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»Das ist Bullshit«
Auf Einladung des Bau & Immobilien Report diskutierten die CEOs von fünf der aktuell spannendsten Start-ups aus der Welt der Bau- und Immobilienwirtschaft über ihre Sicht auf die Branche, was etablierte Unternehmen von den »jungen Wilden« lernen können und was sich umgekehrt die Start-ups von den Corporates abschauen können. Ein intensives Gespräch über Technologie, Unternehmenskultur und falsche Prioritäten.
Bild: Alexander Reiter, Baumarketing, Milan Zahradnik, Propster, Alexander Kornell, Reebuild, Simone Rongitsch, Pocket House, und Niki Stadler, Propcorn.
Die Teilnehmer*innen (alphabetisch) und ihr Unternehmen
Alexander Kornell, Geschäftsführer Reebuild
Reebuild automatisiert mit KI-gestützter Software Rechnungsprüfung, Lieferscheinerfassung und Bestellabgleich.
Alexander Reiter, Geschäftsführer Baumarketing
Baumarketing begleitet Unternehmen von der Strategie bis zur Umsetzung in jeglichen Bereichen des Marketings.
Simone Rongitsch, Geschäftsführerin Pocket House
Pocket House bietet maßgeschneiderte digitale Tools für Gebäude- und Quartiersmanagement.
Niki Stadler, Geschäftsführer Propcorn AI
Propcorn liefert eine KI-gestützte Suchmaschine für Nachverdichtungs- und Neubaupotenziale.
Milan Zahradnik, Geschäftsführer Propster
Propster ist eine End-to-End-Plattform für Sonderwunschmanagement, 3D-Konfiguration, Kundenkommunikation und digitale Wohnungsübergabe.
Sie alle bieten Digitalisierungslösungen für die Bau- und Immobilienwirtschaft an. In der Bauwirtschaft gibt es viele alteingesessene Unternehmen, sie gilt als konservativ und wenig innovativ. Wie haben Sie die Branche bei Ihrem Markteintritt wahrgenommen?
Milan Zahradnik: Ich bin schon relativ lange in der Branche. Ich hatte eine Agentur, die sich mit Digitalmarketing und Change Management beschäftigt hat und Unternehmen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft bei der Digitalisierung begleitet hat. Propster ist aus einem Mandat für die Buwog entstanden. Da haben wir festgestellt, dass in der Sonderwunschabwicklung wahnsinnig viel Geld verbrannt wird. Das war 2018. Ich habe die Digitalisierung von Anfang an miterlebt. In der Branche ging es schon immer um viel Geld, aber digital war damals quasi noch gar nichts. Das hat mich schon überrascht.
Simone Rongitsch: Wir sind etwas früher gestartet, haben aber ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Damals stand über jedem Projekt Smart City oder Smart Building. Das Problem war, dass es nur Insellösungen gab und ein zukünftiger Bewohner der Danube Flats 15, 16 verschiedene Apps gebraucht hätte, vom Gebäudezutritt über Paketboxen, das hausinterne Car-Sharing und vieles mehr. Das große Ganze hat niemand gesehen. Diese Lücke war der Startschuss für Pocket House.
Alexander Kornell: Ich habe Physik studiert und beruflich eigentlich gar nichts mit der Baubranche zu tun. Ich fand das immer wahnsinnig spannend, dass wir in der Physik KI verwenden, um den Weltraum zu analysieren, aber gebaut wird wie in der Vergangenheit. Wir notieren Zahlen auf einem Zettel und tragen sie in ein IT-System aus den 90ern ein. Von außen betrachtet, dachte ich, die sind konservativ und wollen das nicht anders. Aber so ist das gar nicht. Das Problem ist nur, dass die Systeme und Lösungen für die Branche nie richtig funktioniert haben und nicht den versprochenen Mehrwert gebracht haben. Deshalb hat man darauf verzichtet. Sobald man der Branche funktionierende Lösungen an die Hand gibt, ist sie alles andere als konservativ.
Niki Stadler: Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Es ist keine Branche, die gerne ausprobiert. Ein neues Produkt, eine neue Lösung muss auf Anhieb funktionieren. Das hat mich schon sehr irritiert. Dass eine Branche, die mit Millionen jongliert und wo bei vielen Projekten vieles schiefgeht, bei Lösungen, die 100 Euro im Monat kosten, so sparsam ist und dabei von Anfang an Perfektion erwartet. Wenn ich den Mehrwert sehe, den viele IT-Lösungen bringen, dann ist es absurd, wenn man über die Lizenzgebühren diskutieren muss.
Alexander Reiter: Ich komme aus einem klassischen Bau-Familienbetrieb und habe schnell erkannt, dass vielen Unternehmen ihr Außenauftritt relativ egal ist. Deshalb hab ich Baumarketing gegründet, weil ich eine Lücke sah. Die Unternehmen konzentrieren sich komplett auf ihre Kerntätigkeit, vergessen aber den Blick über den eigenen Tellerrand. Das betrifft das Marketing genauso wie das Thema Digitalisierung. Deshalb unterstützen wir die Unternehmen nicht nur im Marketing, sondern auch bei der digitalen Transformation.
Wie hat sich die Branche seit Ihrem Markteintritt verändert?
Reiter: Da ist viel Positives passiert. Durch den Generationenwechsel in vielen Unternehmen findet ein Umdenken statt und wir werden mit unseren Ideen viel besser gehört. Man braucht aber sehr viel Geduld. Es gibt Unternehmen, die wir vor vier Jahren das erste Mal kontaktiert haben und die jetzt unterschrieben haben. Das ist eine sehr lange Sales-Phase (lacht).
Zahradnik: Das ist sehr interessant und vielsagend. Das bedeutet, dass die Unternehmen unter Druck geraten sind. Solange die Unternehmen Geld verdienen, sehen sie keinen Grund, etwas zu ändern. Aber die Aufträge werden weniger und plötzlich erinnert man sich an Kontakte und Angebote, die Jahre her sind. Natürlich ist das dann viel zu spät. Das ist und bleibt meine Kritik an der Branche: Niemand scheint langfristig zu denken. Was muss man jetzt machen, um in zehn Jahren erfolgreich zu sein?
Rongitsch: Ich finde schon, dass sich etwas getan hat. Es gibt seit einigen Jahren in der Branche Innovationsmanager. Das gab es vor zehn oder 15 Jahren noch nicht. Da war es wirklich schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Stadler: Aber hast du den Eindruck, dass das die richtigen Ansprechpartner sind? Ich bin da sehr skeptisch.
Sprechen Start-ups und alteingesessene Unternehmen dieselbe Sprache?
Stadler: Jeder Bauträger möchte so günstig wie möglich einkaufen, die Daten müssen so genau wie möglich sein, ohne Fehler, also die eierlegende Wollmilchsau. Und je größer das Unternehmen, desto komplizierter ist es oft. Man muss ehrlich sagen, es ist eine große Ego-Branche, noch dazu sehr männlich getrieben. Da muss man sich als junges Start-up erst mal beweisen und behaupten, weil jeder glaubt, die Weisheit für sich gepachtet zu haben. Oft wird es erst einfacher, wenn man per Du ist.
Kornell: Unser Head of Sales hat Architektur studiert und als Projektentwickler gearbeitet. Das ist ein perfekter Start ins Gespräch. Als Physiker tu ich mir da viel schwerer. Da wird man sehr kritisch beäugt. Ich hoffe immer, dass beim Erstgespräch zumindest ein IT-ler dabei ist (lacht).
Zahradnik: Ich glaube, es ist ganz wichtig, die Sprache zu sprechen und zu wissen, wem man gegenübersitzt. Man muss auch als junger Mensch vermitteln können, dass man über die Erfahrung und das Know-how verfügt, einen Mehrwert zu bieten. Am wichtigsten sind dabei Referenzen. Jeder will wissen, wie es die anderen machen.
Reiter: Das gilt auch für das Thema Marketing. Auch da matcht man sich untereinander, schaut, was der Mitbewerb macht und wo man nachziehen muss.
Rongitsch: Kaum jemand will der First Mover sein.
Mir hat einmal der Geschäftsführer eines großen Unternehmens gesagt, dass Fehler zwar zum Geschäft gehören und man aus Fehlern auch lernen könne, lieber lernt er aber von den Fehlern anderer …
Zahradnik: Das triggert mich. Das ist Bullshit! Man muss Dinge selbst ausprobieren, selbst Fehler machen, denn jedes Unternehmen ist anders. Man kann nicht innovativ sein, ohne selbst diese Erfahrungen gemacht zu haben.
Stadler: Ich weiß nicht, wie eure Preise sind, aber ich bin überzeugt, das sind doch alles nur Peanuts für die Unternehmen. Und trotzdem ist da diese wahnsinnige Skepsis.
Rongitsch: Ich habe auch den Eindruck, dass es nie genug ist. Egal, wie viel man leistet und bietet, es sollte immer noch ein bisschen mehr sein.
Kornell: Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Branche seit Jahren in der Krise ist und Investitionen viel stärker priorisiert werden müssen als früher. Es geht nicht um den Preis, sondern um die Opportunitätskosten. Wenn ich ein Projekt mache, muss ich anderes vielleicht aufschieben. Das ist verständlich, hemmt aber natürlich Innovation.
Stadler: Mir fehlt trotzdem bei vielen Unternehmen der holistische Ansatz, eine ganzheitliche Strategie, die der Vorstand vorgibt. Die Baukosten selbst zu senken, ist wahnsinnig schwierig, aber bei den internen Prozessen und Abläufen gibt es so viel Potenzial, dass ich nicht verstehe, warum dem so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Krise hin oder her.
Rongitsch: Die meisten von uns haben sich einen eigenen Markt geschaffen, mit wenig Konkurrenz. Was uns allen aber oft noch fehlt, ist der langfristige Nachweis, ein ganzes Immobilienportfolio digitalisieren zu können.
Reiter: Das sehe ich ähnlich. Wir haben eine Art Burggraben um unsere Lösung. Die können wir in Ruhe weiterentwickeln, weil wir kaum Konkurrenz haben. Freunde von mir haben Start-ups im KI-Bereich gegründet, da gibt es wöchentlich neue Konkurrenz und eine neue ChatGPT-Version zieht dir den Boden unter den Füßen weg.
Zahradnik: Wir digitalisieren eine wahnsinnig schwierige Branche, aber wir müssen unbedingt dranbleiben, weil es so viel Potenzial gibt.
Was kann die Bau- und Immobilienwirtschaft konkret von Start-ups lernen und umgekehrt – was können Sie von der Branche lernen?
Reiter: Wir Start-ups sind sehr innovativ und weltoffen, das steckt in unserer DNA. Da kann sich die Bauwirtschaft sicher was abschauen. Umgekehrt denke ich an das Durchhaltevermögen. Der Bau ist ein enorm hartes Pflaster, um Geld zu verdienen. Da braucht man einen sehr langen Atem.
Stadler: Die Branche kann von uns sicher lernen, wie man Zeit und Geld spart, wie man effizient arbeitet.
Rongitsch: Es geht sicher um die Kultur. Ein bisschen mehr Mut, mehr trial and error, würde der Bau- und Immobilienwirtschaft sicher nicht schaden. Andererseits können wir sicher von der Erfahrung der Branche profitieren. Die Krise 2008 hat niemand von uns aktiv miterlebt. Wie man in so einer Phase agiert, was man mitnehmen kann, das haben uns die etablierten Unternehmen auf jeden Fall voraus.
Kornell: Von uns kann man sicher lernen, wie man mit Innovation und Technologie echten Mehrwert und Fortschritt schafft. Wie man Prozesse effizienter gestaltet und die Qualität erhöht. Ich sehe unsere Kunden als Partner und lerne in jedem Gespräch von den Unternehmen, wie die Branche funktioniert. Die lösen Tag für Tag komplexe Probleme, das sind kluge Leute, das darf man nicht unterschätzen.
Zahradnik: Wir liefern der Branche eigentlich kostenlose Forschung und Entwicklung. Das ist nicht jedem bewusst. Zu sehen, wie gut eine riesige Branche mit einer enormen Wertschöpfungskette auch mit wenig Digitalisierung auskommt, ist aber aller Ehren wert. Das mag nicht immer effektiv sein, aber es funktioniert. Wenn wir da jetzt noch den digitalen Ansatz mit reinbringen, haben wir gemeinsam ein wahnsinniges Potenzial.

»Die Bau- und Immobilienwirtschaft probiert nicht gerne. Ein neues Produkt, eine neue Lösung muss auf Anhieb funktionieren«, so Niki Stadler, Propcorn.

»Viele Unternehmen konzentrieren sich komplett auf ihre Kerntätigkeit, vergessen aber den Blick über den eigenen Tellerrand«, sagt Alexander Reiter, Baumarketing.

»Start-ups liefern der Branche eigentlich kostenlose Forschung und Entwicklung. Das ist aber nicht jedem bewusst«, erklärt Milan Zahradnik, Propster.

»Als junge Start-ups können wir sicher von der Erfahrung in der Branche profitieren. Die Krise 2008 hat niemand von uns aktiv miterlebt«, weiß Simone Rongitsch, Pocket House.

»Die Branche ist nicht konservativ. Das Problem ist, dass die neuen, digitalen Systeme und Lösungen nie richtig funktioniert haben«, sagt Alexander Kornell, Reebuild.
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