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Wenn die USA den Iran angreifen, dann ist China das eigentliche Ziel und die Weltwirtschaft das Opfer. Eine große These.

Silhouette eines Soldaten vor US- und Iran-Flaggen
Bild: iStock

 

Hinter dem Krieg ngegen den Iran steckt mehr, Offiziell geht es um Urananreicherung, Milizen, Vergeltung, Abschreckung. Es klingt anach Sicherheitspolitik und Moral. Und in Washington nach der alten Formel: Wir mussten handeln. Ryan Perkins liest den Krieg der USA gegen den Iran anders. In seinem Substack-Beitrag »The ECB Maps the Trap, Cracks Form and Bessent Slips Up« argumentiert er, dass Iran nicht das eigentliche Ziel sei. Der Krieg sei Teil einer größeren Strategie gegen China, BRICS und die entstehende multipolare Ordnung. Teheran wäre demnach nicht Endpunkt, sondern Hebel. Die Straße von Hormus nicht nur Engpass für Öl, sondern ein finanzgeopolitischer Schalter.

Das klingt zunächst nach Thriller. Doch ganz aus der Luft gegriffen ist es nicht. Perkins verweist auf eine Szenario­analyse der Europäischen Zentralbank zu den Folgen einer länger anhaltenden Unterbrechung von Energieexporten aus der Golfregion. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Besonders stark betroffen wären laut seiner Wiedergabe asiatische Volkswirtschaften: Südkorea könnte bis zu elf Prozent seiner Wirtschaftsleistung verlieren, Indien rund acht Prozent, Japan rund sieben Prozent, ASEAN-Staaten bis zu fünf Prozent. Die Eurozone käme glimpflicher davon, die USA wären vergleichsweise wenig betroffen.

Das ist der harte Kern der These: Eine Eskalation am Golf trifft nicht alle gleich. Sie trifft vor allem jene Volkswirtschaften, die industriell stark, energieabhängig und eng mit China verflochten sind. Die Straße von Hormus ist dabei einer der empfindlichsten Punkte der Weltwirtschaft. Ein erheblicher Teil der globalen Öl- und Flüssiggasexporte passiert diesen Korridor. Für Europa ist das unangenehm. Für viele asiatische Industriestaaten ist es existenziell. Wer dort Unsicherheit erzeugt, trifft Lieferketten, Energiepreise, Handelsbilanzen, Währungen und politische Stabilität zugleich.
Perkins nennt das im größeren Zusammenhang die »Petroyuan Trap«. Seine These: Wenn China und Golfstaaten versuchen, Öl stärker in Yuan abzurechnen, entsteht eine neue Verwundbarkeit. Denn Yuan-Einnahmen müssen am Ende wieder in einem globalen System verwendet werden, das weiterhin stark dollarzentriert ist. Kommt nun ein Energiepreisschock hinzu, geraten asiatische Importeure, der Yuan und Chinas Reserven unter Druck. Die USA könnten so – bewusst oder zumindest in Kauf nehmend – eine Situation schaffen, in der Chinas finanzielle Souveränität belastet und BRICS gespalten wird.

Gefährdete Wirtschaftsleistung durch Energie- und Lieferstörungen, Grafik im Magazin Report(+), Ausgabe 09/2026, zum Thema:
https://online.fliphtml5.com/jlgle/plus_09_2026_klein/#p=16

Iran wäre dann der Zünder, China das eigentliche Ziel
Das ist eine These, die man ernst nehmen sollte, ohne ihr sofort komplett zu verfallen. Denn die amerikanische Außenpolitik ist zwar oft strategisch brutal, aber nicht immer strategisch brillant. Zwischen Masterplan und Chaos liegt ein breites Feld – und Washington hat in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich oft bewiesen, dass es dieses Feld komplett bespielen kann.

Afghanistan, Irak, Libyen: Die Geschichte amerikanischer Interventionen ist nicht gerade eine Galerie sauber ausgeführter Langfriststrategien. Oft war es eine Mischung aus Hybris, innenpolitischem Druck, Geheimdienstlogik, Lobbyinteressen, militärischer Selbstüberschätzung und moralischem Sendungsbewusstsein. Frei nach dem Motto: Erst die Ordnung zerlegen, dann überrascht sein, dass Unordnung entsteht. Deshalb gehört zu jeder Diskussion von Perkins’ These ein zweiter Erklärungsansatz: Vielleicht ist der Iran-Krieg nicht Ausdruck eines genialen Plans zur Rettung der Dollar-Hegemonie. Vielleicht ist er auch Ausdruck von Inkompetenz und Arroganz. Von Eliten, die glauben, sie könnten komplexe Energie-, Finanz- und Sicherheitsketten kontrollieren, weil sie es gewohnt sind, die Risiken an andere weiterzureichen.

Das macht die Lage nicht beruhigender. Im Gegenteil
Denn ob Plan oder Überheblichkeit: Die Folgen können ähnlich desaströs sein. Ein Konflikt mit Iran kann Energiepreise treiben, Lieferketten beschädigen, Inflation anheizen und den Druck auf asiatische Volkswirtschaften erhöhen. Er kann BRICS intern belasten, weil Energieexporteure, Energieimporteure und sanktionierte Staaten unterschiedliche Interessen haben. Er kann China strategisch herausfordern. Und er kann zugleich das Vertrauen in die amerikanisch dominierte Ordnung weiter erodieren.

Genau darin liegt der Widerspruch amerikanischer Machtpolitik. Wer den Dollar als Waffe nutzt, zwingt andere Staaten, Alternativen zu suchen. Wer diese Alternativen dann durch Druck, Sanktionen oder militärische Eskalation verhindern will, bestätigt erst recht, warum sie gesucht werden. Für Europa ist das eine unangenehme Lektion. Wir stehen nicht außerhalb dieses Spiels. Wir sind Teil davon – als Verbündete der USA, als Energieimporteure, als Exportwirtschaft, als Finanzplatz und als politischer Raum, der gerne von Autonomie spricht, aber im Ernstfall oft Washingtons Linien folgt.

Perkins’ Analyse ist also weniger als fertige Gewissheit interessant, sondern als Warnung. Der nächste Krieg wird nicht nur mit Raketen geführt. Er wird über Engpässe, Währungen, Versicherungen, Reserven, Zahlungssysteme und Energieflüsse geführt. Die Front verläuft nicht nur in Teheran oder Hormus. Sie verläuft durch Zentralbankbilanzen, Hafenlogistik und Wechselkurse.

Vielleicht ist der Iran-Krieg tatsächlich ein Angriff auf BRICS und die Dollar-Herausforderung. Vielleicht ist er auch nur der nächste Fall imperialer Selbst­überschätzung. Das Tragische ist: Für die Weltwirtschaft macht dieser Unterschied am Ende womöglich weniger aus, als uns lieb sein kann.

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