Sager und Statements zu »Digitale Lösungen für neues Wirtschaften – Intelligenz für neue Services«

Bei dem Zoom-Gespräch am 17. Juni diskutierten ExpertInnen aus Industrie und Gewerbe zu den Möglichkeiten von IT und Künstliche Intelligenz. Bild: Report Bei dem Zoom-Gespräch am 17. Juni diskutierten ExpertInnen aus Industrie und Gewerbe zu den Möglichkeiten von IT und Künstliche Intelligenz. Bild: Report

In Zeiten von reduzierten persönlichen Kontakten steht in der Wirtschaft alles auf dem Prüfstand: interne Prozesse, Produktions- und Lieferketten, Planung, Kundenservices und vieles mehr. Welche Unternehmen haben bereits richtigen Zugang zu neuen Wegen in der Krise gefunden? Wie sehen die passenden Werkzeuge für die Veränderung von Geschäftsprozessen aus? Was ist prinzipiell bei einer Innovations- und KI-Strategie zu beachten?

Bei einem Zoom-Gespräch des Report am 17. Juni 2020 mit einem Fachpublikum von mehr als 50 Gästen diskutierten Gabriele Bolek-Fügl (Women in AI), Matthias Fiegl (Deutsche Telekom), Nikolaus Kawka (Zühlke Österreich), Gregor Lammer (RHI Magnesita), Hermann Sikora (Raiffeisen Software, GRZ IT Center), Günther Tschabuschnig, (ZAMG), Matthias Uhl (Die Werkbank IT) sowie Martin Szelgrad (Report Verlag). Partner des Publikumsgesprächs waren Die Werkbank IT GmbH und Zühlke Österreich.

Hier geht es zu einem kurzen Video zum Talk (Link)




Matthias Uhl ist Geschäftsführer und Eigentümer von Die Werkbank IT GmbH

"Für uns als IT-Dienstleister bedeutet Digitalisierung alles – das ist unser Geschäft. In dem tiefen, weiten Ozean der Möglichkeiten dazu haben wir für die Zielgruppe Baubranche eine Infrastruktur für Building Information Modelling – BIM – entwickelt, die Baustoffhersteller befähigt, ihre Daten und Systemlösungen wie zum Beispiel Wand- und Schichtaufbauten aus der eigenen digitalen Aufbereitung über wenige Mausklicks direkt in die CAD-Systeme von Architekten und Planern zu bringen. Wir öffnen einen Kanal für die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg, den bereits große Industriekunden wie Saint-Gobain, Knauf, Sto und Austrotherm nutzen.

Die Nachfrage hat sich im Zuge der Krise verstärkt. Viele Kunden ziehen nun Digitalisierungslösungen vor, die ursprünglich erst für nächstes Jahr geplant waren. Unternehmen merken, wie wichtig und hilfreich es ist, wenn im Homeoffice alle Daten zur Verfügung stehen, wenn die jahrelang gepflegte Bürobibliothek plötzlich nicht greifbar ist.

In der Digitalisierung werden leider oft Budgets für Insellösungen verbraten, die man eigentlich nach zwei, drei Jahren wieder wegwerfen müsste. Aber dazu fehlt dann der Mut, weil so viel Geld hineingeflossen ist. So kommt man in einen Prozess, der den Fortschritt im Unternehmen sogar blockieren kann. Deshalb ist neben der Vision auch eine Strategie notwendig, ein externer Berater kann hier eine wesentliche Rolle spielen. Bei Projekten dazu dauert die Findungs- und Vorbereitungsphase mindestens ein halbes Jahr. Im Unternehmen sind das mitunter schwierige Prozesse. Es gibt viel Unsicherheit und bei manchen auch Angst, Fehlentscheidungen zu treffen, die man in ein paar Jahren vertreten muss. Ich glaube aber, durch die Krise ist die Managementebene in den Unternehmen offener geworden, Ideen in Angriff zu nehmen und umzusetzen."




Nikolaus Kawka ist CEO bei Zühlke Österreich

"Zühlke ist ein Hybrid aus einem Beratungsunternehmen, einer Innovationsagentur und einem Engineering-Dienstleister. Wir setzen Projekte auch mit Startups um, sind aber vorwiegend für große Unternehmen tätig, die mit digitalen Geschäftsmodellen ihre Branchen neu definieren. In unseren Projekten bringen wir immer drei Perspektiven ein: die technische und die wirtschaftliche Perspektive und die Bedeutung für den Endkunden. Unsere Ansprechpartner sind die »Intrapreneurs« – innovative und eigenverantwortlich agierende Menschen –, die wir bei der Entwicklung von digitalen Services und Produkten unterstützen.

Ein tolles Beispiel ist unser Kunde Zumtobel, der die Infrastruktur für Lichtmanagement, die in jedem Gebäude vorhanden ist, für digitale Services nutzt. Ein anderes Beispiel betrifft einen Industriepumpenhersteller. Die Technik wird mit einer App ausgestattet, die Lüftungsgeräusche der Pumpe an die Cloud überträgt. Über künstliche Intelligenz kommt die Meldung, ob die Pumpe kaputt ist oder noch optimal läuft. Es scheint nach außen hin einfach – dahinter steckt aber ein komplexes Expertensystem, das für die Kunden einen großen Wettbewerbsvorteil ergibt. Für die Schweizer Bahn hat Zühlke eine Lösung entwickelt, durch die auf den Überkopftafeln der Bahnsteige angezeigt wird, in welchem Waggon es noch freie Sitzplätze gibt.

Die Schlagzahl und die Angst, am Markt überholt zu werden, ist bei vielen groß. Wir versuchen aber bewusst, mit unseren Kunden Zelte statt Paläste zu bauen. Das heißt: Projekt und Ideen schrittweise und sinnvoll zu entwickeln und umzusetzen. Am spannendsten sind für mich jene Projekte, in denen es gelingt, mittels KI auch das Endkundenerlebnis zu verbessern.

Für den Hersteller BWT haben wir beispielsweise innerhalb von nur zwei Monaten einen Wasserspender entwickelt, der berührungslos über Mimik durch Gesichtserkennung gesteuert wird. In Hinblick auf Covid19 werden wir aus hygienischen Gründen vielleicht in Zukunft noch häufiger mit Geräten zu tun haben, die kontaktlos bedienbar sind.

Die Situation derzeit gibt vielen das Mandat, tapfer und unverfroren zu sein, um gegenüber Mitbewerbern Boden wettzumachen. Wir alle haben das große Privileg, bei vielen Unternehmen die Geschäftsmodelle der Zukunft sehen zu können. Es hebt sich in den Projekten kurz der Vorhang, wie die Welt 2025 aussehen wird. Wir sollten das nutzen – und wir ermutigen unsere Kunden, rauszugehen, zu experimentieren und rasch zu lernen. Und KI ist für mich wie der Motor im Auto – die wichtigste Frage ist aber: Wohin soll das Auto fahren?"




Gabriele Bolek-Fügl ist Repräsentatin des Vereins "Women in AI"

"Unser Anliegen bei "Women in AI" ist, Diversity Management im Bereich künstliche Intelligenz zu forcieren. 95 % aller Programmierer heute sind die vielzitierten »weißen Männer« – es liegt auf der Hand, dass die Bedürfnisse von Frauen, aber auch von ethnischen Gruppen nicht die gleiche Priorität bekommen. Grundsätzlich müssen wir Software für eine breitere Gruppe entwickeln.

Einen Algorithmus mit Daten zusammenzuwerfen und fertig ist das Projekt – so geht es ja nicht: Man braucht qualitativ hochwertige, ausgewogene Daten und muss im Unternehmen einige organisatorische Weichen stellen, bevor man mit künstlicher Intelligenz das Geschäftsmodell abbilden kann. Es gibt eine Leitlinie der EU für den Einsatz einer vertrauenswürdigen künstlichen Intelligenz. Sie ist zunächst ein guter Leitfaden für Unternehmen, um ein KI-Projekt Schritt für Schritt umzusetzen.

Zwei Beispiele möchte ich hervorheben: Im medizinischen Bereich kann künstliche Intelligenz sehr schnell und effektiv Bilddaten auswerten. Die Universität Heidelberg führt gemeinsam mit der Deutschen Krebsforschung ein Projekt durch, das schwarzen Hautkrebs erkennen soll. Von dieser Anwendung profitiert auch die Gesellschaft. In Estland wird derzeit ein großes Projekt aufgesetzt, in dem es um gerichtliche Auseinandersetzungen bei Verträgen geht. Liegt der Streitwert unter 7.000 Euro, wird das erstinstanzliche Urteil künftig von einer künstlichen Intelligenz gefällt. Nur bei Einspruch geht der Fall zu einem Richter zurück.

Das größte Missverständnis ist, dass ein KI-Projekt irgendwann fertig ist – genau das ist es nämlich nie. Was wir heute sehen, sind regelbasierte Systeme, die mit alten und oftmals nicht qualitativ aufgewerteten Daten trainiert wurden. Wir kennen das von uns Menschen: Immer wieder gibt es Aha-Erlebnisse und plötzlich ist unsere Perspektive völlig anders, unsere Entscheidungen ändern sich. Auch in der Medizin gibt es laufend neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die berücksichtigt werden müssen. Eine robuste und vertrauenswürdige KI beruht nicht nur auf technischen Möglichkeiten, sondern auch auf sozialer Ausgewogenheit. Ich empfehle auch, Feedbackprozesse im Unternehmen zu implementieren. Zudem müssen Haftungsbedingungen angepasst werden, etwa wenn eine KI Entscheidungen trifft oder vorselektiert."




Gregor Lammer ist VP AI Kickstart und Senior Project Manager Digital Technologies bei RHI Magnesita

"RHI Magnesita betreibt eigene Minen, produziert Feuerfestprodukte und liefert diese zu den Kunden. Wir investieren in Radenthein in den nächsten Jahren 50 Millionen Euro in die Automatisierung und Digitalisierung sowie in die Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Digitalisierung betrifft aber auch unsere Zusammenarbeit im Team: In einem globalen Konzern gibt es kaum ein Projekt, bei dem alle Mitarbeiter an einem Ort sitzen. Videokonferenzen waren schon vor Corona Teil unseres Arbeitslebens. In meinen Projekten habe ich E-Mail-Verkehr völlig abgeschafft. Wir verwenden Chat-Programme, dadurch ist für das Team alles viel transparenter.

Die Digitalisierung verändert aber auch stark unsere Services für die Kunden. Um unsere Produkte im Feuerfestbereich – spezielle, feuerfeste Steine und Feuerfestbeton – bauen wir digitale Services. Denn die Lebensdauer der eingesetzten Materialien ist begrenzt.

Eines der Projekte, die wir gerade ausrollen, ist »Automated Process Optimization – APO«: Mithilfe von Machine Learning werden hier Vorhersagen getroffen, wann Komponenten ausgetauscht oder serviciert werden müssen. Bisher wurden hier Messdaten auf Papier ausgedruckt und abgelegt. Jetzt laden unsere Kunden diese Daten in unsere eigene, sichere Cloud. Wir gleichen die Daten mit den Produktionsdaten der Feuerfestprodukte ab und errechnen einen digitalen Zwilling. Aufgrund dieser Prognosen können die Wartungsarbeiten exakter geplant werden. Der größte Kostenfaktor in der Stahlproduktion sind ungeplante Abstellzeiten. Die Kostenersparnis für unsere Kunden liegt im sechs- bis siebenstelligen Bereich."




Matthias Fiegl ist Vice President IoT Commercial Europe in der Deutschen Telekom

"Österreich ist innerhalb der Deutschen Telekom der innovative Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Große Unternehmen wie BMW nutzen in allen Autos weltweit SIM-Karten für E-Call, die von Magenta Österreich geliefert werden. Ein anderes Beispiel für den globalen Einsatz unserer Connectivity-Lösungen ist Container-Tracking. Hapag-Lloyd verfolgt und überwacht zu jeder Sekunde seine Container über Satelliten, egal ob zu Wasser oder am Land. In Österreich bieten wir ein Rundum-Package mit Consulting, Hardware für Prototypen, Applikationen und Gesamtlösungen bis zur Integration beim Kunden. Wir fokussieren uns auf Logistik- und Transportunternehmen, aber auch auf Kommunen. Smart City ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Die Stadtwerke Wien nutzen unsere IoT-Plattform, um die Daten von ihren Devices überall in der Stadt zu sammeln und daraus entsprechende Prozesse anzustoßen.

Wir kommen bei großen Projekten oft erst sehr spät zum Zug, wenn etwa festgestellt wird, dass noch eine Datenübertragung gebraucht wird. Wir sehen aber sehr deutlich, wann Projekte besonders gut funktionieren: Es braucht eine Führungspersönlichkeit, welche die Digitalisierung durchs Haus trägt. Und durch externe Partner entstehen oft neue Ideen, die beflügeln.

Mein Rat ist: Mit kleinen agilen Projekten beginnen und austesten, ob diese funktionieren – daraus lernen und den nächsten Schritt machen. Bis zum Rollout können eineinhalb Jahre vergehen.

Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen. Aber KI und Digitalisierung werden kommen. Der Zug ist am Rollen, man kann ihn nicht aufhalten. Deshalb bin ich der Meinung, dass es für unsere Gesellschaft besser ist, KI und Digitalisierung sinnvoll mitzugestalten."




Hermann Sikora ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Raiffeisen Software GmbH und GRZ IT Center GmbH

"Unsere Kunden sind Banken und damit wie alle Informationsverarbeiter von der Digitalisierung klarerweise besonders betroffen. Für mich ist Digitalisierung ein Prozess mit einem definierten Anfang und Ende. Er bringt die postindustrielle Informationsgesellschaft, in der wir uns jetzt befinden, in die digitale Gesellschaftsform. Diese Transformation wird extrem werden.

Europa hat in der IT schon vier Mini-Revolutionen verloren: In den 1980er-Jahren wurde die PC-Revolution unterschätzt, in den 1990ern die Internet-Revolution, in den 2000er-Jahren die Plattform-Revolution – Stichwort Social Media – und in den 2010er-Jahren die Cloud-Revolution. Die letzte Chance ist das »Internet of Things«, mit der Industriestärke Deutschlands an der Spitze. Hier wird die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Europa für die nächsten 100 Jahre entschieden und wir sollten dabei sein. Sorge bereitet mir, dass sich Europa auch im Industriebereich in die Abhängigkeit anderer Regionen begeben könnte und zwischen den USA und China aufgerieben wird.

Was Banken jetzt schon betrifft, wird alle Industrien erfassen. Die zentrale Frage ist: Digitalisieren wir bekannte Themen oder schaffen wir etwas Neues? Die Digitalisierung hat viele traditionelle Marktgesetze völlig außer Kraft gesetzt. Wenn man sich anschaut, wie schnell kleine Firmen wie beispielsweise Instagram oder WhatsApp zu Techno-Oligopolen heranwuchsen – die damit verbundenen Netzeffekte und Hebelwirkungen wurden lange dramatisch unterschätzt.

Es ist absurd zu glauben, dass herkömmliche Managementmethoden im digitalen Zeitalter ausreichend wirksam sind. Auch und gerade Top-Führungskräfte müssen die Wirkmächtigkeit dieser Technologien vollinhaltlich verstehen und deren Netzeffekte und digitale Hebel nutzen. Experimentierkultur und Diversity sollten explizit gefördert werden. Wenn wir den letzten großen Bereich, die IoT, im Sinne aktiver globaler Mitgestaltung auch noch verlieren, dann besteht die Gefahr, dass in Europa immer mehr Lichter ausgehen werden."




Günther Tschabuschnig ist Bereichsleiter IT bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik – ZAMG

"Data Analytics ist für uns nichts Neues – wir machen das bereits seit 1851. Die ZAMG ist das älteste meteorologische Institut der Welt und betreibt zwei Rechenzentren mit High-Performance-Computern – eines davon auf der Hohen Warte mit rund 20 Petabyte Datenspeicher und nochmal 20 Petabyte in der Cloud. Pro Minute bekommen wir 100.000 Datensätze herein. Diese Zahlen sind wichtig, um zu verstehen, wie digitale Prozesse bereits unser Geschäft bestimmen.

Das ZAMG zählt zur kritischen Infrastruktur in Österreich und ist das Satellitendatenzentrum der ESA. Allein in Wien sind 400 Kolleginnen und Kollegen tätig. Dazu kommen weitere Standorte wie das Sonnblick-Observatorium, ein Mini-Rechenzentrum am Gletscher. Auf dem Gebiet des »Shortcasting« – das betrifft die nächsten fünf Minuten bis drei Stunden mit einer Auflösung von 50 bis 150 Meter – ist die ZAMG weltweit führend. Wir machen Wettervorhersagen für die Olympischen Spiele und sind Auswertungszentrum für illegale Atomtests.

In unserem IoT-Netzwerk hostet und wertet auch die Stadt Wien ihre Daten aus. Denn das Stadtklima hat Auswirkungen auf die Verkehrssteuerung, das Baumanagement und andere Entscheidungen. Im Autoverkehr sind besonders das Bremsen und das Anfahren schadstoffbelastend. Mit unserem IT-Netzwerk und Umweltdaten versuchen wir nun, die Ampelschaltungen in Wien dynamisch abzustimmen. Dafür setzen wir KI und klassische Analytics ein, dahinter stehen mathematisch-physikalische Modelle.

Unsere Services eignen sich auch für kleinräumige Vorhersagen etwa für Windparks. Mit der letzten Böe wird das Windrad richtig in Stellung gebracht, um den Wirkungsgrad bei der nächsten Windböe zu steigern. Als halböffentliche Institution haben wir recht schnell gemerkt, dass Kooperation in der Digitalisierung am wichtigsten ist. Wenn wir schon solche Systeme entwickeln, bieten wir diese auch nach außen an. Die IT wird vom Dienstleister zum strategischen Partner. Man muss aber die Fachabteilungen mit ins Boot holen. Wir wollen klassische Themen mit künftigen Möglichkeiten verknüpfen, unser Fachwissen anwenden und Mehrwert für die Menschen schaffen."

Last modified onMittwoch, 24 Juni 2020 17:03
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