Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Digitalisierung treibt unser Leben an. Ein gesellschaftlicher Trend lässt das Pendel in die Gegenrichtung ausschlagen: Die bewusste Entschleunigung hält Einzug in den Alltag. Im Zuge der Pandemie wird auch der Ruf nach kürzeren Arbeitszeiten und Offline-Phasen lauter.

Im März 2020 stand für kurze Zeit unser Leben großteils still. Bis auf wenige Bereiche verharrte das Land, ja die halbe Welt in Schockstarre. Viele Menschen empfanden den Lockdown zunächst als Erleichterung. Wer keine Kinder zu betreuen hatte oder nicht in systemrelevanten Branchen beschäftigt war, genoss eine unverhoffte Auszeit vom Hamsterrad.

Einige begannen Brot zu backen, Altkleider auszusortieren und lange Spaziergänge zu machen, eine neue Sprache oder ein Musikinstrument zu erlernen. Als »Chance zur Entschleunigung« sah der Risikoforscher Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam, diese erste Phase: »Etwas mehr Ruhe, etwas mehr Muße, etwas mehr Zurückhaltung tut uns allen gut.«

Einen Gang zurück

Diese Sehnsucht nach Müßiggang zeichnet sich bereits seit einiger Zeit ab. Trends wie »Slow Food«, »Slow Travel«, Yoga und Malbücher für Erwachsene tragen diesem Bedürfnis Rechnung und machen klar: Hier wird ein Gang zurückgeschaltet. Die Pandemie gab reichlich Platz und Zeit, um lange aufgeschobene Vorhaben nachzuholen. In Online-Foren wurde leidenschaftlich über Sauerteig debattiert und dessen fünftägiger Gärungsverlauf dokumentiert. Statt Fernreisen boomte im Sommer der Campingurlaub am See.  

Bild oben: Ortwin Renn: »Etwas mehr Ruhe, etwas mehr Muße, etwas mehr Zurückhaltung tut uns allen gut.«

Früher bedeutete Reisen »auf dem Weg zu sein«. Heute wird als »Urlaub« meist der stationäre Aufenthalt am Reiseziel verstanden – die An- und Abreise soll möglichst schnell, ohne längere Wartezeiten oder Unterbrechungen vonstatten gehen. Seit einigen Jahren macht sich aber auch hier ein Gegentrend bemerkbar. Fast archaische Fortbewegungsformen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Im Zuge der neu aufgeflammten Popularität des Jakobswegs werden auch andere Pilgerrouten quer durch den Kontinent wiederentdeckt.

Wer es weniger religiös mag, findet in Weitwanderwegen oder Alpenüberquerungen ähnliche Erfüllung und vermutlich mehr Einsamkeit. Ob die Covid-Krise unser Reiseverhalten langfristig in Richtung mehr Nachhaltigkeit beeinflusst, wird sich erst zeigen. Der Wiener Soziologe Bernhard Kittel erwartet »keine substanziellen Änderungen bei grundlegenden Einstellungen«. Auch ein Nachholeffekt – sich endlich wieder zu gönnen, was so lange verboten oder nicht durchführbar war – scheint durchaus möglich.

Das Land steht still

Die Chance auf einen gesellschaftlichen Neubeginn, »eine bessere Welt nach Corona«, wie es Zukunftsforscher Matthias Horx in einem vielbeachteten Essay zu Beginn der Krise formuliert hatte, besteht noch. Die Grundsatzfragen »Wie wollen wir in Zukunft leben?« und »Wofür tragen wir Verantwortung?« rücken aber zusehends in den Hintergrund.

Mit der langen Dauer der Pandemie trat Ernüchterung ein. Von der Hoffnung auf eine Wende zu einer solidarischen Gesellschaft und einer nachhaltigen Lebensweise blieb wenig übrig. Von der nutzlosen Untätigkeit ermüdet und von den restriktiven Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens genervt, schlug die anfänglich große Bereitschaft, die Maßnahmen mitzutragen, in Widerwillen um.

Eine durchaus erstaunliche Entwicklung, die sich jedoch durch den hohen gesellschaftlichen Wert der Arbeit erklären lässt. So werden Freizeit und Familie in Öster­reich zwar sehr geschätzt – gerade jetzt in der Krise zeigt sich aber die besondere Bedeutung von Arbeit. Ein Viertel der Erwerbstätigen befand sich zumindest tageweise im Homeoffice, für rund 1,3 Millionen Menschen wurde Kurzarbeit beantragt, 530.000 Menschen verloren ihren Job.

In vielen Familien war die Belastung durch die Ausgangsbeschränkungen stark spürbar. Vor allem für Frauen, die schon vor der Krise den Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernahmen, bedeuteten die Schließungen von Schulen und Kindergärten oftmals Überforderung. Abhängig von der jeweiligen Wohnsituation zeigt sich ein heterogenes Bild: Mit Balkon, Dachterrasse oder Garten lässt sich ein Lockdown wesentlich angenehmer durchtauchen als in einer beengten Stadtwohnung.

So erklären sich auch die Unterschiede in der Lebenszufriedenheit. Frauen und Arbeitslose zeigten sich in Erhebungen seit Beginn der Krise deutlich unzufriedener als die Gesamtbevölkerung. Die Krise hat die Relation von Arbeit und Freizeit verschoben, dennoch hat die Bedeutung von Arbeit nicht an Relevanz verloren. Wie wichtig sie nicht nur für das materielle, sondern insbesondere für das psychische Wohlbefinden ist, zeigt sich erst, wenn sie weg ist.

Permanenter Fortschritt

Doch auch Stress ist ein Risikofaktor, der zu körperlichen und seelischen Erkrankungen führen kann. Der digitale Wandel und Kommunikationsformen, die unseren Alltag ständig mit Nachrichten fluten, fördern die hektische Ruhelosigkeit. Der permanenten Erreichbarkeit kann sich kaum jemand entziehen.

Dafür braucht es Hilfsmittel: Um den stetigen Informationsfluss zu unterbrechen, wurden Blockierfunktionen für Handy-Apps entwickelt. Für den bewussten Musikgenuss gibt es bereits Kopfhörer, die bei ruckartigen Bewegungen die Lautstärke reduzieren und damit den Hörer »mahnen«, sich auf die Musik zu konzentrieren und sich zu entspannen. ForscherInnen der Donau-Universität Krems und der Universität Ulm wollen mithilfe der App »Track Your Stress« unterschiedliche  Auslöser von Stress und Bewältigungsmuster analysieren.

Was die Wahrnehmung der schnelllebigen Zeit betrifft, zeigt sich ein eindeutiges Bild. Laut einer Studie des Instituts marktmeinungmensch basierend auf Daten, die von IMAS im November und Dezember 2019 erhoben wurden, herrscht in der österreichischen Bevölkerung eine große Diskrepanz zwischen gefühlter und gewünschter Geschwindigkeit im Leben.

Auf einer Skala von 1 bis 7 (1 = die Zeit steht fast still, 7 = die Zeit ändert sich rasend schnell) liegt die erlebte Geschwindigkeit bei 4,7 und die gewünschte Geschwindigkeit bei 3,3. Dieser Eindruck der Schnelllebigkeit zieht sich gleichförmig über alle Altersgruppen. 71 % der befragten ÖsterreicherInnen sind der Meinung, dass das Internet, digitale Kommunikation und soziale Medien ihr Leben beschleunigen.

Faktor Zeit

»Wie wir Zeit wahrnehmen, wie wir mit ihr umgehen, wie wir sie denken – das hat damit zu tun, wie Wirtschaft und Gesellschaft strukturiert sind«, sagt die Soziologin Lisa Suckert, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. »Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erfordern einen anderen Umgang mit der Zeit. Es geht plötzlich nicht mehr darum zu beschleunigen, sondern darum zu verlangsamen. Wir sollen, was die Kurve der Infizierten angeht, Wachstum bremsen, Dynamiken reduzieren.«

Vielen Menschen wurde im Lockdown erstmals bewusst, wie sehr ihr Leben durch Arbeit und Konsum durchgetaktet ist. »Man musste einen neuen Umgang mit der Zeit lernen, sie neu einteilen, sie füllen«, erklärt Suckert. »Das ist eine Freiheit, die man im Alltag sonst gar nicht hat. Aber diese Freiheit kann auch überfordern.«

Zurückgedrängt in unsere eigenen vier Wände hat sich nicht nur unser räumlicher, sondern auch unser zeitlicher Horizont eingeschränkt. Die Pandemie ermöglicht kaum sichere Prognosen, wie sich gezeigt hat. Diese Unwägbarkeiten erzeugen Ängste und Widerwillen.

In der ersten Erhebung für das »Austrian Corona Panel«, das ein Team der Universität Wien seit März monatlich erstellt, wurden die TeilnehmerInnen nach ihrer Einschätzung gefragt, wie lange die Krise dauern werde. Der höchste angeführte Wert war »länger als sechs Monate« – nur wenige Befragte wählten diese Antwortmöglichkeit.

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