Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Schön & Hässlich

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Wie kann ein so schönes Land so hässlich sein? Führend in Innovation und führend in der Mordstatistik. Die USA – immer noch der Wilde Westen.

Von Manhattan aus, über den Hudson River, blickt man auf Jersey City, eine boomende Stadt, die es am 10. Dezember 2019 wieder in die Schlagzeilen schaffte. Kurz nach Mittag hatte der Polizist Joseph Seals einen Kastenwagen angehalten, der als gestohlen gemeldet gewesen war.
Plötzlich eröffneten die Verdächtigen das Feuer, verletzten den Beamten tödlich, setzten ihre Fahrt in ein Wohngebiet fort, bunkerten sich in einem Lebensmittelladen ein und feuerten auf alles, was sich bewegte. Mehr als 200 Mal, wie Augenzeugen berichteten. Die Spezialeinheiten der Polizei schafften es erst nach mehr als drei Stunden, dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Die furchtbare Bilanz: Drei Zivilisten, ein Polizist und die zwei Kriminellen tot, zwei Polizisten schwer verletzt und eine ganze Nation unter Schock.

Damit schafft es dieser Vorfall auf die Liste der Massenschießereien. 395 wurden 2019 gezählt, das heißt 395 Mal wurden an einem Ort zur selben Zeit bei einem »Shoot-out« mehr als vier Menschen getötet. Das Gun-Violence-Archive zählt 37.070 Opfer von Schusswaffen von 1. Jänner bis 10. Dezember des Jahres.

Wenn Waffen zur Hand sind, wird ein Mord viel wahrscheinlicher. Selbst Raubdelikte enden in den USA häufig tödlich.

14.300 Menschen wurden durch Schusswaffen ermordet, 22.770 haben die Waffe gegen sich selbst gerichtet und damit ihrem Dasein ein Ende bereitet. Es ist eine  gewalttätige Nation und die Antwort darauf, warum das so ist, wurde schon vor langer Zeit gegeben. Das 1999 von Franklin Zimring und Gordon Hawkins veröffentlichte Buch »Crime is not the problem« gilt als das maßgebliche Werk zu dem Thema und es kommt zu dem überraschenden Schluss: Die USA haben mit anderen Industrienationen vergleichbare Kriminalitätsraten, Amerikas Kriminelle sind nicht mordlustiger als ihre Genossen in Japan, Großbritannien oder gar Österreich.

»Die Ursache eines großen Teils der Morde resultiert aus Streitereien zwischen Bekannten.« Die Konflikte werden mit dem gelöst, was gerade da ist – und das sind in den USA eben Schusswaffen. »Wenn ein Bandenmitglied mit einem anderen Bandenmitglied streitet oder wenn ein Räuber einen Spirituosenladen überfällt, besteht immer das Risiko, dass eine Situation gewalttätig eskaliert. Wenn dann ein handliches Werkzeug da ist, das speziell für den Zweck erzeugt wurde, effizient zu töten, dann wird ein Mord viel, viel wahrscheinlicher.«

Zimring und Hawkins haben Daten aus New York City und London verglichen. Ähnliche Raubdelikte enden in der US-Metropole 54 Mal so oft mit einem Mord. Waffen, nicht die Kriminalität an sich, sind das Problem.

Das besonders Tragische am Tod des Polizisten Joseph Seals in Jersey City ist, dass er Teil eines Einsatzkommandos war, das gezielt Waffen aus dem Verkehr ziehen soll.

Seals wurde also ermordet beim Versuch, das umzusetzen, was Zimring und Hawkins vor zwei Jahrzehnten als einen Teil der Lösung ausgemacht haben. Die USA können so hässlich sein.

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