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Viel Recycling, wenig Kreislauf
Die österreichische Bauwirtschaft hat beim Recycling große Fortschritte erzielt, bei der eigentlichen Kreislaufwirtschaft steht sie aber erst am Anfang. So eine zentrale Erkenntnis des zweiten Fortschrittsberichts zur österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie.
Die Bauwirtschaft baut Österreichs Städte, Straßen, Tunnel und Wohngebäude – und produziert gleichzeitig die größten Materialströme des Landes. Rund die Hälfte aller eingesetzten Rohstoffe entfällt auf den Bau- und Infrastruktursektor, kein anderer Wirtschaftsbereich spielt deshalb in der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie eine ähnlich zentrale Rolle. Der zweite Fortschrittsbericht des Umweltministeriums zeichnet dabei ein differenziertes Bild: Österreichs Bauwirtschaft ist beim Recycling europaweit durchaus gut unterwegs. Der Schritt von einer funktionierenden Recyclingwirtschaft hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft steht allerdings noch bevor.
Der größte Materialstrom
Allein im Jahr 2023 entstanden in Österreich rund elf Millionen Tonnen mineralische Bau- und Abbruchabfälle. Hinzu kommen weitere 38,1 Millionen Tonnen Aushubmaterialien aus Bau- und Infrastrukturprojekten. Das entspricht mehr als fünf Tonnen Material pro Einwohner und Jahr. Damit ist die Hebelwirkung der Bauwirtschaft enorm: Bereits kleine Effizienzsteigerungen wirken sich unmittelbar auf den nationalen Ressourcenverbrauch aus. Entsprechend klar sind die politischen Prioritäten formuliert: ressourcenschonende Bauweisen fördern, nachhaltige Beschaffung stärken, die Nutzungsdauer von Gebäuden verlängern sowie Wiederverwendung und Recycling forcieren.
Recycling funktioniert gut
Die gute Nachricht vorweg: Die österreichische Bauwirtschaft hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Von den mineralischen Bau- und Abbruchabfällen wurden 2023 rund 8,4 Millionen Tonnen in Recyclinganlagen behandelt und zu neuen Baustoffen verarbeitet. Weitere 500.000 Tonnen fanden als Rohstoff in der Zement-, Beton- und Asphaltindustrie Verwendung. Insgesamt stieg die stoffliche Verwertung beziehungsweise Recyclingquote bei mineralischen Bauabfällen auf rund 92 Prozent. Damit gehört Österreich innerhalb Europas zu den Vorreitern. Wesentlichen Anteil daran haben die Recycling-Baustoffverordnung, die zunehmende Professionalisierung der Aufbereitungstechnologien sowie die hohen Deponiekosten für verwertbare Materialien. Aus Sicht des klassischen Abfallmanagements ist die Entwicklung zweifellos eine Erfolgsgeschichte.
Recycling ist kein Kreislauf
Beim Thema Recycling beginnt allerdings die eigentliche Debatte. Denn die Kreislaufwirtschaft bewertet Recycling zwar positiv, betrachtet es aber keineswegs als höchste Form der Ressourcenschonung. Die österreichische Strategie orientiert sich an den sogenannten zehn R-Prinzipien der Kreislaufwirtschaft (Refuse, Rethink, Reduce, Re-Use, Repair, Refurbish, Remanufacture, Repurpose, Recycle, Recover). An oberster Stelle stehen nicht Recycling und Verwertung, sondern Vermeidung, intelligente Nutzung, Wiederverwendung, Reparatur und Modernisierung bestehender Produkte und Bauwerke. Recycling kommt erst deutlich später in dieser Hierarchie.
Für die Bauwirtschaft bedeutet das einen grundlegenden Perspektivwechsel: Das Ziel ist nicht mehr, Gebäude möglichst effizient abzubrechen, sondern sie möglichst lange zu nutzen. Umbauen statt neu bauen. Sanieren statt ersetzen. Bauteile wiederverwenden statt zerkleinern. Gebäude so planen, dass sie in einigen Jahrzehnten wieder zerlegt und ihre Bestandteile erneut eingesetzt werden können. Der Abbruchbagger verliert damit seinen Status als letzter Akteur der Wertschöpfungskette und wird zum Lieferanten eines zukünftigen Rohstofflagers.
Herausforderung Re-Use
Während das Recycling in Österreich mittlerweile etabliert ist, steckt die Wiederverwendung von Bauteilen noch in den Kinderschuhen. Türen, Fassadenelemente, Stahlträger, Installationen oder Betonfertigteile werden noch immer überwiegend entsorgt oder zerkleinert, obwohl sie technisch oft problemlos weiterverwendet werden könnten. Gründe dafür gibt es viele: fehlende Standards, Haftungsfragen, aufwendige Qualitätsnachweise sowie wirtschaftliche Unsicherheiten bei Planung und Ausschreibung. Genau diese regulatorischen Hürden identifiziert auch der Fortschrittsbericht als eines der größten Hindernisse für die Kreislaufwirtschaft. Insbesondere die unterschiedliche Auslegung des Abfallrechts, komplexe Nachweispflichten und die rechtliche Benachteiligung von Sekundärrohstoffen bremsen den Markt aus. Die Branche fordert deshalb seit Jahren mehr Rechtssicherheit beim Abfallende sowie harmonisierte Qualitätsstandards für Recycling- und Sekundärbaustoffe.
Potenzial des Gebäudebestands
Der größte Rohstoffspeicher Österreichs ist längst gebaut. Millionen Tonnen Beton, Stahl, Holz, Glas und Kunststoffe befinden sich bereits in Gebäuden und Infrastrukturen. Expert*innen sprechen deshalb von der Stadt als Rohstofflager der Zukunft, dem »Urban Mining«. Voraussetzung dafür sind allerdings digitale Gebäuderessourcenpässe, Materialdatenbanken und eine Planung nach dem Prinzip des »Design for Disassembly«. Gebäude müssen künftig so entworfen werden, dass ihre Bestandteile zerstörungsfrei ausgebaut und erneut eingesetzt werden können. Die Digitalisierung wird damit zur zentralen Voraussetzung der Kreislaufwirtschaft. Digitale Produktpässe und Materialinformationen sollen künftig nachvollziehbar machen, welche Rohstoffe sich wo befinden und wie sie wieder genutzt werden können. Der Fortschrittsbericht bezeichnet den digitalen Produktpass deshalb als eines der zentralen Instrumente der kommenden Jahre.
Öffentliche Auftraggeber als Schlüsselakteure
Ob die Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft tatsächlich den Durchbruch schafft, wird letztlich weniger auf den Baustellen als in den Ausschreibungen entschieden. Der öffentliche Sektor zählt zu den größten Auftraggebern des Landes und kann über Beschaffungskriterien erhebliche Markteffekte erzeugen. Genau deshalb wurden die Anforderungen der Kreislaufwirtschaft mittlerweile in die Kriterien des österreichischen Aktionsplans für nachhaltige öffentliche Beschaffung für Hoch- und Tiefbau integriert. Für die Bundesverwaltung sind die Vorgaben des naBe-Aktionsplans verbindlich, Länder und Gemeinden sollen über Partnerschaften nachziehen. Für die Bauindustrie wäre dies ein wichtiges Signal. Denn solange zirkuläre Baustoffe und Re-Use-Lösungen nicht systematisch nachgefragt werden, bleiben sie oft teurer und wirtschaftlich schwer darstellbar.
Der Wandel beginnt erst
Die Studie des Umweltministeriums zeigt deutlich: Österreichs Bauwirtschaft hat die erste Etappe der Transformation bereits erfolgreich absolviert. Recycling ist heute in vielen Bereichen Standard. Die eigentliche Kreislaufwirtschaft beginnt jedoch erst dort, wo Materialien gar nicht erst zu Abfällen werden. Der Weg führt deshalb weg vom linearen Prinzip »abbauen, bauen, abbrechen und entsorgen« hin zu einem System, in dem Gebäude zu temporären Materiallagern werden und Baustoffe mehrere Lebenszyklen durchlaufen. Viele technische Lösungen dafür existieren bereits. Die eigentliche Baustelle liegt heute weniger in der Technologie als vielmehr in Normen, Ausschreibungen, Geschäftsmodellen und im regulatorischen Rahmen.
Grafik "Kreislaufwirtschaft am Bau. Die wichtigsten Zahlen" unter https://online.fliphtml5.com/jlgle/bau-09_2026_klein/#p=52
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