet als strategischer Produktionsfaktor über Skalierbarkeit. Und Daten sind kein Nebenprodukt, sondern der zentrale Rohstoff wirtschaftlichen Agierens. Kapital folgt diesen Faktoren: Es verstärkt, was technologisch und strukturell vorbereitet ist.

Wer unter diesen Bedingungen weiterhin auf die alten Instrumente und Machtlogiken des Industriezeitalters setzt, entscheidet sich keineswegs für Stabilität. Die Konsequenzen dieses Festhaltens sind bereits sichtbar: technologische Abhängigkeiten, fragile Lieferketten, politische Blockaden, wirtschaftliche Stagnation und die Erosion demokratischer Institutionen.

Die zentrale Schwäche der aktuellen Strategie liegt weniger in einzelnen Maßnahmen. Sie liegt im Weltbild. Industrie erscheint weiterhin als primärer Motor von Wertschöpfung und Beschäftigung. Digitalisierung wird zwar als Werkzeug der Effizienzsteigerung verstanden, nicht aber als eigenständiger Produktionsraum. Daten werden verwaltet, aber nicht strategisch kontrolliert. Digitale Souveränität wird auf Sicherheitsfragen reduziert, obwohl es in Wahrheit um die Kontrolle von Wertschöpfungsketten geht.

Rollenänderung
Mit dem Rückgang arbeitsintensiver industrieller Produktion verändert sich die Rolle des Menschen grundlegend. Der Mensch ist nicht mehr primär Produktionsfaktor, sondern Träger von Innovation, Gestaltung und systemischem Verständnis. Der Industriestrategie 2035 liegt implizit ein funktionalistisches Menschenbild zugrunde. Der Mensch erscheint primär als Träger von Qualifikationen, als anzupassender Faktor des Strukturwandels und als Kostenposition innerhalb industrieller Wertschöpfung. Dieses Menschenbild steht im Widerspruch zu empirischen Befunden über Motivation, Engagement und Innovationsfähigkeit. Umfragen zeigen seit Jahren, dass nur ein geringer Anteil der Beschäftigten in Österreich eine hohe emotionale Bindung an ihre Arbeit und ihre Organisation aufweist.

Europa verfügt über die industrielle Kompetenz und wissenschaftliche Exzellenz. Doch unser Defizit liegt in fehlender Koordination. Während andere Wirtschaftsräume technologische Entwicklung, Kapitalmärkte und politische Steuerung strategisch verzahnen, fragmentieren wir Verantwortung entlang föderaler und sektoraler Linien.

Industrie bleibt notwendig. Aber sie ist nicht mehr der Ort, an dem wirtschaftliche Zukunft entschieden wird. Diese Entscheidung fällt im tertiären und quartären Sektor: Dort, wo Daten aggregiert werden, wo Lernkurven entstehen, wo Plattformen Standards setzen und wo technologische Architekturen kontrolliert werden. Solange wir versuchen, den Übergang in eine wissens- und datenbasierte Ökonomie mit den Instrumenten des Industriezeitalters zu bewältigen, werden wir die Transformation verzögern.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie wir Industrie effizienter machen. Sie lautet, ob wir bereit sind, Steuerung und Wirtschaftspolitik neu zu denken. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht durch die Verteidigung bestehender Strukturen, sondern durch den Mut, ihre Logik zu hinterfragen.


Über die Autoren

Werner Illsinger ist Wirtschaftspsychologe und Unternehmensberater. Er ist Gründer der 4future.group, um den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter aktiv mitzugestalten. Helmut Detter ist em. o. Universitätsprofessor der TU Wien mit jahrzehntelanger Erfahrung an der Schnittstelle von Technologie, physischer Welt und Gesellschaft.

×
Stay Informed

When you subscribe to the blog, we will send you an e-mail when there are new updates on the site so you wouldn't miss them.

Die KI-Ära verschiebt die Grenzen des Machbaren
ROT-WEISS-ROT BAUEN: Jetzt folgt die Umsetzung

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://www.report.at/

Firmen | News

Firmen | News
20 May 2026
Firmen | News
Wie schaffen Industrieunternehmen die nächste Stufe der Digitalisierung? Zu dieser Frage zeigte Axians auf der Hannover Messe spannende Lösungen – mit dem bisher größten Auftritt bei der weltweiten Leitmesse für die Industrie. 210 m2 Standfläche ermö...
Marija Kotnig
20 May 2026
Firmen | News
Mit den Inhousetrainings der Quality Austria Academy stärken wir auch in global wirtschaftlich herausfordernden Zeiten gezielt unsere Zusammenarbeit. Als Ihr zuverlässiger Partner bieten wir verlässliche Inhousetrainings mit partnerschaftlichen Kondi...
Marija Kotnig
19 May 2026
Firmen | News
Qualitätssicherung ist heute mehr denn je erfolgsentscheidend. Organisationen müssen Excellence anstreben, um auch unter Unsicherheit leistungsfähig zu bleiben. Beim qualityaustria Excellence Day am 17. Juni 2026 kommen im Erste Campus in Wien Expert...
Marija Kotnig
13 May 2026
Firmen | News
Die ISO 9001 ist der weltweit wichtigste Standard für Qualitätsmanagement. Sie gilt als Basis für viele andere Managementsysteme und hat sich über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt, um einen Rahmen für strukturierte Prozesse zu bieten. Qualit...

Neue Blog Beiträge

15 May 2026
Intelligente Netze
Uncategorized
Europa
Anthropic hat am 12. Mai 2026 ein umfangreiches Paket für die Rechtsbranche vorgestellt: über zwanzig neue MCP-Connectoren zu der Software, auf der juristische Arbeit aufsetzt, dazu zwölf praxisfeldspezifische Plugins. Claude soll damit vom reinen Sc...
11 May 2026
Europa
Mensch und Gesellschaft
In den frühen Morgenstunden des 7. Mai 2026 haben sich Europäisches Parlament und Rat auf eine vorläufige Einigung zum sogenannten Digital Omnibus on AI verständigt. Es ist die erste substanzielle Änderung der KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689...
11 May 2026
Qualität und Effizienz
Der 28. April – der internationale Welttag für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – hat wie jedes Jahr die Bedeutung sicherer und gesunder Arbeitsbedingungen in den Fokus gerückt. Angesichts neuer Arbeitsformen, technologischer Entwicklung...