Die Paneele für die 7.000 m² Fassadenfläche des Durst HQ in Brixen wurden vollständig im FRENER & REIFER-Werk gefertigt und über Nummerncodes bis zur Montageposition rückverfolgbar gemacht (© Paolo Riolzi)

Südtirol kann nicht nur Tourismus. Das Land steht auch weit über die engen Grenzen des Landes hinaus für Innovation, Kreativität und Ingenieurskunst auf höchstem Niveau. Im Fassadenbau etwa hat das Land Unternehmen hervorgebracht, die anspruchsvolle Gebäudehüllen für Projekte in aller Welt entwickeln und fertigen. In Zusammenarbeit mit lokalen Architekturbüros zeigen sie, wie aus räumlicher Nähe, technischer Kompetenz und früher Zusammenarbeit international gefragtes Know-how entsteht.

Die Fassade als eigenes Bauwerk
Komplexe Gebäudehüllen müssen architektonischen Ausdruck, Tragfähigkeit, Bauphysik, Energieeffizienz, Sonnenschutz, Tageslicht und Entwässerung zusammenführen. Bei freien Geometrien kommen Materialentwicklung, Prototypenbau, digitale Planung und präzise Logistik hinzu. Der Fassadenbauer wird damit vom ausführenden Gewerk zum Entwicklungspartner.
An dieser Schnittstelle haben sich PICHLER projects aus Bozen und FRENER & REIFER aus Brixen positioniert. Beide verbinden Engineering und Fertigung im eigenen Haus mit internationaler Projekterfahrung.
PICHLER projects entstand 1978 als Schlosserei der Brüder Walter und Ferdinand Pichler im Eggental. Heute beschäftigt das Familienunternehmen mehr als 250 Menschen und hat nach eigenen Angaben über 2.000 Projekte realisiert. Am Hauptsitz arbeitet ein rund 40-köpfiges Technikteam eng mit der Produktion zusammen. Über Design Assist und Value Engineering entwickelt es bereits in der Angebotsphase Varianten für Konstruktion, Produktion, Bauzeit und Kosten. BIM-basierter Datenaustausch und Prototypen sollen verhindern, dass ein Entwurf erst auf der Baustelle mit den Grenzen von Material und Fertigung konfrontiert wird. Geschäftsführer Hannes Market beschrieb im Gespräch mit dem Bau & Immobilien Report diese frühe Einbindung als wesentliche Voraussetzung für komplexe Projekte.

Vom Entwurf zur baubaren Geometrie
FRENER & REIFER verfolgt einen ähnlichen, auf Sonderlösungen ausgerichteten Ansatz. Das 1974 gegründete Unternehmen entwickelt Konstruktionen aus Metall und Glas und begleitet Projekte von Beratung und Musterbau bis zu Fertigung, Montage und Wartung. Mehr als 1.300 Projekte in 17 Ländern auf fünf Kontinenten nennt das Unternehmen als Referenzen; Niederlassungen in München, Paris und New York ergänzen den Südtiroler Hauptsitz.
Wie diese Kompetenzen zusammenspielen, zeigt das Kunden- und Innovationszentrum der Durst Group in Brixen. Der 2019 fertiggestellte Zubau erweitert einen Bestandsbau des Südtiroler Architekturpioniers Othmar Barth. Der Entwurf des Bozener Architekturbüros monovolume architecture + design greift eine in Barths ursprünglichen Zeichnungen vorgesehene Turmfigur auf und übersetzt sie in eine zeitgenössische Form. Ein rund 35 Meter hoher Turm geht in einen flach über dem Gelände schwebenden Flügel über. Die weiße Gebäudehülle wird von 842 pixelartig angeordneten, beleuchteten Fensterelementen durchbrochen – eine direkte Anspielung auf das Kerngeschäft des Herstellers digitaler Drucksysteme.
Für monovolume architecture + design ist die Fassade damit nicht bloß Bekleidung, sondern Träger der Unternehmensidentität. Architektur, Produktwelt und Marke werden zu einem gemeinsamen Bild. Die Stärke des Projekts liegt ebenso in der technischen Übersetzung. FRENER & REIFER verantwortete Planung, Fertigung und Montage der Gebäudehülle mit insgesamt rund 7.000 Quadratmetern Fassadenfläche. Die Paneele dafür wurden vollständig im Brixner Werk gefertigt und über Nummerncodes bis zur Montageposition rückverfolgbar gemacht. Weil die Gebäudeform kein konventionelles Gerüst zuließ, erfolgte die Montage weitgehend von Hubsteigern und Scherenbühnen aus. Das Tragwerk des Dachoberlichts wurde vorgefertigt, auf der Baustelle zu fünf jeweils rund zehn Tonnen schweren Segmenten verschweißt und per Mobilkran eingehoben.

Referenzen zwischen Berg und Metropole
Andere Projekte zeigen, dass diese Kompetenz nicht an einen Gebäudetyp gebunden ist. PICHLER projects realisierte für die Seilbahn Zugspitze Stahl- und Glasstrukturen unter alpinen Bedingungen. Beim Bonfiglioli-Headquarter in Bologna verbinden ein Exoskelett aus Stahl und eine Fassade aus Glas und plissiertem Aluminium Sonnenschutz, Tageslicht und Raumklima. In New York war das Unternehmen unter anderem an 520 West 28th Street von Zaha Hadid Architects und am Wohnprojekt The Huron beteiligt.
FRENER & REIFER hat seine Spezialisierung auf Einzelanfertigungen ebenfalls an prominenten Projekten geschärft. Beim Musée Atelier Audemars Piguet von BIG, beim Steve Jobs Theater von Foster + Partners oder bei der BMW Welt von Coop Himmelb(l)au sind Fassaden und Sonderkonstruktionen zentrale Bestandteile der architektonischen Idee. Gemeinsam ist diesen Projekten, dass Standarddetails nicht ausreichen und die ausführenden Spezialisten früh in die Entwicklung einbezogen werden müssen.


Nähe als Wettbewerbsvorteil
Entscheidend für den Südtiroler Fassadenbau ist die Kombination aus handwerklicher Ausbildung, industrieller Präzision, digitalem Engineering und Verantwortung über mehrere Projektphasen. Mehrsprachigkeit und die Lage zwischen unterschiedlichen Baukulturen erleichtern den Schritt auf internationale Märkte.

Vor allem aber zeigen die Beispiele, dass anspruchsvolle Architektur dort gelingt, wo Entwurf und Ausführung nicht nacheinander, sondern miteinander entwickelt werden. Beim Durst-Headquarter lagen zwischen der ersten geometrischen Idee und der fertigen Fassade zahlreiche Berechnungen, Materialentscheidungen, Muster und Tests. Das Ergebnis trägt dennoch unverkennbar die Handschrift des Architekten. Genau darin liegt das besondere Know-how: nicht die gestalterische Idee zu vereinfachen, bis sie baubar wird, sondern Engineering, Fertigung und Montage so weit zu entwickeln, dass die Idee gebaut werden kann.

PICHLER projects realisierte die neue Bergstation der Zugspitzbahn. Dafür mussten mehrere Hundert Tonnen Material mit der Seilbahn transportiert werden (© Christoph Seelbach). 

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