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Blick in die Zukunft

Bautrends sind vor allem durch den Klimawandel bestimmt. Im Vordergrund steht die Zukunftstauglichkeit des Baubestands. Auch die Forschung dreht sich in erster Linie um Nachhaltigkeit.

Digitalisierung und Lean Construction sind bekannt. Einen enormen Beitrag müssen wir in Zukunft rund um Nachhaltigkeit und Ökologisierung leisten, v. a. im Tiefbau«, erklärt Michael Pauser, Geschäftsführer der Österreichischen Bautechnik Vereinigung. Im Hochbau ist Nachhaltigkeit bei Bauprodukten und Bauweisen bereits Standard, es gibt viele engagierte Architektinnen. Kommunen und Bauherren tendieren angesichts hoher Entsorgungskosten von 30 bis 60 Jahre alten Gebäuden mit Mineralfasern, HFKW-haltigen Dämmplatten und Asbest zu mehr Nachhaltigkeit. Kreislaufwirtschaft wird ein immer größeres Thema. Der Bau+Immobilien Report hat mit VertreterInnen der Baubranche und Bauforschung über Bautrends gesprochen.


Gespräch mit Thomas Romm
Trend ReUse

Blick in die Zukunft

Die großen Baustoffströme gehen laut IBO nach wie vor Richtung Baustoffrecycling. Thomas Romm, Gründer von BauKarussell, sieht Re-Use bereits u. a. durch den Green Deal befeuert und zwar europaweit. »Internationale Netzwerke bringen das Thema voran, auch im großvolumigen Bau.« Durch Re-Use werden 90 Prozent der Intelligenz eines Produktes erhalten. Gefördert wird auch das öffentliche Bewusstsein, u. a. durch Ausstellungen wie Material Loops in Graz, Webinare zum Thema Re-Use im Baubereich, etwa gehalten am 29. April von RepaNet, die Biennale for Change oder die Steiermark Schau.

»Vor allem im Ausbildungsbereich lässt sich viel erreichen.« Romm verweist auf seine Lehrveranstaltungen an der TU Wien, der TU München und an der Akademie der bildenden Künste. Das Thema Sanierung müsse anders angegangen werden und zwar hin zu Aufstockung und Weiternutzung tragender Strukturen. Der Architekt informiert über das eben abgeschlossene Projekt »Village im Dritten« (Bauherr: ARE Austrian Real Estate) im 3. Wiener Gemeindebezirk. »Knapp 50 Tonnen Material – Buntmetalle ebenso wie Fensterelemente, Betonsteinfliesen und Stahlträger – konnten aus den Gebäuden gewonnen werden.«


Gespräch mit Ute Muñoz-Czerny
Trend low-tech

Blick in die Zukunft

Seit Anfang des Jahres gilt die neue EU-Gebäuderichtlinie 2010/31/EU, wonach alle Neubauten als Niedrigstenergiehäuser gebaut werden müssen. Solaranlagen, Lüftungssysteme, Wärmepumpen, innovative Bauweisen und Materialien gewinnen damit noch mehr an Bedeutung. Ute Muñoz-Czerny vom Institut für Baubiologie und -ökologie, IBO, sieht in low-tech die Lösung. »Hocheffiziente Gebäude lassen sich mit einfachen, aber sehr dauerhaften und ressourcenschonenden baulichen Komponenten umsetzen.«

Thermische Fähigkeiten der Gebäudehülle, eine offene Architektur, die natürliche Belichtung und Potential für natürliche Belüftung nützt, verringern etwa den Aufwand für Klimatisierung und Lüftung. Der Anteil der gebauten, aber der eigentlichen Nutzung entzogenen Kubatur z. B. für Verkabelungen, Verrohrungen und Aggregate der Haustechnik, wird kleiner. »Ein Themenfeld, das inhaltlich gut zu low-tech passt, ist die Anwendung von weniger energieintensiven Materialien. Hier forschen wir am Lehmbau und begleiten den ersten aus Holz/Stroh/Lehm errichteten geförderten mehrgeschoßigen Wohnbau in Wien«, ergänzt sie. (Derzeit noch in der Planungsphase).


Gespräch mit Susanne Lins
Trend Sharing

Blick in die Zukunft

Teilen von Gebäudeinfrastruktur ist Thema des Projekts Pocket Mannerhatten von tatwort. »Es geht um Sharing, genauer gesagt, um das Vernetzen und Teilen von Gebäudebereichen und Infrastrukturen, die sonst nur von den dort wohnenden Personen genutzt werden«, informiert Susanne Lins, die Geschäftsführerin von tatwort – Nachhaltige Projekte.

Durch räumliche Verbindungen z. B. von Innenhöfen oder begehbaren Dachflächen, und das Erteilen von Nutzungsrechten können Räume wie Werkstätten, Waschküchen oder Indoor-Spielplätze gemeinsam genutzt werden. Die Errichtungs- und Wartungskosten für z. B. einen Aufzug reduzieren sich, wenn dieser von mehreren Gebäuden genutzt wird. Gedacht ist auch an zukunftsfähige Formen der Mobilität, etwa an einen gemeinsamen Fuhrpark aus Fahrrädern, Lastenrädern, E-Bikes und / oder E-Autos. Derzeit werden Sharing-Lösungen anhand eines Häuserblocks aus der Gründerzeit in Wien-Ottakring erarbeitet.

»Die gründerzeitlichen Häuserblocks ähneln einander und es gibt sie ca. 2.800 mal in Wien. Lösungen lassen sich leicht übertragen.« Die Bereitschaft zum Sharing sollte unterstützt werden, etwa durch beschleunigte Genehmigungen oder die Unterstützung beim Planungsprozess. Als weiteres tatwort-Projekt nennt Susanne Lins das Projekt GLARA, bei dem Bürger, Architekten und Bauträger in die Freiraumplanung mittels einer 3D-App einbezogen werden. »Freiraum-Pläne werden leicht verständlicher und erlebbar gemacht.« Der erste Prototyp des Tools wird im 7. Wiener Gemeindebezirk umgesetzt.


Gespräch mit Bernhard Lipp
Trend Energieflexibilität

Blick in die Zukunft

»Wie kann man Behaglichkeit in Einklang bringen mit volatiler Energieerzeugung?« stellt Bernhard Lipp eine aktuelle Frage. Dazu läuft am IBO das Projekt Flucco+. Ziel ist die Verbesserung der Planungsgrundlagen für die Errichtung und den Betrieb energieflexibler Bestands- und Neubauten. Das Projekt läuft bis Mitte 2022. »Künftig soll es möglich sein, vorhersehbare, aber zeitlich nicht beeinflussbare Energiemengen aus erneuerbaren Energiequellen direkt zu nutzen und heute teils noch diametral gegenüberstehende Interessen von Gebäude-Akteuren zu verbessern.«

So sollen die Energienetze entlastet und die Notwendigkeit von zusätzlichen Speichern reduziert werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei Gebäude und Quartiere, deren Konstruktionsweise, Ausstattung und Nutzung eine gute Möglichkeit bieten, den Verbrauch an die volatile Produktion anzupassen und damit die Nutzung regenerativer Energiequellen zu verbessern.


Gespräch mit Gerald Hofer
Trend Begrünung

Blick in die Zukunft

Beleben lassen sich Gebäude auch durch Begrünungsmaßnahmen. Kletterpflanzen an der Fassade sorgen für ein positives Mikroklima, sie halten das Temperaturniveau der Gebäudeoberfläche niedriger. Bauwerksbegrünungen helfen auch gegen Verwitterung und können so Sanierungs- und Wartungskosten senken. Susanne Lins verweist dazu auf das Modul BeRTA, das in Wien auch gefördert wird (Informationen unter www.berta-modul.at oder bei der Umweltberatung). Gearbeitet wird mit trog- statt wandgebundenen Systemen.

»Damit wird der Prozess simpel gehalten, der Genehmigungsprozess stark vereinfacht.« Realisiert ist BeRTA bereits mehrfach im 10. Gemeindebezirk und einem Unternehmen in der Wiener Innenstadt, weitere Projekte befinden sich in Planung und teils in Umsetzung. Gerald Hofer, Experte für Bauwerksbegrünung bei GrünStattGrau, verweist auf die verlängerte Lebensdauer von Dachabdichtungen durch Dachbegrünung. »Sie schützt wirksam vor UV-Strahlung, Hagelschlag, Hitze und Kälte. Dadurch wird die Nutzdauer um mindestens zehn Jahre verlängert, wenn nicht sogar verdoppelt.« Bzgl. Fassadenbegrünung gibt es seit April die ÖNORM L1136, die europaweit erste Norm für Vertikalbegrünung.


Gespräch mit Univ.-Prof. Christian Hanus
Trend Forschung

Blick in die Zukunft

Univ.-Prof. Christian Hanus, Dekan am Department Bauen und Umwelt an der Donau-Universität Krems, sieht in der zunehmenden Kreislaufwirtschaft, in Nachhaltigkeit und Energieeffizienz viel Forschungspotential. Eines der Forschungspakete an der Donau-Uni bildet dazu die Cool-Serie. »Bei diesen bauphysikalischen Projekten werden Strategien und Konzepte für die aktive und passive Kühlung bestehender und neuer Gebäude entwickelt.«

Beim Projekt monumentum ad usum werden gezielt historische Bauwerke hinsichtlich der Entwicklung des Energieverbrauchs in der Zukunft untersucht. Hanus verweist auf den Rückgang des Heizwärmeverbrauchs infolge steigender Jahresmitteltemperaturen bei zumeist nur marginal ansteigendem Kühlbedarf. Als Projekt rund um neue Bauweisen steht eine Kooperation mit der Universität von Camerino in Vorbereitung. Entwickelt werden innovative Montagesysteme in Holzbauweise, die eine optimierte Handhabung, verbesserte ökologische Werte sowie Flexibilität in der Nutzung bieten.

 

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